Zürich (www.aktiencheck.de) - Die Wahlen in Frankreich und Griechenland haben die Sorgen um die Euroschuldenkrise neu entfacht, so Dr. Jan Amrit Poser, Chefökonom bei der Bank Sarasin & Cie AG.
Neben der Überschuldung werde mangelnde Wettbewerbsfähigkeit als das größte Hindernis für einen Aufschwung in der Währungsunion angesehen. So sei es kein Wunder, dass eine der größten Sorgen von Anlegern um die bange Frage kreise, ob der Euro als nächstes massiv an Wert verlieren werde.
Stelle sich zunächst die Frage, gegenüber welcher Währung der Euro noch stark fallen sollte. Nachdem er gegenüber dem Japanischen Yen von ca. 170 im Jahr 2008 auf knapp über 100 gefallen sei und auch gegenüber dem Schweizer Franken von ca. 1,70 im Jahr 2007 auf 1,20 gesunken sei, seien die jeweiligen Zentralbanken zu massiven Interventionen übergegangen. Auch China und andere Schwellenländer würden seit Jahren aktiv in den Devisenmärkten intervenieren, um eine Aufwertung zu verhindern. Solange der US-Dollar nicht steige, werde keine andere Zentralbank den Euro stark abwerten lassen.
Zum zweiten sei allein die Tatsache, dass eine Abwertung des Euros einige Probleme wie die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit und die schwache Binnennachfrage lösen würde, kein hinreichender Grund dafür, dass dies auch eintreffe. Bei Währungen gehe es nämlich nicht um eine absolute, sondern immer nur um eine relative Betrachtung. Es komme also auf den Vergleich mit den anderen Währungen an. Betrachte man den Euro relativ zum US-Dollar und Britischen Pfund, scheine er in diesem Hässlichkeitswettbewerb die am wenigsten hässliche Alternative zu sein.
Tatsächlich sei Euroland gemessen an den wichtigsten Fundamentaldaten noch immer besser aufgestellt als es die momentane Stimmung reflektiere. Erstens seien die Staatsschulden und -defizite im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) niedriger als in den USA. Und während der Schuldenstand im Euroland aufgrund der tiefgreifenden Austerität fallen sollte, werde er in den USA vorerst weiter steigen. Zweitens sei die Wettbewerbsfähigkeit nur unter den Euro-Ländern ein Thema. Euroland sei insgesamt gesehen wettbewerbsfähig, was sich auch an der ausgeglichenen Leistungsbilanz reflektiere. Dahingegen würden eher die USA eine Abwertung des US-Dollars brauchen, um ihr Handelsdefizit zu reduzieren. Drittens sei der Anstieg der Euro-Liquidität seit dem Beginn der Finanzkrise 2007 - trotz der massiven Geldspritzen der EZB - im Euroland geringer gewesen als in UK und den USA. Die Zentralbankbilanz und die breitgefasste Geldmenge M2 seien im Euroland weniger stark angestiegen.
Gemäß den Analysen der Bank Sarasin habe die Differenz der Realzinsen zwischen den USA und Deutschland, welche die Erwartungen über Inflation und Zinsverlauf widerspiegele, den besten Zusammenhang mit dem EUR/USD-Wechselkurs. Wenn Erwartungen einer erneuten EZB-Zinssenkung aufkämen, würde der Euro tendenziell schwächer werden. Ein Großteil davon sei jedoch schon im momentanen Euro-Kurs enthalten. Angesichts der Tatsache, dass der Euro die am wenigsten hässliche Währung sei, erwarte man, dass er vorerst gegenüber dem US-Dollar noch stärker werde. (08.05.2012/ac/a/m)