Berlin (aktiencheck.de AG) - "Die deutsche Konjunktur ist aus der Intensivstation in die Reha gewechselt, aber von einer kräftigen Gesundung kann noch keine Rede sein." Dieses Zitat von Wolfgang Franz, dem Präsidenten des ZEW-Instituts beschreibt die aktuelle Konjunkturlage sehr treffend, so die
Analysten der Weberbank.
Zwar sehe man leichte Verbesserungen bzw. Stabilisierungstendenzen, ein deutliches Wiederauferstehen der krisengeschüttelten Industrie sei hingegen noch nicht in Sicht. Auch in den USA habe sich die Industrieproduktion zuletzt per Saldo seitwärts entwickelt. Ein genauerer Blick zeige, dass das Auslaufen des so genannten Cash-for-Clunkers-Programms - also dem amerikanischen Pendant zur deutschen Abwrackprämie - Spuren hinterlassen habe. Der jüngste Aufschwung im Automobilproduktionssegment scheine zu einem vorläufigen Ende gekommen zu sein, und auch die übrigen Industriesektoren könnten nicht mit deutlichen Wachstumsraten glänzen.
Immerhin habe es aber auch keine Verschlechterung der Daten gegeben, sodass die Hoffnung auf Stabilisierung der Wirtschaft nicht unberechtigt sei. Die Arbeitslosenquote habe bei 9,7% verharrt, wobei bei der künftigen Betrachtung immer im Hinterkopf behalten werden sollte, dass die USA vor dem Mammutprojekt einer Volkszählung stünden. Hierdurch würden in den nächsten Wochen über 1,4 Mio. neue Arbeitsplätze entstehen. Allerdings werde dieses Strohfeuer schnell verpuffen, wenn die Volkszählung beendet sei. Denn im Juni bzw. Juli würden diese Jobs wieder wegfallen.
Die Konjunkturlage in Europa und speziell in Deutschland sei dem Zitat von Wolfgang Franz entsprechend als ernst aber nicht hoffnungslos einzustufen. Zwar sei das Konjunkturbarometer des ZEW-Instituts zum sechsten Mal in Folge leicht zurückgegangen. Die Industrieaufträge in Deutschland hätten dafür positiv überraschen können. Hoffnungsvoll stimme, dass sich hier insbesondere die Aufträge aus dem Inland hätten verbessern können.
Nach langer Zeit gebe es auch aus Japan etwas Positives zu berichten. Neben der Tatsache, dass man sich mit einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von knapp 2,5% im Jahr 2009 an die Spitze der klassischen Industrienationen gesetzt habe, würden die Stimmungsindikatoren im Land zuletzt einen positive Entwicklung andeuten. Japan profitiere hier durch seine Exportausrichtung deutlich von der räumlichen Nähe zur Wachstumslokomotive China. Erschreckend sei allerdings, dass der nun verabschiedete Haushalt nicht nur ein Rekordvolumen erreicht habe - das habe Japan mit Europa und den USA gemein -, sondern dass die neuen Schulden erstmalig die jährlichen Steuereinnahmen des Landes übersteigen würden.
Trotz leichter Verbesserungen bleibe die Konjunkturerholung doch eher durchwachsen. Die Amerikaner hätten dafür den Begriff der "Muddle Through Economy", also einer "sich durchwurschtelnden Wirtschaft", erschaffen. In diesem Umfeld sollten die Leitzinsen der Notenbanken weiter niedrig bleiben. Mit einer immer länger anhaltenden Niedrigzinsphase steige auch der Druck auf institutionelle Investoren, wie zum Beispiel Versicherungen, ihr Kapital nun endlich anzulegen und nicht länger auf bessere Renditen zu warten.
Nach Erachten der Analysten der Weberbank bleiben die Rentenmärkte dadurch gut unterstützt und bieten im längeren Laufzeitensegment weiter Kurspotenzial. Der USD habe zuletzt mit abflauender Griechenlanddebatte eine Pause in seinem Aufwertungsdrang eingelegt, und es müsse sich nun zeigen, ob er von einer wieder stärker aufflammenden Griechenlanddiskussion weitergetragen werden könne oder ob sich der Euro wieder befestige.
Die Aktienmärkte stünden am Scheideweg. Die Aktienkurse fast aller Märkte stünden kurz vor ihren Zwischen-Hochs aus dem Januar dieses Jahres. Der brasilianische Aktienmarkt stehe gar vor seinem Allzeithoch. Historisch hätten solche Marken einen deutlichen Widerstand geboten, an dem ein Abprallen und ein erneuter Rücksetzer gedroht hätten. Gleichzeitig werde das Überschreiten einer solch wichtigen Marke meist als kräftiges Kaufsignal angesehen.
Warum sei das so? Hier treibe die unsichtbare Macht der Anlegerpsychologie ihr Spiel. Zunächst würden sich viele Investoren eher zurückhaltend positionieren, weil sie damit rechnen müssten, dass der jüngste Aufwärtstrend an der wichtigen Widerstandsmarke ende und die Börsen in eine Korrekturbewegung übergehen würden, innerhalb derer die Aktien noch einmal günstiger zu erwerben wären. Ende der Aufwärtsdrang der Märkte dann wider Erwarten nicht und werde die Widerstandsmarke deutlich überwunden, so kämen immer mehr der abwartenden Investoren in eine psychologisch schwierige Lage.
Entweder es handle sich um Investoren, die Geld für ihre Kunden verwalten würden und die nun befürchten würden, relativ zum Markt ins Hintertreffen zu geraten und damit ihre Kunden zu verärgern. Oder es handle sich um Anleger, die ihr eigenes Geld anlegen würden und Angst bekämen, beim Aufschwung nicht mit dabei zu sein. Einen Hinweis darauf, dass es im Moment viele zurückhaltend positionierte Investoren gebe, finde man in einer Studie der sentix GmbH, die sich der Beobachtung und Erforschung von Anlegerpsychologien verschrieben habe. Hiernach sei der Anteil unentschlossener Investoren auf ein neues Hoch geklettert.
Es bleibe also spannend, und dem Investor sei deshalb zu raten, für den Fall eines weiteres Kursanstiegs zwar weiter in Aktien investiert zu bleiben, diese jedoch mit engen Stop-loss-Limiten gegen ein Abprallen am Widerstand abzusichern. (19.03.2010/ac/a/m)