Sinkende Aktie = fallendes Messer? Ein Realitätscheck.


22.08.19 10:00
Meldung
 
Frankfurt (www.fondscheck.de) - Stellen Sie sich ein fallendes Messer vor. Was würden Sie Ihren Mitmenschen raten? Am ehesten doch wohl: "Lass das Messer erst einmal auf den Boden fallen.
Danach kannst du es behutsam aufheben, ohne dich zu schneiden", so die Experten von DWS.

"Never catch a falling knife" - zu Deutsch: "Greife nie in ein fallendes Messer" - habe sich denn auch als Börsenweisheit unter Anlegern etabliert. Mit dem fallenden Messer sei eine Aktie gemeint, deren Kurs abstürze. Die Schnittwunde, die beim Zugreifen, also beim Kauf riskiert werde, stehe für das Verlustrisiko.

Die Krux sei dabei der Boden. Falle ein Messer in der Küche, sei er klar zu erkennen. Am Aktienmarkt sei das schwieriger. Niemand könne mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, wann eine Aktie den Boden, also ihren vorläufigen Tiefpunkt, erreicht habe und so ihr Kurs wieder nach oben drehen könnte. Genau das wäre aber entscheidend, damit die Rechnung für den Anleger aufgehe, der in fallende Aktientitel einsteige.

Dafür den richtigen Zeitpunkt zu erwischen, sei also schwierig. Denn oft gehe es für eine Aktie nach dem ersten Fall nicht sofort wieder nach oben - und nach einem Stopp - sogar nochmal weiter abwärts. Und häufig seien die Probleme in solchen Firmen hartnäckiger als vermutet. Beginne etwa der Börsensinkflug aufgrund schwacher Innovationskraft, möge ein Unternehmen seine alte Stärke lange oder auch nie mehr zurückgewinnen.

Es gebe dafür Beispiele - etwa ein bekanntes US-Internetunternehmen, das einmal als Vorreiter bei Suchmaschinen gegolten habe oder ein Handy-Hersteller, der den Einstieg ins Smartphone-Geschäft verpasst habe. Manchmal würden auch politische Entscheidungen dafür sorgen, dass Börsenwerte langfristig unter dem Niveau verharren würden, das sie einmal erreicht hätten. Denken wir etwa an die Energiewende, die den einen oder anderen Versorger am Kapitalmarkt arg in Bedrängnis brachte, so die Experten von DWS. Weil die Aktien über viele Jahre als vergleichsweise defensiv und auch noch als dividendenstark gegolten hätten, sei es für zahlreiche Anleger kaum vorstellbar gewesen, dass sie ihre Kursverluste nicht einfach wieder wettmachen könnten.

Fondsprofis würden um dieses Dilemma wissen. Gerade bei Börsenlieblingen würden Investoren oft erwarten, dass die Aktie früher oder später wieder auf altes Kursniveau zurückkehre. Hinzu komme, dass sich nach einem Kursrutsch oft kräftige Gegenbewegungen beobachten ließen. Das wiederum bestärke viele Anleger in der Einschätzung, dass die Trendwende eingeleitet sei. "Leider sind derartige Ausschläge häufig aber nur Verschnaufpausen vor abermaligen Kursverlusten", warne Klaus Kaldemorgen, einer der erfahrensten Fondsmanager Deutschlands, der den Investmentfonds Deutsche Concept Kaldemorgen (ISIN LU0599946893 / WKN DWSK00 ) aufgelegt hat.

Natürlich gebe es aber auch Unternehmen, die die Trendumkehr tatsächlich schaffen würden. So genannte Turnaround-Aktien würden häufig erst schwer an der Börse abstürzen und dann fulminant zurückkehren. Und es seien offenbar gerade solche Aktien, die für die allgemeine Neigung mancher Investoren sorgen würden, immer wieder ins fallende Messer zu greifen.

"Grundsätzlich sollte ein fallender Preis nie das alleinige Kaufargument für eine Aktie sein", sage Fondsmanager Klaus Kaldemorgen. Wer dennoch eine Schnittverletzung für eine vermutete Gewinnchance riskieren wolle, der sollte zumindest die Hintergründe für den Kursrückgang ganz genau klären.

Wenn eine Aktie falle, gebe es natürlich Gründe dafür. Ihr Kurs könne zum Beispiel in den Keller rauschen, wenn das Unternehmen sinkende Gewinne melden müsse oder wenn es von einem Skandal erschüttert werde. Statt blindlinks zuzugreifen, sollten Anleger erst einmal sorgfältig analysieren: Wie stünden die Aussichten, dass die Firma bald wieder Gewinne einfahre? Oder wann könne das Unternehmen den Skandal abhaken und die Stimmung wieder nachhaltig positiv drehen?

Als Anleger in solche "gefallene Engel" einzusteigen, habe sich etwa nach dem Platzen der Dotcom-Blase um das Jahr 2000 gelohnt, so Kaldemorgen: "Wer sich geduldete, bis sich der Staub gelegt hatte, und dann sauber zwischen fundamental schlechten Unternehmen und bloßen Opfern der miesen Stimmung unterschied, der konnte ein Vermögen machen. Ganz nach dem Prinzip: "Qualität setzt sich durch." Nicht jedes fallende Messer berge am Aktienmarkt also auch gleich das Risiko, langfristig Wunden lecken zu müssen. Aber die Gefahr sei ohne ausreichende Analysedoch recht hoch. (Ausgabe vom 21.08.2019) (22.08.2019/fc/a/f)


 

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