Gerresheimer startet mit einer belastenden Bilanzkorrektur ins neue Jahr. Nach einer externen Untersuchung muss der Konzern Umsätze aus Bill-and-Hold-Geschäften rückwirkend neu zuordnen und seine Kennzahlen für 2023 und 2024 anpassen. Zugleich steckt der MDAX-Wert nach Kursverlusten von über 60 % und hoher Verschuldung in einer schwierigen Restrukturierungsphase. Wie gravierend fällt der Einschnitt in die Zahlen aus?
Bilanzkorrektur: Was sich ändert
Eine von Gerresheimer beauftragte Anwaltskanzlei stellte systematische Verstöße gegen IFRS-Regeln bei Bill-and-Hold-Vereinbarungen fest. Das Unternehmen hatte Umsätze zu früh erfasst und muss die Rechnungslegung nun nachbessern:
- 28 Mio. Euro Umsatz aus 2024 werden ins Jahr 2025 verschoben
- 10 Mio. Euro Umsatz aus 2023 werden nachträglich in 2024 verbucht
- Bereinigter Umsatz 2024: 2.036 Mio. Euro (rund 1 % niedriger)
- Bereinigtes EBITDA 2024: 419,4 Mio. Euro (minus 5 Mio. Euro)
- Bereinigtes EPS 2024: 4,67 Euro (minus 0,10 Euro bzw. 2 %)
Gerresheimer hat die Bill-and-Hold-Praxis vollständig eingestellt. In den Abschlüssen für 2025 will der Konzern keine derartigen Umsätze mehr ausweisen. Inhaltlich sind die Anpassungen damit überschaubar, stellen aber die Bilanzqualität grundsätzlich infrage.
BaFin-Untersuchung und Vertrauensverlust
Die Korrektur erfolgt vor dem Hintergrund einer laufenden Prüfung der Finanzaufsicht BaFin. Diese hatte im September 2025 eine formelle Untersuchung der Gerresheimer-Bilanzen gestartet. Das Unternehmen verweist auf volle Kooperation mit der Behörde.
Für den Kapitalmarkt ist die Kombination aus regulatorischer Prüfung, IFRS-Verstößen und rückwirkenden Anpassungen ein deutlicher Vertrauensdämpfer. Die Probleme in der Rechnungslegung kommen zu einer ohnehin schwachen operativen Entwicklung hinzu.
Kursentwicklung 2025: Starker Einbruch
Die Aktie hat 2025 einen massiven Rückgang verzeichnet. Der Titel verlor im Jahresverlauf über 60 % an Wert. Die 52‑Wochenspanne reicht von 22,60 Euro bis 85,25 Euro, die Marktkapitalisierung liegt nur noch bei rund 971 Mio. Euro.
Auslöser für den Absturz war eine Serie belastender Ereignisse:
- Mehrere Gewinnwarnungen
- Rücktritt von CEO Dietmar Siemssen Ende Oktober 2025
- CFO-Wechsel zu Wolf Lehmann im September 2025
- Gescheiterte Übernahmegespräche mit Private-Equity-Investoren
- Einleitung der BaFin-Untersuchung
Die nun offengelegte Bilanzkorrektur reiht sich in diese Negativfaktoren ein und bestätigt den angeschlagenen Eindruck.
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Managementwechsel und Strategiepläne
Seit November 2025 führt Uwe Röhrhoff das Unternehmen als Interims-CEO. Röhrhoff kennt den Konzern aus seiner früheren Amtszeit als Vorstandschef von 2010 bis 2017. Die Suche nach einem dauerhaften Nachfolger läuft.
Parallel arbeitet das Management an einer Neuausrichtung:
- Ausgliederung des Moulded-Glass-Geschäfts als eigenständige Division ab 2026
- Vorbereitung eines möglichen Verkaufsprozesses für diesen Bereich im Jahr 2026
- Transformationsprogramm mit Fokus auf Kostensenkungen und Effizienzsteigerungen
Operativ bleibt das Bild jedoch schwach. Für 2025 erwartet Gerresheimer einen organischen Umsatzrückgang von 2 bis 4 % und eine bereinigte EBITDA-Marge von 18,5 bis 19 %. Von einer klaren Trendwende kann daher noch keine Rede sein.
Verschuldung und Covenants im Fokus
Ein wesentlicher Belastungsfaktor ist die Bilanzstruktur. Die Ende 2024 abgeschlossene Übernahme von Bormioli Pharma für rund 800 Mio. Euro hat die Verschuldung deutlich erhöht. Der Verschuldungsgrad liegt bei 4,15x und damit in einem Bereich, der für die Einhaltung von Kreditvereinbarungen kritisch ist.
Im dritten Quartal 2025 wurden die Covenants neu verhandelt. Konkrete Details dazu kommunizierte das Unternehmen bislang nicht. Die Kombination aus hoher Verschuldung, schwächerem Wachstum und Bilanzkorrektur erhöht das Risiko bei der Finanzierung.
Neue Großaktionäre und offener Restrukturierungsprozess
Ein Stimmrechtsmitteilung vom 26. Dezember 2025 zeigt, dass BNP Paribas bei Gerresheimer eingestiegen ist. Die französische Bank überschritt die 5‑Prozent-Schwelle und hält nun 4,59 % der Stimmrechte direkt sowie weitere 1,02 % über Finanzinstrumente – insgesamt 5,61 %.
Trotz dieses Einstiegs bleibt der Titel von Restrukturierungsthemen geprägt. Bilanzqualität, Verschuldung, BaFin-Prüfung und die noch laufende CEO-Nachfolgesuche bestimmen den Ausblick. Für die nächsten Quartale wird entscheidend sein, ob das neue Management die strategischen Maßnahmen und die Bilanzstabilisierung sichtbar voranbringt und damit wieder Vertrauen in die Aktie zurückgewinnt.
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