Kaufen Sie keine Hoffnungen – kaufen Sie Margen

Die Berichtssaison zeigt eine tiefe Spaltung: Unternehmen mit Preismacht erzielen Rekordgewinne, während andere massiv einbrechen. Die EZB ist durch hohe Inflation und geopolitischen Druck gelähmt.

Eduard Altmann ·
Kaufen Sie keine Hoffnungen – kaufen Sie Margen

Kurz zusammengefasst

  • Tiefe Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern
  • Preismacht als entscheidender Erfolgsfaktor
  • EZB durch Inflation und Ölpreis gelähmt
  • Gesundheitssektor wächst mit neuen Modellen

am Sonntag sprach ich über die Trennlinie zwischen Preismacht und Kapitulation. Heute, am letzten Handelstag des ersten Quartals, liefert die Berichtssaison die Beweisfotos. Was sich in den Bilanzen deutscher Mittelständler abspielt, ist kein normaler Konjunkturzyklus. Es ist ein Ausleseprozess.

Wer seine Kosten weiterreichen kann, meldet Rekordgewinne. Wer es nicht kann, verliert seinen Finanzvorstand. Dazwischen gibt es wenig.

Zwei Welten in einer Volkswirtschaft

Die Beteiligungsgesellschaft MBB liefert ein bereinigtes EBITDA von 216,9 Millionen Euro – ein Plus von 46 Prozent. Die Dividende steigt auf 1,21 Euro. Wüstenrot & Württembergische hat den Nettogewinn 2025 auf 121 Millionen Euro verdreifacht. Solche Zahlen liest man gern.

Dann blättert man weiter. Norma Group, Spezialist für Verbindungstechnik, meldet einen Einbruch des bereinigten EBIT um 80 Prozent auf 6,3 Millionen Euro. Die operative Marge: 0,8 Prozent. Finanzchefin Annette Stieve geht, die Dividende wird von 40 auf 14 Cent zusammengestrichen. Beim Intralogistik-Konzern Jungheinrich hat sich das EBIT fast halbiert, die Ausschüttung sinkt von 78 auf 27 Cent.

Was diese Zahlen verbindet, ist nicht die Branche. Es ist die Frage, ob ein Unternehmen in seiner Nische Preise setzen kann – oder sie hinnehmen muss. Renk, der Rüstungszulieferer, zog am Mittag um über 3 Prozent an. Wer im richtigen Segment operiert, entkoppelt sich vollständig von der industriellen Flaute ringsum.

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Das führt uns zu einer entscheidenden Frage für Anleger: Welche weiteren Segmente bieten diese strukturelle Entkopplung vom Konjunkturzyklus? Börsenexperte Bernd Wünsche analysiert in seiner aktuellen Sondersendung den globalen Halbleiter-Sektor als einen solchen Bereich – konkret den Chip-Krieg zwischen den USA und China und dessen Auswirkungen auf ausgewählte Technologieaktien. Wünsche, seit über 25 Jahren als Investor und Trader aktiv, stellt darin ein Unternehmen vor, das er als zentralen Profiteur des staatlich geförderten Chip-Wettrüstens identifiziert hat – mit Investitionsprogrammen von über 280 Milliarden Dollar allein in den USA sowie weiteren Milliarden durch den European Chips Act. In seinem Depot hat er unter anderem Nvidia seit Kauf mit einer Rendite von über 1.300 Prozent geführt; nun sucht er nach dem nächsten strukturellen Gewinner in diesem Segment. Wer sich für die Analyse interessiert, findet die Details hier: Bernd Wünsches Chip-Sektor-Analyse: Der nächste strukturelle Gewinner

Pfeffer schlägt Sneaker

Dass dieses Muster auch jenseits des Atlantiks gilt, zeigen zwei Quartalsberichte, die unterschiedlicher kaum ausfallen könnten.

McCormick, der Gewürzkonzern, steigerte seinen Umsatz im ersten Quartal um fast 17 Prozent und verbesserte die Bruttomarge um 100 Basispunkte. Pfeffer und Paprika werden auch in Krisenzeiten gekauft. Die Preiserhöhungen landen widerstandslos an der Supermarktkasse – exakt das Gegenteil dessen, was wir am Sonntag beim Lindt-Osterhasen beobachtet haben.

Nike hingegen kämpft an mehreren Fronten gleichzeitig. CEO Elliott Hill versucht einen Turnaround, während die Tochtermarke Converse um 30 Prozent eingebrochen ist. Das eigentliche Problem sind die neuen Zölle: 1,5 Milliarden Dollar zusätzliche Kosten, die die Bruttomarge um 1,2 Prozentpunkte drücken sollen. Wenn selbst eine Weltmarke wie Nike diese Belastung nicht an ihre Kunden weiterreichen kann, sagt das mehr über die globale Konsumlaune als jede Umfrage.

Die EZB sitzt in der Falle

All diese Verwerfungen spielen sich vor einer Kulisse ab, die der Europäischen Zentralbank kaum Handlungsspielraum lässt. Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran eskaliert weiter – US-Verteidigungsminister Pete Hegseth sprach davon, man werde „mit Bomben verhandeln“, während bunkerbrechende Waffen Ziele in Isfahan trafen. Brent-Öl notiert zwischen 108 und 115 US-Dollar, Gold hat die Marke von 4.600 Dollar durchbrochen.

Für Frankfurt ist das ein toxischer Cocktail. Die deutsche Inflationsrate ist im März auf 2,8 Prozent gesprungen, in der Eurozone auf 2,5 Prozent. Die EZB musste ihre Inflationsprognose für 2026 auf 2,6 Prozent anheben und gleichzeitig die Wachstumserwartung auf magere 0,9 Prozent kappen. Der Leitzins klebt bei 2,0 Prozent fest. Wer auf rasche Zinssenkungen zur Entlastung der kriselnden Industriezweige gehofft hatte, wird vom Ölpreis eines Besseren belehrt.

Von der Pille zum Abonnement

Wo wächst die Wirtschaft noch strukturell, unbeeindruckt von Zöllen und Energiekosten? Im Gesundheitssektor – und dort verändert sich gerade das Geschäftsmodell grundlegend.

Novo Nordisk hat ein Abonnement-Modell für den Blockbuster Wegovy gestartet. Patienten, die das Abnehmmittel selbst zahlen, können 3-, 6- oder 12-Monats-Abos abschließen und bis zu 1.200 Dollar im Jahr sparen. Der Schachzug verwandelt eine medizinische Behandlung in planbare, wiederkehrende Cashflows – das, wovon jeder Finanzvorstand träumt. Parallel rollt eine M&A-Welle durch den Sektor: Biogen übernimmt Apellis, Eli Lilly greift nach Centessa. Hier fließt strategisches Kapital, hier wird nicht gespart.

Die Quintessenz

Wenn wir das erste Quartal 2026 um Mitternacht abschließen, verdichtet sich eine Lektion, die sich durch jeden Abschnitt dieses Newsletters zieht: Margen entscheiden über alles. In einer Welt, in der geopolitische Risiken den Ölpreis treiben und die Zentralbanken durch hartnäckige Inflation gelähmt bleiben, überleben nur Unternehmen, die ihre Cashflows aus eigener Kraft schützen können.

Achten Sie in den kommenden April-Wochen nicht darauf, ob Unternehmen ihre Umsatzziele erreichen. Achten Sie darauf, was operativ hängen bleibt. Die Norma Groups und Jungheinrichs dieser Welt haben uns schmerzhaft gezeigt, wie schnell sich der Wind dreht – und McCormick hat gezeigt, dass Preismacht kein abstraktes Konzept ist, sondern harte Bilanzrealität.

Ich wünsche Ihnen einen klaren Blick auf die echten Zahlen und einen erfolgreichen Start ins zweite Quartal.

Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann

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