Die US-Notenbank Federal Reserve steht vor einer komplexen gemengelage: Während sich der Arbeitsmarkt robuster zeigt als erwartet, warnen einzelne Fed-Vertreter vor voreiligen Zinssenkungen. Gleichzeitig sorgen politische Unsicherheiten und protektionistische Handelsmaßnahmen für Turbulenzen an den globalen Märkten. Doch was bedeutet das konkret für Anleger?
Arbeitsmarkt trotzt Erwartungen
Die jüngsten Daten vom US-Arbeitsmarkt überraschten positiv: Die Zahl der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe fiel unerwartet um 9.000 auf saisonbereinigt 198.000 – Ökonomen hatten mit 215.000 gerechnet. Der Dollar legte daraufhin zu, während sich die Erwartungen für die nächste Zinssenkung weiter nach hinten verschoben. Fed-Funds-Futures preisen die nächste Lockerung mittlerweile erst für Juni ein.
Doch Experten warnen vor vorschnellen Schlüssen. Lou Brien von DRW Trading betont, dass die Daten die Stärke des Arbeitsmarkts möglicherweise überschätzen – strukturelle Schwächen im „birth-death model“ könnten das Bild verzerren. Tatsächlich beschreibt die Fed selbst den Arbeitsmarkt als „low-hire, low-fire“-Zustand: Unternehmen entlassen kaum, stellen aber auch nicht ein. Stattdessen setzen sie vermehrt auf Zeitarbeiter, „um in unsicheren Zeiten flexibel zu bleiben“, wie es im Fed-Beige-Book heißt.
Notenbänker gespalten über Zinspfad
Die Meinungen innerhalb der Federal Reserve könnten unterschiedlicher kaum sein. Jeff Schmid, Präsident der Kansas City Fed, lehnt weitere Zinssenkungen kategorisch ab. „Ich sehe zum jetzigen Zeitpunkt wenig Grund, den Leitzins weiter zu senken“, erklärte er vor dem Economic Club of Kansas City. Mit einer Inflation von 2,7% im Dezember – was einer annualisierten Rate von 3% entspricht – liege man deutlich über dem Fed-Ziel von 2%. Schmid, der bereits im Oktober und Dezember gegen Zinssenkungen gestimmt hatte, warnt: „Es gibt keinen Raum für Selbstgefälligkeit bei der Inflation.“
Ganz anders Anna Paulson von der Philadelphia Fed. Die neue Präsidentin, die erst seit Juli im Amt ist und 2026 erstmals Stimmrecht besitzt, signalisierte ihre Zustimmung zum aktuellen Zinskurs zwischen 3,5% und 3,75%. Sie hält die Geldpolitik für „leicht restriktiv“ und angemessen, um die Inflation auf das 2%-Ziel zu bringen. Für das weitere Jahresverlauf deutete sie moderate Zinssenkungen an – allerdings nur, wenn sich die Inflationsdaten bestätigen oder der Arbeitsmarkt unerwartet schwächelt.
Beide Fed-Vertreter sind sich jedoch einig: Bei der Sitzung am 27.-28. Januar werden die Zinsen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unverändert bleiben.
Globale Kapitalströme im Wandel
Während die Fed ihre Politik justiert, zeigen sich an den internationalen Anleihemärkten bemerkenswerte Verschiebungen. Ausländische Investoren erhöhten ihre Bestände an US-Staatsanleihen im November auf ein Rekordhoch von 9,355 Billionen Dollar – ein Plus von 7,2% gegenüber dem Vorjahr. Nach zwei Monaten mit Rückgängen kehrten die Kapitalströme zurück, nachdem die längste Haushaltssperre in der US-Geschichte nach 43 Tagen endete.
Japan führt die Liste der größten ausländischen Gläubiger mit 1,202 Billionen Dollar an – der höchste Stand seit Juli 2022 und der elfte Anstieg in Folge. Auch Großbritannien, Belgien und Kanada stockten ihre Positionen deutlich auf. Besonders bemerkenswert: Kanada steigerte seine Treasury-Bestände um 13% auf ein Rekordniveau von 472,2 Milliarden Dollar – eine beeindruckende Kehrtwende nach dem Einbruch im April, als Trump Zölle auf Stahl, Aluminium und Automobile verhängt hatte.
China hingegen geht den umgekehrten Weg. Mit 682,6 Milliarden Dollar erreichten die chinesischen Treasury-Bestände den niedrigsten Stand seit September 2008. Seit Jahresbeginn 2025 haben die Chinesen ihre Position um über 10% reduziert – ein deutliches Zeichen politischer Distanzierung.
Handelskonflikte belasten nordamerikanische Integration
Die Zukunft des nordamerikanischen Freihandelsabkommens USMCA steht auf wackeligen Beinen. Mexikos Wirtschaftsminister Marcelo Ebrard zeigte sich zwar optimistisch, dass die vorgeschriebene Überprüfung bis zum Stichtag 1. Juli erfolgreich abgeschlossen wird. Doch Donald Trump dämpfte diese Hoffnungen prompt: „Es gibt keinen echten Vorteil, es ist irrelevant“, kommentierte er bei einem Fabrikbesuch bei Ford.
Die Realität spricht gegen eine schnelle Einigung. Trump hat bereits weitreichende Zölle verhängt: 50% auf Stahl- und Aluminiumexporte sowie 25% auf aus Mexiko importierte Autos – selbst wenn diese den USMCA-Regeln entsprechen. Pedro Casas, Chef der amerikanischen Handelskammer in Mexiko, rechnet mit einem Szenario, bei dem das Abkommen zwar formal verlängert wird, aber hohe Zölle die Wirksamkeit untergraben.
Besonders brisant: Trumps Drohungen mit militärischen Aktionen gegen Kartelle könnten die Verhandlungen politisieren. „Das Risiko besteht, dass Trump die Sicherheitsfrage in den Prozess einbringt und aus der Handelsüberprüfung eine weitaus politischere Verhandlung macht“, warnt Alexia Bautista, frühere mexikanische Diplomatin.
Aktienmärkte setzen auf Gewinnwachstum
Trotz aller Unsicherheiten bleiben Analysten für US-Aktien optimistisch. Morgan Stanley Wealth Management prognostiziert für den S&P 500 ein Aufwärtspotenzial von rund 10% mit einem Zielbereich von 7.500 bis 7.800 Punkten. Die Argumentation: Robuste Unternehmensgewinne, die „signifikante Produktivitätsgewinne, Margenerweiterung und operative Hebelwirkung auf Allzeithochs“ einpreisen.
Allerdings sehen die Analysten auch Risiken. Die Auswirkungen von Trumps Konjunkturpaket auf die Konsumenten würden überschätzt, während die KI-Revolution langsamer voranschreite als vielfach erwartet. Das Global Investment Committee empfiehlt eine Übergewichtung von US-Large-Cap-Qualitätsaktien, die „am besten mit verlangsamtem Wachstum und hartnäckiger Inflation umgehen können“.
Die Fed selbst könnte durch ihr Handeln zu einer Stütze werden: Analysten erwarten, dass die Notenbank ihren Fokus von Zinssenkungen auf Bilanzwachstum verlagert – ein Umfeld, das historisch Aktien begünstigt hat. Allerdings drohen ein schwächerer Dollar, höhere Inflation und eine steilere Zinsstrukturkurve als Risikofaktoren.
