Hormuz-Krise erschüttert Energiemärkte

Die Blockade der Straße von Hormus führt zu globalen Notmaßnahmen und widersprüchlichen Signalen, während Chinas Cleantech-Branche von der Energiekrise profitiert.

Felix Baarz ·
Hormuz-Krise erschüttert Energiemärkte

Kurz zusammengefasst

  • Widersprüchliche Aussagen zur Öffnung der Straße von Hormus
  • USA erlauben Notimporte russischen Öls per Ausnahmegenehmigung
  • Chinas Exporte von Solarzellen und E-Autos steigen sprunghaft
  • Analysten sehen Anpassungsfähigkeit der Weltwirtschaft

Der Nahe Osten hält die Weltwirtschaft in Atem. Sieben Wochen nach Beginn des US-israelischen Krieges gegen Iran und der daraus resultierenden Blockade der Straße von Hormus ringen Regierungen, Märkte und Konzerne weltweit um Stabilität — mit teils widersprüchlichen Signalen, die an einem einzigen Freitag das gesamte Spektrum von Kriegsdrohung bis Durchbruchsmeldung abdeckten.

Trumps Zickzackkurs

Kaum etwas verdeutlicht die aktuelle Lage besser als die Ereignisse des vergangenen Freitags. Erst erklärte Trump via Social Media, Iran habe der Abrüstung zugestimmt und die Straße von Hormus sei vollständig geöffnet. Wenige Stunden später drohte er an Bord der Air Force One, den Waffenstillstand nicht zu verlängern: „Vielleicht werde ich ihn nicht verlängern… und wir müssen wieder Bomben werfen.“

Die Realität auf dem Wasser erzählt eine andere Geschichte. Daten des Marktanalysten Kpler zeigen, dass kommerzielle Schiffe die Wasserstraße weiterhin meiden und teils ihre Transponder deaktivieren. Iranische Funktionäre haben Trumps Darstellung einer Öffnung zurückgewiesen — Teheran besteht darauf, weiterhin Gebühren für die Durchfahrt zu erheben. Der iranische Parlamentarier Mahmoud Nabavian sprach von keiner vollständigen Öffnung, und die Forderung, Irans Uran-Vorräte in die USA zu transferieren, bezeichnete ein hochrangiger iranischer Offizieller als „nicht verhandelbar“.

Für Mittwoch läuft der aktuelle Waffenstillstand ab. Mögliche Gespräche, vermittelt durch Pakistan und geführt von Vizepräsident JD Vance sowie Jared Kushner, sollen laut US-Angaben ab Montag in Islamabad beginnen. Frankreichs Präsident Macron und der britische Premier Starmer mahnen zur Vorsicht: Durchbrüche müssten in „handhabbare und dauerhafte“ Lösungen überführt werden, bevor Märkte einen echten Friedensaufschlag einpreisen könnten.

Notmaßnahmen rund um den Globus

Die Unsicherheit zwingt Regierungen zu improvisierten Lösungen. Washington vollzog am Freitag eine bemerkenswerte Kehrtwende: Das US-Finanzministerium erteilte eine neue 30-tägige Ausnahmegenehmigung, die den Kauf russischer Öl- und Petroleumprodukte erlaubt, die sich bereits auf See befinden — mit Laufzeit bis zum 16. Mai. Nur zwei Tage zuvor hatte Finanzminister Scott Bessent noch vor Reportern erklärt, solche Ausnahmen würden nicht erneuert.

Der Druck kam unter anderem von Indien, einem der größten Abnehmer russischen Rohöls, das bei Treffen mit G20-, Weltbank- und IWF-Vertretern in Washington intensiv lobbyierte. Der Sanktionsexperte Brett Erickson von Obsidian Risk Advisors rechnet damit, dass solche Notfallmaßnahmen fortgesetzt werden, solange die traditionellen Werkzeuge zur Marktstabilisierung ausgereizt sind.

Australien wiederum verlängerte eine Lockerung seiner Kraftstoffqualitätsstandards bis September — erlaubt ist nun ein Schwefelgehalt von 50 statt der üblichen 10 Teile pro Million. Energieminister Chris Bowen begründete die Entscheidung mit anhaltenden Lieferengpässen. Die beschädigte Geelong-Raffinerie von Viva Energy arbeitet derzeit bei 80 % Kapazität für Diesel und Kerosin, bei Benzin bei 60 %. Premier Albanese sicherte dennoch zu, es werde keine formelle Kraftstoffrationierung geben — nicht zuletzt dank eines neuen Versorgungsabkommens mit dem malaysischen Energiekonzern Petronas.

Chinas Cleantech-Boom als Krisengewinner

Während fossile Brennstoffe knapp bleiben, profitiert ein Sektor unübersehbar: Chinas Cleantech-Industrie. Die Exportzahlen für März, veröffentlicht von der chinesischen Zollbehörde, sprechen eine deutliche Sprache. Solarzellenlieferungen legten um 80 % gegenüber dem Vorjahr zu, Elektrofahrzeuge um 53 % und Lithium-Ionen-Batterien um 34 %. Im März wurden insgesamt 349.000 Elektro- und Hybridfahrzeuge exportiert — ein Rekordwert.

Der Batteriehersteller CATL berichtet von sprunghaft gestiegenem Kundeninteresse, das direkt auf die Unsicherheit über Rohölpreise zurückgeht. Euan Graham vom britischen Thinktank Ember sieht darin erst den Anfang: Saubere Technologien würden zunehmend als Absicherung gegen volatile Energiekosten verstanden.

Die Energiekrise beschleunigt also strukturelle Veränderungen, die ohnehin im Gange waren — nur schneller und unter weit größerem Druck.

Wie belastbar ist die Weltwirtschaft?

Analysten der Citibank zeigen sich in einer aktuellen Kundennote verhalten optimistisch. Die Bank identifiziert mehrere „Anpassungskanäle“, die einen tiefen Abschwung verhindern könnten: neue Lieferquellen, eine Diversifizierung hin zu alternativen Energieträgern sowie geldpolitische Stützungsmaßnahmen. Als historischen Beleg dient die Periode 2011 bis 2014, als Brent-Rohöl im Schnitt bei 110 Dollar je Barrel notierte, ohne das globale Wachstum nachhaltig abzuwürgen. „Der Schock, der nötig wäre, um die Wirtschaft in eine Rezession zu treiben, ist schlicht größer als in der Vergangenheit“, schreiben die Analysten.

Dennoch bleibt der Ölpreis das zentrale Risiko für die Inflation — und damit für die Handlungsspielräume der Notenbanken weltweit.

Für Trump kommt hinzu, dass steigende Benzinpreise innenpolitisch zunehmend zur Belastung werden, mit den Midterm-Wahlen im November als Kulisse. Die Erleichterung für russisches Öl löst zwar kurzfristig Druck, stärkt aber Moskaus Kriegskasse — ein Widerspruch, den Abgeordnete beider Parteien bereits scharf kritisiert haben.

Was bleibt offen

Trump deutete unterdessen ein „historisches“ Gipfeltreffen mit Chinas Präsident Xi Jinping an, das Handels- und Energiefragen bündeln soll. Xi habe sich „sehr erfreut“ über die Stabilisierung der Straße von Hormus gezeigt, so Trump. Ob diese Stabilisierung real oder rhetorisch ist, bleibt die entscheidende Frage — für Märkte, Regierungen und die Millionen Menschen, die täglich mit den Folgen dieser Krise konfrontiert sind.

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