Die Berliner Dunkelheit, das 25.000er-Paradoxon und der Aufstand der Roboter

Der DAX erreicht neue Höhen, getrieben von Rüstung und KI, während reale Infrastrukturprobleme und Unternehmenskrisen die Diskrepanz zwischen Börse und Wirtschaft offenlegen.

Kurz zusammengefasst:
  • DAX erreicht Rekordmarke über 25.000 Punkte
  • Rallye wird von Rüstung und KI getragen
  • BayWa-Vorstandschef nach kurzer Amtszeit entlassen
  • CES 2026 fokussiert auf physische KI und Roboter

Liebe Leserinnen und Leser,

kennen Sie das beklemmende Gefühl auf einer glanzvollen Party, wenn man zwar den teuersten Champagner im Glas hat, aber aus dem Keller plötzlich beißender Brandgeruch nach oben zieht?

Genau so fühlt sich dieser Sonntag an. Während wir auf die Wochenend-Indikationen schauen und einen DAX sehen, der sich standhaft über der historischen Marke von 25.000 Punkten hält, saßen in unserer Hauptstadt Zehntausende tagelang im Dunkeln. Der Anschlag auf das Berliner Stromnetz Anfang Januar wirkt nach. Er ist mehr als nur ein krimineller Akt; er dient als brutale Metapher für die Fragilität unserer physischen Infrastruktur in einer Zeit, in der die Börsen den technologischen Übermenschen feiern.

Hier die glitzernde „Physical AI“ der CES in Las Vegas, dort die physische Verwundbarkeit in Berlin-Charlottenburg. Willkommen in der Realität des Jahres 2026.

Ich wünsche Ihnen einen nachdenklichen, aber hoffentlich gut beleuchteten Sonntag. Lassen Sie uns sortieren, was diese Woche wirklich wichtig wird.

Frankfurts gefährliche Einseitigkeit

Es ist vollbracht, und doch traut dem Braten niemand so recht. Der DAX hat die 25.000er-Marke geknackt und sich dort am Freitag sowie in der heutigen Wochenend-Indikation (ca. 25.284 Punkte) festgebissen. Doch wer die Motorhaube dieses Rekords öffnet, blickt auf eine riskante Asymmetrie.

Der Motor dieser Rallye läuft fast ausschließlich mit zwei Treibstoffen: Rüstung und Künstliche Intelligenz. Während Rheinmetall – wie wir gestern analysierten – von der geopolitischen Eskalation in Venezuela profitiert, zündet Siemens die technologische Stufe. Der Münchner Konzern hat seine Kooperation mit Nvidia ausgeweitet und surft auf der Welle dessen, was Jensen Huang in Las Vegas als „Industrial Metaverse“ bezeichnete.

Das Problem dabei: Zieht man Rüstung und KI ab, wirkt der deutsche Leitindex plötzlich blass. Adidas steht unter Druck, die Marktbreite fehlt. Es ist eine Rallye der wenigen Auserwählten, keine der breiten Masse.

Das BayWa-Drama: Ein Trauerspiel in drei Akten

Während der DAX auf dem Gipfel tanzt, spielt sich im Tal bei einem deutschen Traditionskonzern ein Drama ab, das Shakespeare-Qualitäten besitzt. Die BayWa, einst stolzer Versorger der Landwirtschaft, ist zum Spielball von Sanierern und Short-Sellern geworden.

Am Freitag zog der Aufsichtsrat die Reißleine: Vorstandschef Frank Hiller muss gehen – nach weniger als einem Jahr im Amt. Ein dreiköpfiger Rumpfvorstand soll nun retten, was zu retten ist. Zwar reagierte die Aktie zum Wochenausklang mit einem kleinen Hüpfer auf 3,31 Euro, doch die Geier kreisen bereits. Analysten melden erhöhte Aktivitäten von Leerverkäufern.

Der Fall BayWa ist symptomatisch für jenen Teil der „Old Economy“, der den Wandel verschlafen hat und nun unter der Schuldenlast erdrückt wird. Wer glaubt, die 25.000 DAX-Punkte spiegeln die Gesundheit der gesamten deutschen Wirtschaft wider, sollte den Blick dringend nach München richten.

CES 2026: Wenn die KI Hände bekommt

Der Kontrast könnte schärfer kaum sein. Während wir hierzulande über Stromausfälle und Vorstandsrauswürfe diskutieren, wurde in Las Vegas auf der CES die nächste Stufe der Revolution gezündet. Das Schlagwort der Stunde lautet „Physical AI“.

Nvidia-Chef Jensen Huang brachte es in seiner Keynote auf den Punkt: Die KI verlässt den Bildschirm und betritt die Fabrik. Die neue „Rubin“-Plattform und die Zusammenarbeit mit Siemens beim „Digital Twin“ zeigen die Richtung an. Wir sprechen von Robotern, die nicht mehr mühsam Zeile für Zeile programmiert werden müssen, sondern durch bloßes Zuschauen lernen.

Für Anleger ist das eine entscheidende Weichenstellung. Die Fantasie an den Märkten verschiebt sich von reinen Software-Modellen (wie ChatGPT) hin zur Hardware-Integration. Das erklärt auch, warum Siemens trotz der allgemeinen deutschen Malaise neue Höchststände erreicht. Die Gleichung ist einfach: Wer die Fabriken der Zukunft baut, gewinnt – vorausgesetzt, er hat Strom.

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Die Zahlen, die Bernd Wünsche analysiert hat, zeigen eine bemerkenswerte Entwicklung im Halbleiter-Sektor. In seinem Webinar „Der Eine-Billion-Dollar-Chip“ identifiziert er vier Chip-Aktien, die von genau dieser technologischen Wende profitieren könnten, die Jensen Huang auf der CES vorgestellt hat. Während ein einzelnes Chip-Unternehmen bereits die 4-Billionen-Dollar-Marke geknackt hat, zeigt Wünsche, welche weniger bekannten Halbleiter-Spezialisten jetzt vor einem ähnlichen Wachstumsschub stehen. Kostenlose Chip-Aktien-Analyse ansehen

Die Woche der Wahrheit: Banken und Preise

Ab morgen wird es ernst. Die Berichtssaison für das vierte Quartal 2025 startet, und traditionell machen die US-Banken den Anfang. JPMorgan, Bank of America und Citigroup werden uns ab Dienstag zeigen, ob die amerikanische Wirtschaft in ihren Bilanzen so robust aussieht, wie der S&P 500 (+2% im Januar) es suggeriert.

Gleichzeitig warten wir auf die US-Inflationsdaten (CPI) für Dezember. Die Prognosen der Volkswirte schwanken zwischen 1,88% und 2,8%. Nach dem enttäuschenden Arbeitsmarktbericht mit nur 50.000 neuen Stellen, den wir gestern besprochen haben, ist dies das zweite große Puzzlestück. Die Frage lautet nicht mehr, ob die Inflation besiegt ist, sondern welchen Preis die Konjunktur dafür zahlen muss. Eine „weiche Landung“ sieht anders aus.

Krypto: Die Ruhe vor dem Sturm?

Und dann ist da noch Bitcoin. Die Kryptoleitwährung konsolidiert derzeit knapp unter der psychologisch wichtigen 100.000-Dollar-Marke (aktuell ca. 90.737 USD bzw. 77.827 Euro). Doch während der Riese schläft, sucht sich das spekulative Kapital neue Wege. Projekte wie „Bitcoin Hyper“ ziehen derzeit Aufmerksamkeit auf sich. Es scheint, als positioniere sich der Markt neu, während die großen institutionellen Adressen ihre Infrastruktur im Hintergrund weiter ausbauen.

Eduard Altmanns Fazit

Wir erleben derzeit eine gefährliche Entkopplung. Die Märkte preisen eine perfekte technologische Zukunft ein (DAX 25k, Nvidia-Hype), während die physische Realität (Berliner Blackout, BayWa-Chaos) Risse zeigt.

Mein Rat für die kommende Woche: Lassen Sie sich nicht von der runden Zahl 25.000 blenden. Achten Sie auf die Zwischentöne bei den Banken-Zahlen. Wenn in Berlin das Licht ausgeht, ist das ärgerlich. Wenn an der Börse das Licht ausgeht, wird es teuer.

Herzlichst,

Ihr

Eduard Altmann

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