Die 100-Dollar-Frage: Wie der Nahost-Krieg Europas Wirtschaft neu sortiert

Der Angriff auf den Iran löst einen kontrollierten Börsenschock aus, treibt Energiepreise und setzt die zarte Konjunkturerholung in Europa unter Druck.

Kurz zusammengefasst:
  • DAX verliert über zwei Prozent nach geopolitischer Eskalation
  • Ölpreis springt auf höchsten Stand seit Juli 2024
  • TUI und Lufthansa als klare Verlierer des Tages
  • Rüstungswerte und Gold profitieren von Unsicherheit

Liebe Leserinnen und Leser,

die Warnung vom Wochenende hat sich bewahrheitet. Und zwar gründlich.

Ein Plus von fast 10 Prozent beim Ölpreis, ein Minus von 10 Prozent bei der TUI-Aktie, Gold über 5.400 Dollar. Der Montagmorgen nach dem Angriff auf den Iran ist eine brutale Lektion in Geopolitik. Über das Wochenende wurde die fragile Stabilität im Nahen Osten pulverisiert – und mit ihr die Annahme, dass globale Lieferketten und Energieflüsse unantastbar sind.

Die Reaktion an den Börsen war prompt, aber nicht panisch. Ein kontrollierter Schock, wenn man so will. Doch unter der Oberfläche der Index-Verluste von rund zwei Prozent findet eine dramatische Umschichtung statt: Risiko hat wieder einen Preis. Und dieser Preis wird gerade neu verhandelt – von den Handelssälen in Frankfurt bis zu den Zapfsäulen in der Nachbarschaft.

Der Tag, an dem die Risikoprämien zurückkehrten

Die roten Vorzeichen dominierten die Bildschirme. Der DAX eröffnete mit einem Minus von über zwei Prozent und pendelte sich am Nachmittag um die Marke von 24.700 Punkten ein – ein Verlust von 2,3 Prozent. Ähnliche Bilder in Paris und London. Doch diese pauschalen Zahlen erzählen nur die halbe Geschichte.

Auf der Verliererseite stehen all jene, deren Geschäftsmodell auf offenen Grenzen, günstiger Energie und unbeschwerter Konsumlaune basiert. Die Tourismus- und Reisebranche wurde am härtesten getroffen. TUI stürzte zeitweise um 10 Prozent ab, die Lufthansa verlor über 5,5 Prozent. Die Logik ist simpel: Steigende Kerosinpreise und die Angst vor einer Ausweitung des Konflikts sind Gift für das Geschäft. Ebenso leidet die energieintensive Chemieindustrie – BASF, Evonik und Lanxess mussten Abschläge von drei bis sechs Prozent hinnehmen.

Die Gewinner sind ebenso klar definiert. Es sind die Profiteure von Instabilität und Aufrüstung. Rheinmetall, Hensoldt und die britische BAE Systems zogen um bis zu fünf Prozent an. Shell, BP und TotalEnergies legten ebenfalls deutlich zu. Und Hapag-Lloyd kletterte auf ein Hoch, das die Reederei seit Mitte 2025 nicht mehr gesehen hat. Der Grund: Wenn die Straße von Hormus, durch die rund 20 Prozent des weltweiten Öls fließen, zur Gefahrenzone wird, steigen die Frachtraten für die verbleibenden Routen. Als sichere Häfen erwiesen sich neben Gold – das auf über 5.400 Dollar je Unze sprang – einmal mehr der US-Dollar.

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Die Rechnung an der Zapfsäule

Während Anleger ihre Portfolios neu sortieren, spüren Verbraucher die Folgen bereits ganz direkt. Der Preis für die Nordseesorte Brent schoss am Morgen kurzzeitig auf 82,37 Dollar – der höchste Stand seit Juli 2024.

An den deutschen Tankstellen kletterte Super E10 gegenüber Freitag um rund 5 Cent, Diesel verteuerte sich um über 5,2 Cent. Damit sind die Spritpreise auf dem höchsten Niveau seit fast zwei Jahren. Beim Heizöl war der Sprung noch dramatischer: von unter 100 Euro je 100 Liter am Freitag auf über 120 Euro am Vormittag.

Die entscheidende Frage: Bleibt dies ein kurzer Schock – oder der Beginn einer neuen Inflationswelle? Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, zeichnet ein ernstes Bild: Sollte die Straße von Hormus länger blockiert bleiben, könnte Brent auf 100 Dollar steigen. Das würde die Inflation im Euroraum um mehr als einen Prozentpunkt nach oben treiben und die EZB in eine Zwickmühle bringen. Die US-Regierung rechnet zwar mit einer Konfliktdauer von nur vier bis fünf Wochen, was Analysten für die europäische Konjunktur als „verkraftbar“ einschätzen. Doch in einem Krieg sind Prognosen bekanntlich das erste Opfer.

Ein Stresstest für die zarte Erholung

Mitten in dieser geopolitischen Krise erreichte uns eine Nachricht, die unter normalen Umständen für Jubel gesorgt hätte. Der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe im Euroraum ist im Februar auf 50,8 Punkte gestiegen – erstmals seit langer Zeit signalisiert er wieder Wachstum, das stärkste seit fast vier Jahren. Besonders erfreulich: Auch die deutsche Industrie meldete mit 50,9 Punkten eine deutliche Belebung.

Diese positive Grunddynamik könnte ein Puffer gegen den externen Schock sein. Sie zeigt, dass die Unternehmen vor dem Wochenende auf einem guten Weg waren. Der Ölpreisschock ist nun der ultimative Stresstest für diese zarte Erholung.

Aus den USA kommen unterdessen gemischte Signale. Der dortige ISM-Einkaufsmanagerindex blieb mit 52,4 Punkten solide im Wachstumsbereich. Besorgniserregend ist jedoch, dass die von den Unternehmen gezahlten Einkaufspreise bereits vor dem Iran-Konflikt auf ein Dreieinhalbjahreshoch gestiegen waren. Der Inflationsdruck war also bereits im System – der Ölpreisschub wirkt nun wie ein Brandbeschleuniger.

Abseits des großen Konflikts

Zwei Entwicklungen verdienen Aufmerksamkeit jenseits der Schlagzeilen aus dem Nahen Osten.

Der Oberste Gerichtshof der USA hat es abgelehnt, sich mit der Frage zu befassen, ob von künstlicher Intelligenz geschaffene Kunst urheberrechtlich geschützt werden kann. Die bisherige Regelung bleibt bestehen: Ein Copyright gibt es nur für Werke mit einem menschlichen Schöpfer. Eine Entscheidung mit weitreichenden Folgen für eine Industrie, die gerade erst entsteht.

Überraschend unbeeindruckt vom Chaos zeigte sich der Kryptomarkt. Bitcoin notierte stabil zwischen 65.500 und 66.000 Dollar. Während klassische Märkte auf geopolitische Schocks mit klaren „Risk-off“-Bewegungen reagieren, scheint Bitcoin seine eigene Logik zu verfolgen – in diesem konkreten Fall weder Fluchtburg noch Spekulationsobjekt.

Die Quintessenz

Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Märkte die Lage richtig einschätzen oder ob der anfängliche Schock nur der Auftakt zu einer längeren Phase der Unsicherheit ist. Die entscheidende Variable bleibt die Dauer des Konflikts und eine mögliche Ausweitung. Die Risikoprämien, von denen ich am Wochenende schrieb, sind nun fest in den Kursen verankert.

Wer am Freitag noch auf günstige Einstiegskurse bei Reise- und Chemiewerten spekulierte, dürfte Geduld brauchen. Wer dagegen auf Defensive, Rüstung und Edelmetalle setzte, sieht sich bestätigt. Bis sich der Nebel lichtet, gilt: Besonnenheit schlägt Aktionismus.

Herzlichst,

Ihr Eduard Altmann

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