Gewinnmitnahmen, schlechte Nachrichten und der übliche Zusammenbruch



10:11 09.02.10

Es ist wieder sehr interessant zu beobachten, wie mit den schwächer werdenden Kursen auch die Redakteure, Blogger und Kommentatoren anfangen, negativer zu schreiben. Dieser Zusammenhang ist immer und immer wieder zu erkennen, wahrscheinlich weil ein einfacher Prozess dahinter steckt:

 

Die Suche nach Gründen

 

Die Kurse fallen. Zunächst hört man in solchen Fällen die Standardaussage: „Gewinnmitnahmen“.



Immer, wenn die Kurse nach einer Rally fallen, sind es „Gewinnmitnahmen“. Damit kann man nichts falsch machen.

Wenig Beachtung wird allerdings der Tatsache geschenkt, dass auch während des ganzen Aufwärtstrends Anleger, Trader und Spekulanten bereits Gewinne mitnehmen. Bei fast jeder Transaktion in einem Aufwärtstrend hat jemand Gewinne mitgenommen. Diese Gewinnmitnahmen scheinen aber irgendwie andere Gewinnmitnahmen zu sein, als jene, von denen die Medien bei fallenden Kursen berichten – seltsam genug.

 

Das Fehlen der Käufer

 

Ab und zu hört man auch, dass die Käufer fehlen. Doch warum fehlen sie, wo sind sie hin? Auch diese Aussage ist nicht ganz korrekt. Die Käufer fehlen nicht, sie warten lediglich auf bessere Einstiegsgelegenheiten. Aber ob das medientauglich ist? "Die Indizes gaben in den letzten Tagen nach, weil Käufer auf bessere Einstiegskurse hofften." Na, ja... 

  

Das Geld steckt bereits im Markt

 

Gerade in den USA hatten wir es vor der aktuellen Konsolidierung mit einer extrem bullishen Stimmung zu tun (ich hatte berichtet). Diese führt natürlich dazu, dass immer mehr Anleger bereits zu einem großen Teil investiert sind – eigentlich fehlen in solchen Situationen demnach nicht die Käufer, sondern den potenziellen Käufern geht schlichtweg das noch frei zur Verfügung stehende Anlagekapital aus.

 

Kapitalmangel

 

Sicher, auch das mag sich ein wenig seltsam anhören: „Sehr geehrter Damen und Herren. Die jüngsten Kursrücksetzer in den USA sind darauf zurückzuführen, dass den Anlegern in den USA das freie Kapital ausgegangen ist.“ Hm....

  

Also bleibt man bei den üblichen „Gewinnmitnahmen“. Das nickt jeder Hörer ohne weitere Fragen ab.

   

Ein Argument, welches sich schnell verbraucht

  

Was aber, wenn die Kurse noch weiter fallen. Das Argument „Gewinnmitnahmen“ hat sich schnell verbraucht. Bei stärker fallenden Kursen sind Gewinnmitnahmen nicht mehr plausibel. Handfeste Gründe müssen her.

  

In dieser Phase sehen Sie Redakteure eifrig im Internet recherchieren. Die Frage aller Fragen: Was hat den Einbruch verursacht? Meistens herrscht gerade in den visuellen Medien ein unglaublicher Zeitdruck. Und wenn eine Begründung nur halbwegs vernünftig klingt, wird sie gesendet. Andere schreiben diese ab und schon entstehen die seltsamsten Nachrichten (siehe Steffens Daily vom Freitag und dazu auch den Text von Torsten Ewert weiter unten).

 

Fallende Kurse führen zu negativer Stimmung bei den Marktteilnehmern

 

Doch wirklich interessant wird es, wenn die Kurse weiter fallen. Je mehr Redakteure dazu gezwungen sind, nach Gründen für fallende Kurse zu suchen, desto mehr dieser Gründe werden sie auch finden. Das bedeutet, die fallenden Kurse führen letzten Endes dazu, dass Sie in den Medien mit immer mehr Negativ-Szenarien konfrontiert werden. Das heißt auch bei den Recherchen werden immer mehr negative Argumente und Analysen gefunden. So entsteht ein Negativkreislauf. Die Kurse fallen, die Nachrichten werden immer schlechter. Die immer schlechter werdenden Nachrichten führen dazu, dass immer mehr negative Begründungen und Analysen zu lesen sind, was wiederum dazu führt, dass die Nachrichten auch immer schlechter werden. Redakteure sind schließlich auch nur Nachrichtenkonsumenten.

  

Es wiederholt sich – seit Jahrzehnten

 

Nur wenn man sehr genau hinsieht, wird man erkennen, dass in jeder Krise immer die gleichen Gründe in leicht abgewandelter Form auftauchen. Das gilt besonders für das Ende der Krisen. Es sind die Gründe, die immer schon vorhanden waren:  „unkontrollierbare Staatsverschuldung, Zusammenbruch des Dollars, Zusammenbruch des Systems, Inflation bis Hyperinflation, etc“. Dazu zwei Beispiele:

 

„Ich wette, dass wir bald Inflationsraten in Rekordhöhe haben werden.„

 

„Was wird die treibende Kraft für diese Inflation sein?“

 

„Sie wird von dem Versuch ausgehen, eine tiefe Rezession zu vermeiden. Die Rezession wird durch das Haushaltsdefizit ausgelöst werden, da Investoren immer höhere Realzinsen fordern werden, um die [Staats-]Schulden zu finanzieren. Die Regierung wird versuchen, durch die Stimulierung der Wirtschaft eine Rezession zu vermeiden – eine Taktik, die im Allgemeinen nicht funktioniert.“

 

Ein anderes Zitat:

 

„Lassen Sie mich die Kette der Ereignisse, die Sie beschreiben, wie folgt zusammenfassen. Es wird nichts Bedeutsames unternommen werden, um die Etatsituation (in den USA) zu ändern. Das wachsende Etatdefizit wird garantieren, dass die Situation des Handelsdefizits schlecht bleibt oder sogar schlechter wird. Und das wiederum wird sicherstellen, dass der Dollar unter extremen Druck kommt?“

 

„Auf jeden Fall. Darum bin ich nicht long im Dollar.“

 

„Wie passt der Bond Markt in dieses Bild?“

 

„Irgendwann werden Ausländer aufhören, Geld in dieses Land zu pumpen, weil der Dollar schwächer wird. Das bedeutet, dass das amerikanische Volk selbst das Defizit finanzieren muss. Wir haben nur eine Sparquote von drei bis vier Prozent. Damit das amerikanische Volk in der Lage wäre, das Defizit zu finanzieren, müssten die Zinssätze sehr hoch sein. Wenn die Fed versucht, hohe Zinssätze zu vermeiden, in dem sie mehr Geld druckt, wird der Dollar zunehmend wertloser. In diesem Falle werden wir eine Hyperinflation mit Zinssätzen von 25 bis 30 Prozent haben. […]“

 

Diese Aussagen könnten Sie so Wort für Wort auch morgen im Fernsehen hören und würden sich nicht wundern.

 

Das einzige Problem: Diese Texte sind schon über 20 Jahre alt: Der erste Part stammt aus dem Jahr 1988 (!) also nach dem 1987er Crash und entstammt dem Buch "Magier der Märkte". Es handelt sich um ein Interview mit Richard Dennis (Seite 139). Der zweite Text entstammt ebenfalls diesem Buch und ist einem Interview mit James B. Rogers entnommen (Seite 340), das zur gleichen Zeit geführt wurde.

 

Diese Argumente: Hohe Staatsverschuldung, Dollarschwäche, ausuferndes Haushaltsdefizit, die Unfähigkeit der Fed etc. tauchen, wie gesagt, immer und immer wieder auf - interessanterweise meistens in und nach tiefen Krisen. Und sie ähneln sich derart, dass man sie auch noch 20 Jahre später wörtlich zitieren kann, ohne dass es besonders auffallen würde. Verrückt genug, oder?

 

Das Ende des Kreislaufs

 

Manche werden sich vielleicht noch erinnern, dass ich einen ähnlichen Text 2003/4 dazu geschrieben habe. Auch damals stimmten die Argumente aus dem Jahr 1988 mit denen aus 2004 überein. Diese Argumente sind einfach die Folge eines immer wiederkehrenden Prozesses, dessen Ursachen oben beschrieben sind. Diesen Prozess muss man erkennen, um solche Argumente einordnen zu können.

 

Nicht falsch, doch eine Frage des Timings

 

Natürlich sind diese Argumente nicht falsch. Irgendwann werden sie eintreffen. Vielleicht erleben wir diese Situation auch tatsächlich gerade. Doch man darf sich bei seinen Analysen nicht von diesem so typischen Teufelskreis anstecken lassen. Man muss lernen durch diese Nachrichtenflut, durch diese gefährliche Selbstbeeinflussung der Massen hindurchzuschauen. Ansonsten ist man lediglich das Schlachtvieh, das andere Börsianer am Leben hält.

 

Viele Grüße

 

Jochen Steffens

stockstreet.de

 




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Über den Autor
 
Autor: Jochen Steffens Jochen Steffens,
Stockstreet GmbH

Jochen Steffens ist als Chefredakteur diverser Fachpublikationen im Bereich Börse und als bekannter Kolumnist tätig. Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet er als eigenverantwortlicher Daytrader mit dem Schwerpunkt Futurehandel. Als Geschäftsführer der Stockstreet GmbH ist er für die Börsenseite stockstreet.de verantwortlich. Dort gibt er den täglich erscheinenden Börsennewsletter: „Steffens Daily“ heraus. Für mehr Information: www.stockstreet.de

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