Die internationale Finanzwelt steht vor einem richtungsweisenden Moment: Während die US-Notenbank Fed kommende Woche ihre erste Zinsentscheidung des Jahres trifft, reagieren Zentralbanken von Tokio bis Frankfurt auf die volatile Gemengelage aus geopolitischen Spannungen, hartnäckiger Inflation und fragilen Wachstumsaussichten. Die Märkte müssen sich dabei nicht nur auf geldpolitische Weichenstellungen einstellen, sondern auch auf eine neue handelspolitische Ära unter US-Präsident Donald Trump.
Fed unter Druck: Zwischen Unabhängigkeit und politischem Einfluss
Die Federal Reserve trifft am Mittwoch in einem hochsensiblen Umfeld ihre Zinsentscheidung. Während Marktteilnehmer zwar weitgehend mit einem unveränderten Leitzins rechnen, dürfte die Pressekonferenz von Fed-Chef Jerome Powell diesmal besondere Brisanz haben. Erstmals seit Bekanntwerden der Trump-Administration-Untersuchungen zur milliardenschweren Renovierung des Fed-Hauptquartiers wird Powell vor die Presse treten – eine Maßnahme, die er scharf als „Vorwand“ kritisierte, um mehr Einfluss auf die Zinspolitik zu gewinnen.
Die Bedrohung der Fed-Unabhängigkeit zeigt sich in mehreren Dimensionen: Das Oberste Gericht prüft Trumps Versuch, Gouverneurin Lisa Cook zu entlassen, und im Mai steht die Entscheidung an, wer Powell als Fed-Chef beerben wird. Investoren werden daher nicht nur auf Zinssignale achten, sondern auch darauf, wie Powell die institutionelle Autonomie der Notenbank verteidigt.
Bank of Japan bleibt standhaft – aber nicht für lange
Die Bank of Japan hielt am Freitag wie erwartet ihren Leitzins bei 0,75% stabil, nachdem sie erst im Dezember eine Erhöhung von 0,5% vorgenommen hatte. Doch die Botschaft von Gouverneur Kazuo Ueda war eindeutig: „Wir werden die Zinsen weiter anheben, wenn sich unsere Wirtschafts- und Preisprognosen materialisieren.“
Die BOJ hob ihre Wachstums- und Inflationsprognosen für die Geschäftsjahre 2025 und 2026 an, wobei das reale BIP nun zwischen 0,8% und 0,9% für 2025 erwartet wird – eine Aufwärtsrevision von zuvor 0,6% bis 0,8%. Capital Economics-Analysten zeigen sich überzeugt: „Angesichts des nach wie vor stark negativen realen Zinssatzes ist eine weitere geldpolitische Straffung praktisch garantiert.“ Eine Bewegung vor Juli gilt als wahrscheinlich.
Besonders bemerkenswert: Nur ein einziges der neun Vorstandsmitglieder votierte für eine sofortige Zinserhöhung um 25 Basispunkte. Die rasch steigenden langfristigen Zinsen bereiten der BOJ zunehmend Sorgen. „Wir sind bereit, bei außergewöhnlichen Bewegungen flexibel zu handeln“, betonte Ueda und signalisierte damit die Bereitschaft zu Marktinterventionen.
Eurozone kämpft mit schwachem Wachstum und steigenden Preisen
Die Eurozone startete verhalten ins neue Jahr. Der HCOB Flash Composite PMI blieb im Januar bei 51,5 Punkten – zwar weiterhin im Expansionsbereich, aber unter den Erwartungen von 51,8. Besonders besorgniserregend: Die Beschäftigung sank erstmals seit vier Monaten, wobei Deutschland mit den schwersten Stellenkürzungen seit November 2009 (Pandemie ausgenommen) hervorstach.
Während der Dienstleistungssektor auf ein Vier-Monats-Tief von 51,9 (zuvor 52,4) abrutschte, kehrte die Produktion im verarbeitenden Gewerbe knapp in den Wachstumsbereich zurück. Doch die Auftragseingänge stiegen nur im langsamsten Tempo seit September, und Exportaufträge schrumpften weiter.
„Die Erholung sieht ziemlich schwach aus“, kommentierte Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt der Hamburg Commercial Bank. Die Daten deuteten auf „mehr vom Gleichen in den kommenden Monaten“ hin. Besonders problematisch: Die Inputkosten stiegen im schnellsten Tempo seit Februar, während die Outputpreise die stärkste Inflation seit April 2024 verzeichneten. „EZB-Mitglieder dürften sich in ihrer Entscheidung bestätigt fühlen, die Zinsen zu halten. Einige der hawkishen Mitglieder könnten sogar argumentieren, dass die nächste Bewegung aufwärts statt abwärts gehen sollte“, warnte de la Rubia.
Frankreich rutscht überraschend in die Kontraktion
Besonders dramatisch entwickelte sich die Lage in Frankreich: Der Services-PMI fiel im Januar auf 47,9 Punkte – ein Drei-Monats-Tief und deutlich unter der Wachstumsschwelle. Der Composite-PMI rutschte auf 48,6 von 50,0 im Dezember ab, obwohl der Markt mit einem stabilen Wert gerechnet hatte.
„Der französische Privatsektor begann das neue Jahr verhalten“, erklärte Hamburg-Commercial-Bank-Ökonom Jonas Feldhusen. Die Schwäche im Dienstleistungssektor sei besonders ausgeprägt gewesen, während die verarbeitende Industrie eine bescheidene Verbesserung zeigte. Immerhin: Die Aussicht auf eine Lösung im Haushaltsstreit biete etwas Erleichterung und reduziere das Risiko einer erneuten politischen Krise.
Trump-Tarife: Oberster Gerichtshof als Marktwende-Katalysator?
Eine Entscheidung des US Supreme Court über die Rechtmäßigkeit von Trumps umfassenden Zöllen könnte die Rezessionswahrscheinlichkeit in den USA erheblich beeinflussen. BCA Research kalkuliert: Sollte das Gericht Trumps Befugnisse „erheblich einschränken“, würde die 12-Monats-Rezessionswahrscheinlichkeit von 50% auf 40% fallen. Die Wett-Website Polymarket sieht derzeit nur eine 31%-Wahrscheinlichkeit, dass der Supreme Court zugunsten des Weißen Hauses entscheidet.
Die effektive US-Zollrate ist unter Trump auf den höchsten Stand seit Mitte der 1930er Jahre gestiegen. Ökonomen warnen vor einer „K-förmigen“ Wirtschaft: Während einkommensstarke Amerikaner und große Unternehmen den Großteil des Wachstums ausmachen, kämpfen einkommensschwächere Haushalte mit gestiegenen Lebenshaltungskosten und einem schwächelnden Arbeitsmarkt.
Gold auf Rekordkurs, Magnificent Seven vor der Bewährungsprobe
Gold kletterte am Freitag im asiatischen Handel auf ein Rekordhoch von 4.967,48 Dollar je Unze und näherte sich damit der psychologisch wichtigen Marke von 5.000 Dollar. Trumps Ankündigung, Schiffe Richtung Iran zu entsenden, befeuerte die Nachfrage nach sicheren Häfen. Auch Silber (99,03 Dollar) und Platin (2.692,31 Dollar) erreichten neue Höchststände.
Kommende Woche müssen vier der „Magnificent Seven“ ihre Karten auf den Tisch legen: Microsoft, Apple, Meta und Tesla berichten über ihre Ergebnisse, ebenso wie Samsung. Im Fokus steht die Frage, ob die massiven KI-Investitionen – zunehmend schuldenfinanziert – sich auszahlen. Es reicht längst nicht mehr, Prognosen zu schlagen: Unternehmen müssen außergewöhnliche Zahlen liefern und Anleger mit ihrer Guidance begeistern, um die stratosphärischen Bewertungen zu rechtfertigen.
Denn paradoxerweise performen derzeit andere Marktsegmente jenseits der KI-Schwergewichte am stärksten. Die Mag-7-Aktionäre, verwöhnt von spektakulären Resultaten, wollen noch mehr Magnificence sehen.
