Liebe Leserinnen und Leser,
während der Norden der Republik heute unter einer Eisschicht erstarrt und auf der A1 der Verkehr zum Erliegen kommt, schmilzt jenseits des Atlantiks gerade das Vertrauen in die Unabhängigkeit der mächtigsten Notenbank der Welt.
Wir erleben einen Montag der extremen Kontraste. Gestern sprachen wir an dieser Stelle noch über die Diskrepanz zwischen Börsenrekorden und physischer Infrastruktur. Heute wird diese Kluft noch breiter: Der DAX in Frankfurt markiert mit über 25.390 Punkten scheinbar ungerührt neue Höchststände, während in Washington ein institutioneller Häuserkampf entbrennt, der das Fundament des Dollar-Systems erschüttert.
Es ist einer jener Tage, an denen nicht die Ökonomie die Politik treibt, sondern die Politik die Börse in Geiselhaft nimmt. Lassen Sie uns sortieren, was dieser eisige Wochenstart für Ihr Depot bedeutet.
Washingtons offener Bruch: „Sell America“
Was am Wochenende als Gerücht durch die Flure in Washington waberte, ist nun bittere Gewissheit. Fed-Chef Jerome Powell bestätigte heute, dass das US-Justizministerium (DOJ) strafrechtlich gegen ihn ermittelt. Der offizielle Vorwurf – Unregelmäßigkeiten bei Renovierungsarbeiten am Fed-Gebäude – wirkt auf Beobachter an der Wall Street wie ein durchsichtiger Vorwand.
Der wahre Kern des Konflikts dürfte tiefer liegen: Es ist die Rache der Exekutive für eine verweigerte Zinssenkung. Powell selbst spricht von einem „beispiellosen“ Vorgang. Investoren lesen zwischen den Zeilen: Die Brandschutzmauer zwischen dem Weißen Haus und der Geldpresse wird eingerissen.
Die Reaktion der Märkte ist brutal und folgt einer simplen Logik: „Sell America“. Das Kapital flieht aus US-Assets, Dow Jones und S&P 500 geraten unter Druck. Wenn die Geldpolitik zum politischen Spielball wird, verliert der Dollar seinen Status als risikoloser Anker.
Der lachende Dritte ist das älteste Geld der Welt. Der Goldpreis pulverisierte heute alle bisherigen Marken und schoss über 4.600 US-Dollar pro Unze. Es ist keine Spekulation auf Gewinn, sondern eine Versicherung gegen institutionelles Chaos.
Das Stuttgarter China-Trauma
Während in den USA die Institutionen wackeln, wackelt in Deutschland das Geschäftsmodell. Die Zahlen, die Mercedes-Benz heute für das Jahr 2025 vorlegte, sind ein Realitätsschock für alle, die sich vom DAX-Rekord haben einlullen lassen.
Der weltweite Absatz schrumpfte um 10 Prozent auf 2,16 Millionen Fahrzeuge. Doch die eigentliche Hiobsbotschaft kommt aus dem Osten: In China brachen die Verkäufe um dramatische 19 Prozent ein. Das Reich der Mitte, jahrelang der Garant für Stuttgarter Bilanzen, wird zum Problemfall. Dass sich der Gewinn in den ersten neun Monaten bereits halbiert hatte, passt ins Bild. Auch Volkswagen meldet leichte Rückgänge.
Hier zeigt sich die gefährliche Schere, vor der ich gestern warnte: Der Index feiert Party, getrieben von wenigen Tech- und Rüstungswerten, während die industrielle Basis erodiert. Die Hoffnung auf den neuen elektrischen CLA ist groß, doch er muss gegen eine chinesische Konkurrenz antreten, die längst nicht mehr nur kopiert, sondern diktiert.
Krypto-Paradoxon: Saylors einsamer Kampf
In der Theorie müsste das heutige Szenario – eine politisch attackierte Fed und ein wankender Dollar – der perfekte Sturm für Bitcoin sein. Doch die Realität sieht anders aus: Die Kryptowährung notiert schwach unter 91.000 US-Dollar.
Wir beobachten ein faszinierendes Tauziehen. Auf der einen Seite steht Michael Saylor mit MicroStrategy, der heute unbeeirrt weitere 1,25 Milliarden Dollar in Bitcoin investierte und Liquidität in den Markt pumpt. Auf der anderen Seite sehen wir die Ernüchterung der institutionellen Anleger: Die Spot-ETFs verzeichneten vergangene Woche Abflüsse von rund 681 Millionen Dollar.
Das Kapital entscheidet sich im Zweifel für die physische Sicherheit (Gold) statt für die digitale Verheißung. Der Markt befindet sich in einer „Sell-the-Growth“-Phase, in der Liquiditätspolster wichtiger sind als Zukunftswetten.
Berliner Mikromanagement und globale Sorgen
Während die Weltwirtschaftsordnung neu verhandelt wird, übt man sich in Berlin im Mikromanagement. Die SPD lanciert Berichten zufolge die Idee eines „Deutschland-Korbs“ – eine freiwillige Preisbremse des Handels für Grundnahrungsmittel. Es ist der Versuch, die gefühlte Inflation politisch zu deckeln, während die wahren Inflationstreiber (Energie, Rohstoffe, Währung) global bestimmt werden.
Vizekanzler Lars Klingbeil scheint den Ernst der Lage indes erkannt zu haben. Bei seinem heutigen Besuch in Washington warnte er vor einer Entfremdung der transatlantischen Partner. Interessant ist seine neue Offenheit für Mindestpreise bei Seltenen Erden – ein Indiz dafür, dass Europa im globalen Rohstoffpoker endlich beginnt, die Naivität abzulegen.
Das Fazit
Dieser Montag lehrt uns eine wichtige Lektion: Die Unabhängigkeit der Notenbanken war für unser Investitionskalkül jahrzehntelang eine Konstante. Seit heute ist sie eine Variable.
Für Sie bedeutet das: Trauen Sie der Ruhe im DAX nicht blind. Der Index wird von Hoffnung getragen, während Unternehmen wie Mercedes-Benz die harte Bodenhaftung der Realwirtschaft spüren. Wenn Vorladungen statt Wirtschaftsdaten die Kurse bewegen, ist höchste Wachsamkeit geboten. Gold zeigt uns gerade, wo der „Safe Haven“ liegt – und es ist aktuell nicht der US-Dollar.
Bleiben Sie kritisch und – falls Sie im Norden unterwegs sind – kommen Sie sicher durch das Eis.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann
