Hormus öffnet einen Spalt – und 800 Schiffe warten weiter
Die Ankündigung einer temporären Öffnung der Straße von Hormus trieb Ölpreise nach unten und Aktienkurse nach oben. Gleichzeitig offenbaren Quartalszahlen von Netflix und deutsche Wirtschaftsdaten eine zunehmende Divergenz der Konjunktur.
Kurz zusammengefasst
- Iran kündigt befristete Öffnung der Straße von Hormus an
- Netflix übertrifft Gewinnerwartungen, enttäuscht aber Prognose
- Deutsche Industrie leidet unter Streiks und Stellenabbau
- Audi setzt verstärkt auf Wachstum im chinesischen Markt
Liebe Leserinnen und Leser,
gestern stellte ich die Frage, ob Netflix der Belastungstest für die Konsumbereitschaft der US-Haushalte sei. Die Antwort liegt vor – und sie fällt ernüchternder aus, als die Schlagzeilen vermuten lassen. Doch dazu gleich mehr. Denn an diesem Freitagnachmittag dominiert eine andere Nachricht die Ticker: Der iranische Außenminister Abbas Araghchi erklärte die Straße von Hormus im Zuge des Libanon-Waffenstillstands für geöffnet – auf einer von Iran koordinierten Route, befristet auf die Dauer der Feuerpause. Washington stellte umgehend klar, dass die US-Seeblockade iranischer Häfen bis zu einem endgültigen Friedensabkommen bestehen bleibt. Über 800 Schiffe warten im Persischen Golf weiterhin auf Durchfahrt. Der Tankerverkehr durch die Meerenge liegt nahezu still.
Dennoch reichte allein die Ankündigung. WTI verbilligte sich am Freitagnachmittag zeitweise um über zehn Prozent. Der S&P 500 markierte ein neues Allzeithoch. Der DAX sprang ins Plus. Bitcoin kletterte zeitweise auf über 75.000 US-Dollar. Die Renditen europäischer Staatspapiere fielen spürbar. In Paris berät Bundeskanzler Friedrich Merz mit Emmanuel Macron, Keir Starmer und Giorgia Meloni über die langfristige militärische Sicherung der Handelsroute – während die Börse das Ende des Energiepreisschocks bereits feiert, obwohl die tatsächliche Wiederaufnahme des Schiffsverkehrs aussteht.
Die Märkte preisen das perfekte Szenario ein. Doch wer die Unternehmensbilanzen dieser Woche liest, findet darin eine ganz andere Geschichte.
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Der Netflix-Test: bestanden und durchgefallen zugleich
Auf den ersten Blick glänzten die Zahlen zum ersten Quartal 2026. Der Umsatz stieg um 16 Prozent auf 12,25 Milliarden US-Dollar. Der Nettogewinn schoss um rund 83 Prozent auf 5,3 Milliarden US-Dollar nach oben. Der Gewinn je Aktie lag mit 1,23 US-Dollar weit über den erwarteten 0,76 US-Dollar. Beeindruckend – bis man die Zusammensetzung versteht. Dieser Gewinnsprung wurde maßgeblich durch eine Vertragsauflösungsgebühr von Warner Bros. Discovery verzerrt, jene 2,8 Milliarden Dollar aus dem geplatzten Deal, die ich gestern erwähnte.
Entscheidender ist der Blick nach vorn. Die Umsatzprognose für das zweite Quartal enttäuschte: Netflix erwartet lediglich 13 Prozent Wachstum, während im selben Quartal die höchsten Content-Amortisationskosten des gesamten Jahres anfallen sollen. Die Aktie geriet nachbörslich unter Druck. Dass Co-Gründer Reed Hastings im Juni den Vorstand verlassen wird, verstärkte die Verunsicherung. Die Antwort auf die gestrige Frage nach der Konsumbereitschaft ist damit zweigeteilt: Die Abonnenten zahlen noch – aber das Wachstum flacht ab, und Einmaleffekte können eine schwächelnde Dynamik nicht dauerhaft überdecken.
Streik, Stellenabbau, Stagnation: Deutschlands Woche
Während in den USA zumindest die Tech-Werte die Indizes tragen, verdichtet sich in Deutschland das Bild einer industriellen Krise. Die Energiekosten, die an diesem Freitag an den Rohstoffmärkten abverkauft wurden, haben zuvor die Inflation getrieben und die Wirtschaftsforschungsinstitute gezwungen, ihre Wachstumsprognosen für 2026 drastisch zu senken.
Am Frankfurter Flughafen zeigt sich, was das konkret bedeutet. Die Piloten der Lufthansa streiken weiter, allein am Drehkreuz Frankfurt wurden zuletzt rund 620 Flüge annulliert. Hohe Kerosinkosten und die Millionenschäden der Arbeitsniederlegungen belasten den Konzern schwer. Im Einzelhandel wird derweil hart restrukturiert: Bei Zalando schwelt der Konflikt um die Schließung des Logistikzentrums in Erfurt, die im Januar angekündigt wurde und rund 2.700 Arbeitsplätze betrifft. Das Arbeitsgericht hat eine Einigungsstelle angeordnet, der Betriebsrat wirft dem Management Blockadehaltung vor. Dass die Zalando-Aktie am Freitag dennoch zulegte, folgt der kalten Logik des Kapitalmarkts: Kostensenkungen werden honoriert, auch wenn sie tiefe Einschnitte in der Realwirtschaft bedeuten.
Audis Flucht nach Osten
Wie reagieren Unternehmen auf die Mischung aus europäischer Stagnation und globaler Konsumzurückhaltung? Sie suchen ihr Wachstum anderswo. Audi vertieft seine strategische Partnerschaft mit SAIC in China und will mit einer exklusiv für den chinesischen Markt konzipierten Marke neue Modelle auf den Markt bringen. Die Botschaft ist klar: Wenn der Heimatmarkt nicht liefert, muss das Wachstum in Asien eingekauft werden. Für die deutsche Wertschöpfung ist das keine gute Nachricht.
Die Quintessenz
Ein S&P 500 auf Rekordniveau, ein Ölpreis im freien Fall, Hoffnung auf eine geöffnete Meerenge – die Oberfläche sieht verlockend aus. Doch die Berichtssaison, die ich seit Montag begleite, zeichnet ein differenzierteres Bild. Netflix zeigt, dass selbst starke Quartalszahlen den Markt nicht überzeugen, wenn der Ausblick bröckelt. Deutschland zeigt, dass sinkende Ölpreise allein keine Streiks beenden, keine Logistikzentren retten und keine Wachstumsprognosen reparieren. Die Wirtschaft läuft auf zwei Geschwindigkeiten – und Europa ist nicht die schnellere.
Am Montag erhalten wir weitere Hinweise, wenn die deutschen Erzeugerpreise für März veröffentlicht werden. Sie werden zeigen, wie viel vom vergangenen Energiepreisschock noch in den Bilanzen der Unternehmen steckt.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.
Herzlichst, Ihr Eduard Altmann