Amazon steht in Europa vor einem wichtigen Ausbau seiner Cloud-Präsenz – und muss gleichzeitig eine schmerzhafte Fehlinvestition im Handel verkraften. Auf der einen Seite fließt Milliardenkapital in eine neue, strikt europäische AWS-Infrastruktur. Auf der anderen Seite kämpft der Konzern vor Gericht darum, bei der Pleite von Saks Global nicht komplett leer auszugehen. Wie ordnen Analysten dieses Spannungsfeld aus Wachstumschancen und Rechtsrisiken ein?
Souveräne Cloud als Europaprojekt
Operativ ist der große Treiber aktuell die Einführung der „AWS European Sovereign Cloud“. Am 15. Januar hat Amazon die erste Region in Brandenburg offiziell gestartet – ein strategischer Schritt, um im stark regulierten europäischen Cloud-Markt besser zu punkten.
Die wichtigsten Eckpunkte des Projekts:
- Investition: Bis 2040 sollen 7,8 Milliarden Euro in Deutschland investiert werden.
- Architektur: Die neue Cloud ist physisch und logisch vom globalen AWS-Netz getrennt und wird ausschließlich von in der EU ansässigem Personal betrieben.
- Ausbau: Nach Deutschland sollen Standorte in Belgien, den Niederlanden und Portugal folgen.
- Partner: Zum Start sind Schwergewichte wie SAP, Accenture und Deloitte an Bord.
Damit zielt Amazon direkt auf Kunden, die strenge EU-Datenschutzvorgaben und Souveränitätsanforderungen erfüllen müssen – insbesondere Behörden und regulierte Großunternehmen. Langfristige Verträge aus dem öffentlichen Sektor und der Industrie werden damit wahrscheinlicher und stützen die Wachstumserwartungen im Cloud-Geschäft.
Saks-Investment unter Druck
Deutlich problematischer sieht es bei einer Handelsbeteiligung aus. Saks Global hat in dieser Woche Gläubigerschutz nach Chapter 11 in den USA beantragt. In diesem Zusammenhang hat Amazon vor Gericht versucht, die geplante Finanzierung des insolventen Handelshauses auszubremsen.
Kern des Konflikts ist ein im vergangenen Jahr getätigtes Investment von 475 Millionen US‑Dollar im Zuge der Neiman‑Marcus-Übernahme. In den jüngsten Anhörungen am 15. Januar bezeichnete Amazon diese Beteiligung als „wertlos“. Der Vorwurf: Saks habe vertragliche Zusagen zu einem geplanten „Saks on Amazon“-Onlineauftritt gebrochen und in weniger als einem Jahr Hunderte Millionen Dollar verbrannt.
Trotz dieser Einwände entschied ein US‑Insolvenzrichter zugunsten von Saks: Das Unternehmen darf zunächst 400 Millionen US‑Dollar aus einem insgesamt 1,75 Milliarden US‑Dollar schweren DIP‑Finanzierungspaket abrufen. Für Amazon bedeutet das, dass die Chancen auf eine nennenswerte Rückführung des eingesetzten Kapitals vorerst gering sind.
Analysten zwischen Cloud-Fantasie und Risiken
Die Mischung aus starkem Cloud-Ausbau, Wertberichtigung auf das Saks-Investment und zusätzlichen Rechtsrisiken spiegelt sich direkt in neuen Analysteneinschätzungen wider. Am 15. und 16. Januar haben mehrere große Häuser ihre Kursziele angepasst – mit durchaus unterschiedlichen Schwerpunkten.
Sollten Anleger sofort verkaufen? Oder lohnt sich doch der Einstieg bei Amazon?
- Goldman Sachs hebt das Kursziel von 290 auf 300 US‑Dollar an und bleibt bei „Buy“. Begründung: die strategische Bedeutung der Sovereign Cloud in Europa und solide Q3‑Kennzahlen mit einem Umsatz von 180,17 Milliarden US‑Dollar.
- TD Cowen zeigt sich noch optimistischer und erhöht von 300 auf 315 US‑Dollar. Das Institut verweist auf die Beschleunigung von AWS durch KI‑Workloads und verbesserte Margen im Handelsgeschäft.
- Raymond James wird vorsichtiger und senkt das Ziel von 275 auf 260 US‑Dollar, hält aber an „Outperform“ fest. Im Fokus stehen hier Risiken für das Anzeigengeschäft, etwa durch verändertes Einkaufsverhalten im Zuge von KI‑gestütztem „Agentic Commerce“.
Unterm Strich setzen große Adressen weiterhin klar auf das Cloud- und KI‑Potenzial, preisen aber gleichzeitig die wachsenden Komplexitäten im Handels- und Werbegeschäft stärker ein.
Kursseitig spiegelt sich dieses Bild in einer insgesamt robusten, aber nicht überzogenen Entwicklung wider: Die Aktie schloss gestern bei 238,18 US‑Dollar und liegt damit rund 4 % unter dem 52‑Wochen-Hoch, aber mehr als 50 % über dem Tief der vergangenen zwölf Monate.
Effizienzprogramm und neue Rechtsfronten in Europa
Parallel zu den strategischen Weichenstellungen in der Cloud arbeitet Amazon an der Effizienz im Tagesgeschäft. Am 15. Januar kündigte das Unternehmen an, das seit 1998 betriebene Logistikzentrum im britischen Milton Keynes zu schließen. Betroffen sind 590 Beschäftigte, denen vor allem Versetzungen in ein neues, 500 Millionen Pfund teures Logistikzentrum in Northampton angeboten werden, das im Mai 2026 an den Start gehen soll.
Damit verschiebt Amazon Kapazitäten von älteren Standorten in modernere, vermutlich stärker automatisierte Einrichtungen – ein Baustein, um die Kostenstruktur im Handel trotz hoher Investitionen unter Kontrolle zu halten.
Gleichzeitig taucht in Europa eine neue Baustelle auf: Italienische Behörden ermitteln laut Berichten vom 15. Januar wegen eines mutmaßlichen Steuer- und Zollbetrugsschemas rund um chinesische Importe. Im Raum stehen Vorwürfe, dass Einfuhrzölle und Mehrwertsteuer in erheblichem Umfang umgangen worden sein sollen. Die finanzielle Tragweite ist bislang offen, die Ermittlungen erhöhen aber den regulatorischen Druck auf das Europageschäft zusätzlich.
Fazit: Wachstum mit Nebenwirkungen
Operativ sorgt vor allem die neue europäische Sovereign Cloud für Rückenwind und rechtfertigt aus Sicht vieler Analysten höhere Kursziele. Dem gegenüber stehen die faktische Abschreibung des Saks-Engagements und wachsende Rechts- und Regulierungsrisiken, insbesondere in Europa.
In der Summe bleibt die Aktie aktuell von der starken AWS‑Story und positiven Analystenreaktionen getragen, auch wenn einzelne Baustellen die kurzfristige Aufwärtsdynamik begrenzen. Entscheidend wird in den kommenden Monaten sein, ob Amazon die Cloud-Wachstumspläne wie angekündigt umsetzt und die rechtlichen Risiken – von der Saks‑Insolvenz bis zu den italienischen Ermittlungen – ohne weitere finanzielle Überraschungen begrenzen kann.
Amazon-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue Amazon-Analyse vom 16. Januar liefert die Antwort:
Die neusten Amazon-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Amazon-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 16. Januar erfahren Sie was jetzt zu tun ist.
Amazon: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...
