DAS BÖSE „R-WORT“



07:04 15.08.19

Nun dürfte es nicht mehr zu vermeiden sein: Deutschland steuert auf eine technische Rezession zu, nachdem im zweiten Quartal die Wirtschaftsleistung mit -0,1 % festgestellt wurde. Eine technische Rezession bezeichnet die Tatsache, dass in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen eine Schrumpfung des Bruttosozialprodukts zu verzeichnen ist. Und dieser Begriff ist vor allem mit der Hoffnung verbunden, dass es sich bei einer solchen „technischen“ Rezession nur um eine vorübergehende Konjunkturdelle handelt und sich das Wirtschaftsgeschehen zum Jahresende hin erholt. Doch wie wahrscheinlich ist dies? Der sehr starke Einbruch des ZEW-Index, der die Stimmung von 186 Finanzanalysten aufzeigt, auf sein 2011er-Niveau, zeigt eine deutlich gestiegene Angst vor einer „echten“ Rezession. Auch der breiter gefasste ifo-Geschäftsklimaindex, der eine Umfrage unter ca. 9.000 Unternehmen abbildet, stürzte auf ein Sechs-Jahres-Tief ab. Nahezu alle Branchen verzeichnen eine Stimmungseintrübung. Rückgänge in der deutschen Produktion im Juni (-1,5 %) und im Export (im Jahresvergleich -8 %) verdeutlichen diese Entwicklung auch bei den harten Wirtschaftsdaten. Wie reagieren Investoren auf diese Entwicklung? Offensichtlich mit einer Flucht in Sicherheit. Die Renditen vieler Anleihen weltweit haben sich noch weiter in negatives Terrain begeben und der Goldpreis hat die 1.500-USD-Marke überstiegen. Die 10-jährige Bundesanleihe rentiert nur noch bei -0,62 % (!) und die 10-Jahres-Rendite des US-Treasuries hat sich seit dem vierten Quartal 2018 von 3,25 % auf 1,6 % halbiert.

Die Zinsstrukturkurve ist in den USA nun deutlich invers, was in der Vergangenheit meist der Vorbote einer Rezession gewesen ist. Der Druck auf die US-amerikanische Notenbank Fed wächst damit, bereits Ende September eine weitere Leitzinssenkung durchzuführen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Renditen noch weiter ins negative Niveau gedrückt werden, solange die Nachfrage nach „sicheren“ Anleihen bestehen bleibt. Die jüngste Fondsmanagerumfrage der Bank of America Merrill Lynch hat ergeben, dass viele Fondmanager ihre Aktienquote (insbesondere zyklischer Aktien) zugunsten von Anleihen reduziert haben. Solange die Kapitalströme in diese Richtung gelenkt werden, ändert sich an der Situation wenig. Die aktuelle leichte Entspannung in den Handelsgesprächen der USA mit China dürfte wohl eher taktischer Natur sein, da die US-Administration bemerkt hat, dass flächendeckende Zölle auch beliebte Konsumgüter wie Smartphones, Laptops etc. betreffen würden, die einen wesentlichen Anteil des Weihnachtsgeschäftes in den USA ausmachen. Und was würde im beginnenden Präsidentschaftswahlkampf schlechter ankommen als ein Einbruch im Weihnachtsgeschäft und offensichtliche Belastungen des amerikanischen Konsumenten durch die Aktionen ihres derzeitigen Präsidenten? Eine endgültige Lösung im Handelsstreit der USA mit dem Rest der Welt, der inzwischen auch in einen Abwertungswettlauf zu münden droht, scheint noch in weiter Ferne. Die Belastungen der Stimmung und der realen Wirtschaft dürften daher bestehen bleiben. Eine Beibehaltung der etwas vorsichtigeren Ausrichtung scheint daher in den nächsten Wochen angebracht. Für antizyklische Investoren könnte sich in den nächsten Wochen die eine oder andere Investmentmöglichkeit auftun. Kurzfristig sollte an bestehenden Cash-Positionen festgehalten werden. Bei möglichen kräftigen Marktkorrekturen muss dann nur der Mut zum Handeln aufgebracht werden. In der Vergangenheit war dies immer der Grundstock einer guten langjährigen Performanceentwicklung. Wie immer braucht es vor allem eines dazu: Geduld.



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Über den Autor
 
Autor: Michael Beck, Leiter Portfolio Management Michael Beck, Leiter Portfolio Management,
Bankhaus ELLWANGER & GEIGER KG

Michael Beck ist Leiter des Portfolio Managements bei ELLWANGER & GEIGER Privatbankiers. Das Stuttgarter Bankhaus ist spezialisiert auf die Vermögensverwaltung für private und institutionelle Kunden sowie auf Immobilien im privaten und gewerblichen Bereich. Als Kapitalmarkt-Experte schätzt Michael Beck in der wöchentlichen Marktmeinung aus Stuttgart aktuelle Entwicklung und Chancen an den Aktienmärkten ein.

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