Posch Spice und seine Jubelperser



10:12 16.11.19

Ist hier jemand alt genug, um die Zeit vor und nach dem Mauerfall bewusst selbst miterlebt zu haben? Dann wird er bei der Rede unseres Bundespräsidenten am 9. November sicherlich zumindest gestutzt haben, als der Ronald Reagan pries und erzählte, wie toll das damals gewesen sei, als Reagan vor dem Brandenburger Tor gesagt hat: „Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“

Ich bin damals selbst dabei gewesen und weiß gut genug, wie alle Linken in Deutschland damals Reagan gehasst, als Kriegstreiber bezeichnet und ihn verspottet haben. Dagegen ist die heutige Behandlung von Donald Trump beinahe liebevoll. Und wie Kreuzberg damals abgeriegelt wurde, um die sich wie wilde Tiere gebärdenden Autonomen und Linken dort aus Sicherheitsgründen zeitweise wegzusperren.

Und heute soll das für ihn alles toll gewesen sein, sagt dieser SPD-Mann an der Spitze unseres Staates. Das ist schon erstaunlich. Vor allem, wo doch die SPD damals eigentlich ziemlich geschlossen gegen die Wiedervereinigung und die Übernahme der D-Mark in der DDR gewesen ist.

Aber so ist das ja immer mit der Geschichte. Und wahrscheinlich wird die Enkel-Generation später einmal Steinmeier, diesen Scharfmacher gegen alle, die eine andere Meinung haben als das politische Establishment in Berlin, das er vertritt, als visionären Kämpfer gegen den sich schon im Jahr 2019 abzeichnenden Weg Deutschlands in ein System mit totalitären Zügen feiern.

Unangemessen scharf und damit beinahe ungenießbar gewürzt ist an diesem 9. November auch der Beitrag des Chefredakteurs der „Welt“, Ulf Poschardt, den ich seitdem Posch Spice nenne. Eigentlich mag ich Poschardt ja sehr. Seine Artikel über Musik haben mich überhaupt erst zur „Welt“ gebracht, und ich fand auch seinen öffentlichen Rückzug von Twitter sehr gelungen.

Da hatte er sich gegen den Hass und den Lärm dort gewendet, der differenziertere Aussagen gar nicht mehr zulasse. Das hat mir gefallen. Als ich dann jedoch in seinem Artikel „Der Mauerfall - ein deutsches Wunder“ vom 9. November lese, was er über die AfD von sich gibt, falle ich vom Glauben ab.

Allerdings nicht sofort. Denn wenn es stimmt, dass die AfD im Bundestag tatsächlich Moskau und Washington gleichsetzt und von einem Raubzug der Treuhand spricht, dann ist das mit jemandem wie mir, der selbst zwei Jahre bei der Treuhand gearbeitet hat, nicht zu machen.

Doch sollte man deshalb über die AfD schreiben, wie Posch Spice das tut, „dass dieser Krawallformation jede Form von Würde und Staatsform abgeht“ und es „radikal Unbürgerliche, Staatsstreichler“ sind? Ich finde jemanden, der für den Frieden plädiert und sich selbst auf den Kriegspfad begibt, nicht mehr glaubwürdig. Und „Staatsstreichler“ ist ja ein Begriff, der eigentlich schon justiziabel sein könnte, denke ich. Auf jeden Fall ein ungeheuerlicher Vorwurf.

Die wirklich verstörende Geschichte, die ich an dieser Stelle erzählen möchte, beginnt jedoch recht eigentlich erst HIER. Denn nachdem ich diesen Beitrag gelesen und mir die entsprechenden Reden der Vertreter der AfD im Bundestag angesehen habe, habe ich gedacht, dass jetzt sicherlich im Diskussionsforum der „Welt“ mächtig Kritik geäußert werden würde.

Ich selbst schreibe auch einen Beitrag, nämlich dass das, was Posch Spice kritisiert, nur der Rede eines einzigen AfD-Politikers entnommen ist, ein anderer jedoch sehr vernünftig geredet hat, jedoch dabei gegen ein unwürdig permanent dazwischenredendes Parlament kaum durchkam.

Mein Beitrag erscheint jedoch nicht im Diskussionsforum. Und es findet sich dort auch kein anderer kritischer Beitrag. Es gibt ausschließlich Wortmeldungen die anfangen mit: „Jeder Satz ein Treffer.“ Oder: „Vielen Dank für diesen Artikel!“ Oder: „Volle Zustimmung.“



Ich will jetzt hier keinen unpassenden Vergleich bringen, doch denken und fühlen tue ich genau so.

Am nächsten Morgen dokumentiere ich diesen Fall ausführlich. Von den 29 Beiträgen, die es durch die Zensur geschafft habe, sind 27 ausschließlich positiv und nur zwei mit einer leichten Kritik versehen. Das sind anscheinend die Quotenkritiker.

Ich finde das gespenstisch und ich bin mächtig enttäuscht. Ich schreibe das dann auch der Redaktion und verabschiede mich gleichzeitig von der Zensurinstanz der „Welt“, der ich mitteile, dass sie an mir keine Arbeit mehr haben werden. Ich bin von jetzt an out.

Aus Neugier schaue ich abends noch einmal, und als ich sehe, dass es einen weiteren Beitrag in der Diskussion zu diesem Artikel gibt, suche ich, welcher das wohl ist. Und finde, es ist mein eigener. Na, wenigstens ein kleiner Effekt, denke ich

Doch grundsätzlich hat sich nichts geändert. Posch Spice zündelt, und die Zensur hält ihm den Rücken frei. Das ist, pars pro toto, Deutschland dreißig Jahre nach dem Mauerfall.


Bernd Niquet




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Über den Autor
 
Autor: Bernd Niquet Bernd Niquet,
Autor

Bernd Niquet ist promovierter Volkswirt und schreibt Börsenkolumnen und Bücher


Jenseits des Geldes. VIERTER TEIL

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Bernd Niquet und die Flüchtlingskrise. Die Geschichte von Bernd Niquet ist mittlerweile in den Jahren 2015 und 2016 angekommen. Das ist die Zeit des massenhaften und ungehinderten Zustroms von Flüchtlingen nach Deutschland. Die Hauptfigur der Ereignisse muss jetzt nicht mehr wie vorher nur die Lasten seines eigenen Lebens und seiner familiären Verhältnisse schultern, sondern sieht sich darüber hinaus gezwungen, aus sich selbst herauszutreten und sich ganz grundsätzliche weiterführende Gedanken zu machen.

»Immer, wenn die große Mittelmacht auf dem europäischen Kontinent verrücktspielt, resultieren daraus immense Verwerfungen. Wird der wirtschaftlichen Nord-Süd-Teilung zur Eurorettung jetzt auch noch eine kulturelle Ost-West-Spaltung zur Flüchtlingsrettung hinzugefügt? Denn das hieße ja nichts anderes als die bildliche Kreuzigung unseres Kontinents.«

Bernd Niquet ist Jahrgang 1956 und lebt trotz seines Umzugs im letzten Jahr weiterhin im selben ruhigen Außenbezirk von Berlin. Die ersten vier Teile von Jenseits des Geldes sind ebenfalls im Engelsdorfer Verlag erschienen, und zwar in den Jahren 2011, 2012, 2013 und 2018.

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