Infiziert



14:07 27.02.20


© Bildagentur PantherMedia  / Andreas Fülscher

… und dann erreichte das Virus die Börsen


Italien-Schock


Den Börsen wird regelmäßig die Funktion eines Frühindikators zugeschrieben. Diese Zuschreibung kann auch zu einer falschen Erwartungshaltung führen, was die Prognosefähigkeit von Aktienkursen betrifft. Denn eine Prognosefähigkeit im engeren Sinne haben die Märkte nicht. Das zeigte sich recht deutlich an zwei Ereignissen, die im Moment auf die Märkte einwirken. An erster Stelle ist das Coronavirus zu nennen, das seit Wochen die Schlagzeilen beherrscht. An zweiter Stelle steht die US-Präsidentschaftswahl im November. Von beiden Themen geht aktuell ein negativer Einfluss auf die Märkte aus. Doch der Reihe nach: Das Thema COVID-19, so die offizielle Bezeichnung der hochansteckenden Lungenkrankheit, wird eigentlich seit Wochen diskutiert und hatte dennoch kaum Einfluss auf die Aktienmärkte. Am Montag erfolgte der Versuch das Thema einzupreisen, dann umso vehementer. Auslöser war das sprunghafte Ansteigen der Fallzahlen in Italien, die als kaum widerlegbares Indiz dafür gewertet wurden, dass eine Pandemie nicht mehr aufzuhalten ist. Tatsächlich scheinen die länderweise gemeldeten Fallzahlen nicht so sehr die Ausbreitung der Krankheit selbst, sondern Unterschiede in Messung, Erfassung und Veröffentlichung der Infiziertenzahlen widerzuspiegeln. Insbesondere die Zahlen aus China muss man dabei wohl mit einem großen Fragezeichen versehen. Es könnte durchaus sein, dass die Abflachung bei den Neuerkrankungen dort ein wenig modelliert wurde, um eine Rechtfertigung für die zaghafte Wiederaufnahme der Produktion zu haben. Nach Wochen des Stillstands sind nämlich die Risiken aus dem verordneten Stillstand für die Versorgungslage ebenfalls nicht zu unterschätzen. Die chinesische Führung hat hier eine Güterabwägung zu treffen. Die saubersten Daten über die tatsächliche Ausbreitung der Krankheit unter den Bedingungen eines hervorragenden Gesundheitssystems einerseits und einer verlässlichen Statistik andererseits wird man derzeit wohl weiter aus Singapur bekommen. Im neuen Smart Investor 3/2020 haben wir COVID-19 und den möglichen Konsequenzen für Wirtschaft und Börse unsere Titelstory gewidmet.


Ausgequatscht?!


Ebenfalls für Verunsicherung sorgt der Nominierungsprozess für die US-Präsidentschaftswahl innerhalb der Demokratischen Partei. Naturgemäß konnte es den Kapitalmärkten überhaupt nicht schmecken, dass Hardcore-Sozialist Bernie Sanders aus der gestrigen Vorwahl in Nevada als strahlender Sieger hervorging. Allerdings sind wir sicher, dass sich demnächst die Reihen bei den Kandidaten lichten und sich insbesondere die Stimmen, die im gemäßigten Lager derzeit noch auf mehrere Kandidaten verteilt sind, entsprechend konzentrieren werden. Einer der Wackelkandidaten ist mittlerweile der lange als Favorit gehandelte, aber glücklose ehemalige US-Vizepräsident Joe Biden. Schon sein Slogan „No Malarkey“ (etwa: „Kein Quatsch“) ist so antiquiert, dass viele potenzielle Wähler, das Wort „malarkey“ erst einmal nachschlagen mussten. Zusätzlich litt er besonders unter dem Impeachment-Versuch des Duos Pelosi/Schiff, die ihre aussichtslose Attacke gegen Trump ausgerechnet mit dem Thema Ukraine geritten hatten – mit der absehbaren Folge, dass Biden selbst in die Schlagzeilen geriet. Denn der hatte sich ungeschickterweise in der Vergangenheit sogar damit gebrüstet, massiven Einfluss auf die ukrainische Regierung ausgeübt zu haben, also genau das, was man Trump versucht hatte vorzuwerfen. Dass noch während Bidens Amtszeit als US-Vizepräsident dessen Sohn Hunter unter fragwürdigen Umständen in das Board of Directors des ukrainischen Gaskonzerns Burisma berufen worden war, ist da nur noch das i-Tüpfelchen. Michael Bloomberg hat zwar genügend eigenes Geld, um ein regelrechtes Wahlkampffeuerwerk abzubrennen, der zündende Funke will aber nicht so recht auf die Basis überspringen. Zudem wird ihm nachgesagt, dass er selbst gar keine sonderlichen Ambitionen auf die Präsidentschaft habe, sondern lediglich eine zweite Amtszeit Trumps verhindern will. Obwohl wir derzeit eher den Rückzug Bidens sehen, werden – so oder so – die Stimmen beider gemäßigter Kandidaten perspektivisch bei einem der beiden landen. Aber auch Sanders könnte noch Unterstützung bekommen, denn die dem linken Parteiflügel angehörende Elisabeth Warren dürfte nur noch Zählkandidatin sein und bald ihren Rückzug bekanntgeben. Nach dem sogenannten Super Tuesday in der nächsten Woche sehen wir klarer. Das Parteiestablishment dürfte – wie schon 2016 – alles daran setzen, Sanders zu verhindern. Der allerdings hat gerade ein derart großes Momentum, dass die Demokraten erneut vor einer Zerreißprobe stehen.



Langfristig virenfrei


Eine etwas andere Denke zum Thema COVID-19-Virus offenbarte Investoren-Legende Warren Buffett in einem Interview am Montag. Zwar sei das Virus eine Herausforderung für die Menschheit, allerdings nichts, was er als Grundlage für Kauf- oder Verkaufsentscheidungen heranziehen würde. Eine Aktie zu kaufen basiere auf den Aussichten der nächsten 10, 20 oder 30 Jahre – und diese hätten sich durch den Virus nicht verändert. Die meisten Anleger würden laut Buffett den Kauf einer Aktie als etwas anderes ansehen als den Kauf eines ganzen Unternehmens, auch wenn dies eigentlich dasselbe ist. Von einem ganzen Unternehmen würde man sich schließlich auch nicht ein paar Tage später aufgrund der neuesten Schlagzeilen trennen. Zum Virus äußert er sich im Verlauf des Interviews dennoch: Er habe mit seinem „persönlicher Wissenschaftsberater“ Bill Gates gesprochen, der die Gefahr durch COVID-19 sehr ernst nehme. Es werde laut Gates noch lange dauern, bis eine Impfung bereitstehe, auch wenn er diesbezüglich langfristig optimistisch sei. Das Interview mit Buffett folgt auf die jährliche Veröffentlichung seines Briefes an die Aktionäre von Berkshire Hathaway am Samstag, in der sich der Multimilliardär mit eher grundsätzlichen Fragen beschäftigte – vor allem mit dem Thema seiner Nachfolge. Zum ersten Mal werden in diesem Jahr auf der Berkshire Hauptversammlung neben Buffett und seinem Stellvertreter Charlie Munger auch die beiden Berkshire Manager Ajit Jain und Greg Abel sitzen. Ein deutlicher Hinweis, dass diese beiden auch in der Zeit nach Buffett und Munger eine gewichtige Rolle spielen werden.



Zukunftsplanung à la Buffett


Fünf Gründe stimmen ihn für die Zukunft des Unternehmens optimistisch: Das Portfolio sei gut aufgestellt und in Unternehmen investiert, die einen attraktiven Return on Capital erzielen, die Holdingstruktur gebe Berkshire einen strategischen Vorteil, die Bilanz des Unternehmens ist stark genug, um heftige externe Schocks abzufedern, die Manager der einzelnen Beteiligungen seien begabt und motiviert und die Aufsichtsräte würden für eine Kontinuität der Kultur zum Wohle der Aktionäre sorgen. Buffett lässt einmal mehr durchblicken, wie wichtig die richtige Incentivierung ist, um die gewünschten Ergebnisse zu erzielen. Alle Board-Mitglieder von Berkshire halten selbst eine signifikante Position an Aktien des Unternehmens – und haben diesen Posten aus finanzieller Sicht überhaupt nicht nötig. Dies dürfte auch in Zukunft sicherstellen, dass das Management im Gleichen Boot wie die Aktionäre sitzt. Buffett gibt den Aktionären zudem eine Erklärung an die Hand, was nach ihm mit seiner eigenen Berkshire-Beteiligung passieren wird. Wie bereits in den letzten Jahren wird jedes Jahr ein Teil seiner A-Aktien in die liquidere B-Aktie getauscht werden, die dann an diverse Wohltätigkeitsorganisationen wie die Bill & Melinda Gates Foundation gehen. Insgesamt dürfte es laut Buffett 12 bis 15 Jahre dauern, bis seine Aktien über den Markt verkauft werden. Berkshire-Aktionäre werden daher kaum Gefahr laufen, dass ein Überangebot an Aktien langfristig auf dem Kurs der Aktie lastet.




Zu den Märkten


Die Kombination aus Italien- und Sanders-Schock hat die Märkte in den letzten beiden Tagen massiv unter Druck gesetzt. Heute zeigten sich erste Stabilisierungstendenzen wie hier im S&P 500 (vgl. Abb.). Auch die beiden Unterstützungslinien deuten darauf hin, dass der S&P 500 sein kurzfristiges Abwärtspotenzial erst einmal ausgelotet haben könnte. Für den Kursverlauf der nächsten Tage und Wochen wird die Nachrichtenlage zu COVID-19 und zu den US-Vorwahlen entscheidend sein. Sollte hier weiteres Störfeuer ausbleiben, gibt es eine realistische Chance auf eine technische Erholung. Deren Verlauf sollte man sich dann aber ganz genau ansehen. Fällt sie kraftlos aus, dann deutet dies auf weiteres Korrekturpotenzial. Charttechnisch ist der Markt zwar angeschlagen, aber noch nicht k.o. Die wirklichen Einstiegschancen für langfristig orientierte Anleger liegen aber vielleicht erst noch vor uns.

Musterdepot Aktien & Fonds


Lesen Sie im heutigen Musterdepot über die Spuren, die der Virus-Crash in unserem Musterdepot hinterlassen hat.Sie können sich durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.



 



Smart Investor 2/2020


Titelstory: Emerging Markets – zwischen Tradition und Moderne

Zyklen: Von der Kunst, die Märkte zu lesen

Cannabisaktien: Ist die Zeit nun reif für den Einstieg?

Schlüsselwährungen: Mehr als ein Bonmot:
„Geld regiert die Welt“



Fazit

Die Ausbreitung des Coronavirus ist ein gutes Beispiel dafür, wie sehr eine kurzfristige und eine langfristige Perspektive an den Börsen auseinanderfallen können.


Ralph Malisch, Christoph Karl



       

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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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