Irgendjemand ist hier verrückt



08:32 04.07.20

Als ich am Mittwochmorgen die Internetseite der WELT aufrufe, treffe ich auf ein ungutes Omen. Ich sehe, was ich noch niemals gesehen habe, was ich aber durchaus für bezeichnend halte, nämlich dass bei zwei Artikeln hintereinander beinahe identische Schlagzeilen zu finden sind. Das ist wohl in der Aufregung durchgerutscht.

Die erste lautet „Beispielloses Desaster: Diese Zahlen zerstören die Hoffnung auf das V-Szenario“ und die zweite „Beispiellose Krise – Airbus will 15.000 Stellen streichen“. Wir befinden uns also anscheinend in einer beispiellos unguten Situation.

Als ich mir anschließend bei Boerse.de die Indices anschaue, sehe ich, dass der Dax und der Dow am Vortag gestiegen sind. Im Marktbericht steht dann: „Am US-Aktienmarkt sorgten gute Konjunkturdaten aus China und den USA für Kauflaune. Die weiter steigenden Infektionszahlen in der Corona-Pandemie in den Vereinigten Staaten rückten damit in den Hintergrund.“

Und weiter: „Die Stimmung der US-Verbraucher hatte sich im Juni weiter von ihrem Einbruch in der Corona-Krise erholt. Zudem halten sich auf dem US-Immobilienmarkt die Auswirkungen der Corona-Pandemie bisher offenbar in Grenzen. Ferner stützten besser als erwartet ausgefallene Stimmungsdaten aus der chinesischen Industrie die Wall Street.“

Aha, denke ich, die Zahlen sind schlecht, aber die Stimmung ist gut. Das ist doch schön. Irgendjemand ist hier jedoch verrückt, denn wie soll das beides bitte zusammenpassen?

Und hatte die WELT nicht gerade geschrieben, es gäbe jetzt in den USA eine zweite Corona-Welle und die Zahl der Infektionen steige derzeit so stark wie nie? Doch wenn das dann in den Vereinigten Staaten in den Hintergrund gerückt ist, wunderbar. Hoffentlich bleibt es dort auch.

In Deutschland rücken ja die Zahlen an der Börse auch in den Hintergrund. Denn der Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) hat gerade von einem Rückgang der Wirtschaft von 10 Prozent in diesem Jahr gesprochen, womit eine rasche Erholung der Wirtschaft nach dem historischen Einbruch im Frühjahr, endgültig vom Tisch sei.

Die Erholung scheint also wohl vom Tisch an die Börse gewandert zu sein. Wenn das nicht verrückt ist.

Die Unternehmen seien verunsichert, so der DIHK, weil sich ihre Geschäftstätigkeit trotz der gelockerten Corona-Maßnahmen in den meisten Ländern nicht wieder normalisiere. Im Herbst könne sich die Lage deshalb sogar negativ zuspitzen, wenn keine neuen Aufträge hereinkämen.

Und die Autoindustrie baut derzeit nicht mehr Autos als im Jahr 1975. Reicht doch eigentlich auch, oder? Doch sind die Löhne nicht irgendwie gestiegen?



Aber wahrscheinlich macht das der Börse auch nichts. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Man handelt doch so wunderbar mit Erwartungen.

Dummerweise läuft dann im Herbst aber auch gerade der Insolvenzschutz aus. Und ein jahreszeitlich bedingter Anstieg der Infektionen ist bestimmt wahrscheinlich. Doch ach, das werden die Erwartungen schon schaffen. Oder die Menschen müssen einfach mehr Desinfektionsmittel trinken.

Was kümmert uns das also eigentlich alles? Schließlich wird die Grundrente steigen, und auch die jungen Leute monieren am Konjunkturpaket der Bundesregierung eigentlich nur, dass es nicht klimaneutral ist. Dass es ihnen eventuell wirtschaftlich die Zukunft nimmt, ist ihnen anscheinend piepegal.

Überhaupt, die Firmen und die Selbständigen, sollen sie sich doch lieber mal um Schwarze kümmern. Und um die Gleichstellung von menstruierenden Wesen. Aber wahrscheinlich bin ich jetzt schon langsam selbst verrückt geworden. Das soll ja ansteckend sein wie eine Epidemie.


Bernd Niquet


berndniquet@t-online.de



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Über den Autor
 
Autor: Bernd Niquet Bernd Niquet,
Autor

Bernd Niquet ist promovierter Volkswirt und schreibt Börsenkolumnen und Bücher


Jenseits des Geldes. VIERTER TEIL

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Beschreibung:
Bernd Niquet und die Flüchtlingskrise. Die Geschichte von Bernd Niquet ist mittlerweile in den Jahren 2015 und 2016 angekommen. Das ist die Zeit des massenhaften und ungehinderten Zustroms von Flüchtlingen nach Deutschland. Die Hauptfigur der Ereignisse muss jetzt nicht mehr wie vorher nur die Lasten seines eigenen Lebens und seiner familiären Verhältnisse schultern, sondern sieht sich darüber hinaus gezwungen, aus sich selbst herauszutreten und sich ganz grundsätzliche weiterführende Gedanken zu machen.

»Immer, wenn die große Mittelmacht auf dem europäischen Kontinent verrücktspielt, resultieren daraus immense Verwerfungen. Wird der wirtschaftlichen Nord-Süd-Teilung zur Eurorettung jetzt auch noch eine kulturelle Ost-West-Spaltung zur Flüchtlingsrettung hinzugefügt? Denn das hieße ja nichts anderes als die bildliche Kreuzigung unseres Kontinents.«

Bernd Niquet ist Jahrgang 1956 und lebt trotz seines Umzugs im letzten Jahr weiterhin im selben ruhigen Außenbezirk von Berlin. Die ersten vier Teile von Jenseits des Geldes sind ebenfalls im Engelsdorfer Verlag erschienen, und zwar in den Jahren 2011, 2012, 2013 und 2018.

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