Double Dip als Aktienschreck?



09:55 07.08.20

Die imposante Erholung der Welt-Börsen seit Mitte März wurde von einer V-förmigen Erholung der Konjunkturstimmung begleitet. Aber könnte diesem Traumszenario über eine zweite Corona-Welle bald die Luft ausgehen? Denn über erneut ansteigende Corona-Infektionen werden bereits wieder Lockdown-Ängste geschürt, die wie Gift auf Konsum und Investitionen wirken. Dagegen hält die (Fiskal-)Politik, die kein „Double Corona-Dip“ riskieren will. Und für die Finanzierung weiterer Konjunkturmaßnahmen stehen die Notenbanken ohnehin bereit.

 

Die Konjunkturstimmung ist gut,…

Die Federal Reserve Bank of Atlanta erwartet für das III. Quartal ein US-Wachstum von annualisiert knapp 20 Prozent gegenüber Vorquartal. Tatsächlich sind die „soften“ Frühindikatoren vielversprechend. Mit der dritten Verbesserung in Folge auf den höchsten Stand seit September 2018 hat die Neuauftragskomponente des ISM Index für das Verarbeitende Gewerbe einen Aufwärtstrend gebildet. Wenn auch noch nicht mit der gleichen Dynamik, wird dieser allmählich auch von „harten“ Konjunkturdaten wie US-Industrieaufträgen begleitet.

 

Dass auch das Dienstleistungsgewerbe Wachstum signalisiert, stellt die US-Aktienerholung auf eine fundamental insgesamt breite Basis.

 

Getragen von einer stabilisierten Binnennachfrage und sich erholenden Exporten, hellt sich die Stimmung auch in der chinesischen Industrie nicht nur in offiziellen Umfragen auf. 

 

Da China zuerst von der Virus-Krise betroffen war, dient die dortige Wirtschaftserholung als Blaupause für die weitere weltwirtschaftliche Entwicklung. In der Tat zeigt der Einkaufsmanagerindex der weltweiten Industrie mit 50,3 das erste Mal seit Januar wieder wirtschaftliche Expansion an. Die verbesserte Industrienachfrage schlägt sich in einer spürbaren Preiserholung bei Kupfer - einem besonders zyklischen Industriemetall - mit rund 35 Prozent seit Tief Mitte März nieder.

 

…doch gerät der Erholungsmotor ins Stottern

Ein Großteil der Wirtschaftserholung ist auf relativ einfach zu erzielende Basiseffekte zurückzuführen. Das jeweilige Vorkrisen-Niveau ist noch lange nicht erreicht. Jetzt beginnt der schwierige Teil der nachhaltigen Besserung. Zeitnahe Daten in Amerika und Europa zeigen jedoch, dass der anfängliche Konjunkturschwung etwas abflacht. Anzeichen hierfür kommen vom „Corona Lockerungsindex“, der je nach Land wirtschaftliche Folgen der Eindämmungs- bzw. Lockerungsmaßnahmen sichtbar macht. Dazu werten Google COVID-19 Community Mobility Reports mobile Daten der Bewegungstrends im Einzelhandel, in Lebensmittelgeschäften, Apotheken und am Arbeitsplatz aus.

 

Finanzpolitischer Geiz ist nicht „g…“

Um die Erholungsdynamik maximal zu stützen, wird weltweit mit weiter opulenten Konjunkturhilfen nicht gegeizt. Dass die US-Regierung aktuell die Verlängerung der Ende Juli ausgelaufenen großzügigen Corona-Arbeitslosenhilfe sogar per Executive Order - also zur Not ohne Zustimmung des US-Kongresses - prüft, verdeutlicht ihren bedingungslosen Rettungswillen. Doch auch die Demokraten befürworten ein fünftes Billionen schweres, schuldenfinanziertes Hilfspaket. Immerhin ist Amerika im Wahlkampf. Mittlerweile hat Amerika alle Instabilitätshemmungen verloren.

 

Ein zweiter Corona-Dip wäre psychologisch viel schlimmer als der erste, ein Super-GAU. Sollten Erwartungen auf ein Ende des Tals der Corona-Tränen enttäuscht werden, könnte die Rezession überborden und innen- sowie sozialpolitisch schwere Schäden anrichten. 

 

Insofern werden neben den USA auch andere Industriestaaten noch mehr für Konsumstimulierung tun. Nüchtern betrachtet wird großzügiges „Helikoptergeld“ - also direkte, nicht zurückzuzahlende Geldzuwendungen an die Haushalte - immer wahrscheinlicher.

 

In diese Richtung bewegt sich Deutschland bereits mit der zunehmenden Forderung nach Verlängerung des Kurzarbeitergelds bis weit ins nächste Jahr sowie Transferleistungen für besonders betroffene Industriebranchen wie Autozulieferer, Luft- und Raumfahrt sowie Maschinenbau. Auch bei uns wird im Herbst 2021 gewählt.

 

Schließlich, damit all die Konjunkturhilfen auf fruchtbaren Boden fallen, werden selbst bei einer im Herbst sich verschlechternden Virus-Lage keine General-Lockdowns durchgeführt. Man wird regional und branchespezifisch begrenzte Maßnahmen ergreifen sowie konsequente Abstands-, Hygiene- und umfassende Testmaßnahmen auch mit immer stärkerem repressiven Druck erzwingen. Erneute Zustände wie im März und April wären im Extremfall Demokratie gefährdend.

 

Marktlage - In this world of troubles, monetary policy pulls me through (frei nach John Miles)

Trotz der Ängste vor einer zweiten Virus-Welle sorgt die avisierte Belebung der Wirtschaft für insgesamt stabile Aktienmärkte. Die tatsächlichen Konjunkturdaten in Europa zeigen seit Mai gemessen an den Einschätzungen der Volkswirte eindeutig positive Überraschungen.

 

Das gestärkte Vertrauen in die globale Konjunkturerholung kommt auch in allmählich weniger trüben Gewinnerwartungen der Unternehmen zum Ausdruck. Die Ausblicke der Unternehmen im Zuge der Berichtsaison für das II. Quartal fallen weniger düster als noch vor Monaten erwartet aus. Hierbei spielt jedoch auch effizientes Kostenmanagement eine große Rolle.

 

Für Irritationen am Aktienmarkt sorgen anhaltende Seitenhiebe von Trump gegen China. Mit einer Frist von 45 Tagen verbietet er US-Unternehmen und -Privatpersonen, Geschäfte mit den chinesischen Eigentümern der populären Apps TikTok und WeChat zu machen. Laut Dekret wird WeChat - soziales Netzwerks mit Messenger und beliebtem Bezahldienst - als Spionage-App der KP im Ausland gesehen und dürfte damit verboten werden. Im Fall der populären Video-Plattform TikTok verleiht Trump seiner Drohung Nachdruck, den Verkauf der App an ein „sehr, sehr amerikanisches Unternehmen“ zu erzwingen.

 

Nüchtern betrachtet kopiert Trump eigentlich nur die typische Wirtschaftspolitik Pekings, die Auslandsfirmen zur Zusammenarbeit mit heimischen Unternehmen zwingt, um an ihr Technologie-Know How zu gelangen. Würde Trump einen anderen Ton wählen und mit Amerikas alten Verbündeten in Europa zusammenarbeiten, könnte sehr erfolgreich Druck auf China ausgeübt werden. Leider jedoch lenken seine „entzückenden“ Darbietungen vom eigentlichen Thema ab.

 

Eskalationen im Sinne eines dramatischen Handelskriegs sind vor der US-Wahl jedoch nicht zu erwarten. Sie würden die Exportaussichten der US-Unternehmen belasten und zu Reibungsverlusten an den amerikanischen Aktienmärkten führen. Das will Trump sicher nicht. Das spart er sich für eine mögliche zweite Amtszeit. Denn dann ist das Thema Wiederwahl obsolet.

 



Dennoch hält der globalpolitische Anstieg der Unsicherheit Kursschwankungen auf vergleichsweise hohem Niveau.

 

Grundsätzlich bleibt die Liquiditätshausse die Vollkaskoversicherung für Aktien. Das unabsehbare Ende der Zinsarmut schafft einen nachhaltigen und gewaltigen Anlagenotstand.   

 

Geo- und geldpolitisch bleiben damit ebenso die Edelmetalle Gold und Silber gut unterfüttert, selbst wenn angesichts der zuletzt starken Preisentwicklung mit vorübergehenden Korrekturen zu rechnen ist.

 

Sentiment und Charttechnik DAX - Über den Sommer weiter volatil im Seitwärtstrend

Trotz Ängsten vor einer zweiten Virus-Welle bleibt die Aktienstimmung gut. Das unterstreicht die anhaltend hohe Investitionsquote unter US-Fondsmanagern. Etwas Wasser in den süßen Aktien-Wein gießt der von Citigroup ermittelte Macro Risk Index, der mit rund 0,6 weiterhin eine schwache Risikoabneigung anzeigt.

 

Charttechnisch liegen auf der Unterseite erste Unterstützungen bei 12.525 und 12.515 Punkten. Bei Unterschreitung liegen die nächsten Haltelinien bei 12.415 und 12.207. Hierunter nimmt der DAX die Marke bei 12.195 ins Visier. Auf dem Weg nach oben trifft der DAX bei 12.660 und 12.671 auf erste Widerstände. Weitere Barrieren liegen bei 12.784, 12.800 und 12.822. Darüber visiert der Index die Marken bei 13.000, 13.033 und 13.067 Punkten an.

 

Der Wochenausblick für die KW 33 - Konjunkturelle Hochstimmung lässt nach

In China schreitet die Konjunkturerholung gemäß Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätzen in Trippelschritten voran.

 

In den USA setzt die Industrieproduktion ihren Erholungstrend fort. Der Aufwärtstrend der Einzelhandelsumsätze flacht jedoch ab, während sich das von der University of Michigan ermittelte Konsumentenvertrauen angesichts zunächst Ende Juli ausgelaufener Corona-Hilfen für Arbeitslose wieder eintrübt. Der Inflationsdruck bleibt schwach.

 

In der Eurozone stabilisieren sich die vom Finanzdatenanbieter Sentix ermittelten Konjunkturerwartungen für die nächsten 6 Monate auf hohem Niveau, fallen jedoch weniger positiv aus.

 

In Deutschland legt der Aufwärtstrend der ZEW Konjunkturerwartungen eine Pause ein.

 

 

Der Autor dieses Artikels ist Robert Halver, Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank AG.

 

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Über den Autor
 
Autor: Robert Halver Robert Halver,
Baader Bank AG

Robert Halver, Jahrgang 1963, ist Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank und für die Einschätzung der internationalen Anlageklassen zuständig. Nach Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums an der Universität Trier 1990 arbeitete Robert Halver zunächst als Wertpapieranalyst bei der Sparkasse Essen. Ab 1994 war Herr Halver bei der Privatbank Delbrück & Co für die Analyse der internationalen Kapitalmärkte und von Aktiengesellschaften der Branchen Automobile und Telekommunikation verantwortlich. Später formulierte er als Chefstratege die Anlagepolitik für die hausinternen Aktien- und Renten-Investments. 2001 wechselte Robert Halver als Direktor zur Schweizer Privatbank Vontobel. Neben der Anlagestrategie umfasste sein Verantwortungsbereich das Relationship Management sowie die Öffentlichkeitsarbeit der Vontobel Gruppe in Deutschland. Seit 2008 ist Herr Halver bei der Baader Bank AG in Frankfurt tätig. Er verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator und ist durch regelmäßige Medienauftritte bei Fernsehsendern und Radiostationen, auf Fachveranstaltungen und Anlegermessen sowie Fachpublikationen und als Kolumnist präsent.

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