So tickt die Börse: Trump startet Enteignungen



13:08 10.08.20


Von wegen Sommerloch: Es geht rund an den Aktienmärkten. Trump sorgt für Zwangsenteignung chinesischer Firmen, der Konflikt spitzt sich weiter zu. Am Aktienmarkt sieht man das noch gelassen. Die Einzelheiten dazu lesen Sie nachfolgend. Im vollständigen Kapitel 02 zeige ich noch auf, warum inzwischen fast jeder Anleger in Deutschland zum Bullen geworden ist... allerdings aus den unterschiedlichsten Gründen: https://heibel-ticker.de/heibel_tickers/1778#ch02
Nach Huawei zielt US-Präsident Donald Trump nun auf ByteDance, die chinesische Mutter von TikTok, und Tencent, den chinesischen Betreiber von WeChat. Beide Aktien sind gestern eingebrochen. Ich fühle mich in meiner Warnung vor den chinesischen Aktien bestätigt und wiederhole gerne, dass ich die Börsenweisheit "politische Börsen haben kurze Beine" seit langem für obsolet erklärt habe. Wer beim Investieren nur auf wirtschaftliche Kennzahlen schaut, gerät in der neuen Welt der politischen Allmacht unter die Räder.

WeChat ist in China so ziemlich alles, was das Internet bietet: Nicht nur Chatten wie über WhatsApp, sondern auch suchen wie über Google, bezahlen wie über Paypal oder Tickets buchen wie über Ticketmaster bis hin zur Vertragsverwaltung ihres Strom- und Wasserlieferanten. Tencent zeigt offen die gute Beziehung der Unternehmensleitung zur Kommunistischen Partei Chinas. Die politisch verfügte Zensur wird treu umgesetzt. TikTok ist eine ziemlich sinnfreie App, mit der Kinder ohne besondere Interessen ad hoc minuten- bis stundenlang am smartphone gefesselt werden. Wenige Sekunden dauernde Videos mit vermeintlich unglaublichen oder lustigen Inhalten werden abgespielt. Vielleicht bin ich zu alt dafür, um zu verstehen, wie diese App zu den weltweit größten Apps werden konnte.

Google hat aus Protest über die scharfen Zensurvorgaben Chinas das Geschäft im bevölkerungsstärksten Land der Erde eingestellt. Facebook ist in China gesperrt. Amazon hat sein China-Geschäft zusammengestutzt und den Marktplatz für Drittanbieter geschlossen, JD.com und Alibaba dominieren nun den Online-Einzelhandel.

Soweit die Situation. Können wir China vorwerfen, den globalen Tech-Monopolisten auf ihrem Eroberungszug Steine in den Weg zu rollen? Nein, ich hätte mir gewünscht, dass Europa da ebenfalls etwas kreativer ist. Können wir den USA vorwerfen, nun im Gegenzug chinesischen Unternehmen Steine in den Weg zu rollen? Ehrlich gesagt: Nein. Die Methoden sind jedoch sehr fragwürdig: In China bedient man sich gerne der Zensur. Die Freie Meinungsäußerung, die wir im Rest der Welt als Grundrecht verankern, gibt es in China nicht. Somit handelt China konsistent zu den eigenen Regeln. Juristen können China keinen Vorwurf machen. 
Seit vielen Jahren wehren sich westliche Länder gegen diese Praktiken aus China, doch ohne Erfolg. Die "freie Welt" hat sich soweit geöffnet, dass es kaum Mittel gibt, chinesische Unternehmen, die aus dem gesicherten Heimatmarkt in die Welt strömen, zu bremsen. Zum Amtsantritt von Donald Trump habe ich gesagt, dass viele seiner Ziele durchaus sinnvoll sind. Lediglich seine Mittel sind indiskutabel. Trump schert sich nicht um die Regeln, die von den USA der "freien Welt" gegeben wurden, sondern regiert immer wieder per Dekret und begründet unzulässige Aktionen mit der nationalen Sicherheit. Offensichtlich schert er sich keinen Deut um die Regeln der freien Welt.

China schickt sich an, die USA als globale Führungsmacht in Frage zu stellen oder gar abzulösen. Die USA wehrt sich dagegen, das darf niemanden verwundern. Trump zückt nun sogar die Karte der Enteignung: Das US-Geschäft von TikTok darf in den kommenden 45 Tagen an Microsoft verkauft werden, sonst werde TikTok in den USA dicht gemacht.

Auf der Suche nach einem möglichen Käufer für TikTok gibt es nicht viele US-unternehmen, die in Frage kommen: Amazon-Chef Jeff Bezos und Donald Trump streiten sich bei jeder Gelegenheit, Alphabet Chef Sundar Pichai wird von Trump bezichtigt, die kommende Präsidentschaftswahl zu seinen Lasten beeinflussen zu wollen. Ganz ähnlich sieht Trump Mark Zuckerberg von Facebook. Apple hat an solchen Diensten kein Interesse, bleibt also nur noch Microsoft, das einer der größten Vertragspartner des Weißen Hauses ist und damit ohnehin schon bestens von den US-Behörden beaufsichtigt wird.

Trump sieht sich als "Dealmaker", er ermöglicht die Übernahme von TikTok durch Microsoft in den USA. Wie bei Dealmakern so üblich, beansprucht er auch eine Provision. Microsoft darf TikTok kaufen und zahlt zusätzlich eine ordentliche Provision in die Staatskasse. Damit der Deal für Microsoft nicht zu teuer wird, schafft Trump Rahmenbedingungen (Entzug der Lizenz in 45 Tagen), die den Preis von TikTok in den Keller schicken. Politik hat kurze Beine? Sie müssen sich diesen Vorgang mal auf der Zunge zergehen lassen: hier wird so ziemlich alles an Moral über Bord geworfen, was uns in den vergangenen Jahrzehnten beigebracht wurde.



TikTok besteht aus einer Millionen Zeilen Programmiercode, im Wesentlichen sorgt künstliche Intelligenz für die Anzeige der jeweils passendsten Kurzvideos. Für eine vollständige Übernahme des US-Geschäfts von TikTok müssen auch diese Programmierzeilen vollständig an Microsoft übergeben werden. In einer Welt, in der die weltweit größten Konzerne einen Wettlauf in Sachen Künstlicher Intelligenz (KI) vollführen, kann ich mir schwer vorstellen, dass führende KI-Programme einfach so dem Wettbewerber übergeben werden.

Für mich gibt es daher nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Programmcode von TikTok ist gar nicht so gut, wie das die ganze Welt glaubt. Dann steht dem Deal nichts mehr im Wege. ByteDance wird die (wertlosen) Programmzeilen gerne an Microsoft übergeben. TikTok wird dann in den kommenden Jahren an Bedeutung verlieren und zum Milliardengrab für Microsoft. Oder aber ByteDance hat hier wirklich eine Logik erschaffen, die allen anderen bislang verwendeten Algorithmen überlegen ist. Diese Programmzeilen wird ByteDance niemals aus der Hand geben. Der Deal würde dann nicht stattfinden. In beiden Szenarien sieht es nicht gut aus für Microsoft.

Zurück zum Machtkampf zwischen China und den USA: China bleibt seiner Linie treu, schafft national schlagkräftige Unternehmen, die dann international expandieren und erobern. National werden Regeln angewendet, die international nicht haltbar sind. International hingegen hält man sich schön brav an die internationalen Regeln. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Die USA haben sich einen Präsidenten gewählt, der mit der Faust auf den Tisch haut, der sogar mit der Faust direkt ins Gesicht schlägt.

Wenn beide Nationen ihren Stil beibehalten, steuern wir auf einen Konflikt zu, den wir alle - auch Chinesen und Amerikaner - nicht erleben wollen. Ich halte die Medienlandschaft in Deutschland für zu einseitig, wenn sie Trump für seine Methoden verurteilen, denn China steht mit seinen Menschenrechtsverletzungen genauso in der Kritik. Ein neuer US-Präsident alleine wird diesen Konflikt nicht lösen können. Ehrlich gesagt: Ich bin ratlos, wie man China zum Einlenken bringen kann, wenn es selbst ein Rüpel wie Trump nicht schafft.

Übrigens: Tencent ist mit 5% an Tesla und mit 12% an Snap beteiligt. Mit Activision Blizzard, Riot Games und Eric Games bestehen enge Kooperationen. Spotify, ebenfalls an der NYC gelistet, und Tencent sind gegenseitig beteiligt. Universal Music hat einen 10%-Anteil an seiner Musiklabels an Tencent verkauft. Ich habe keine Ahnung, wie Trump die Vernetzung aufflechten möchte ... vermutlich genau so, wie der Gordische Knoten gelöst wurde.

Übrigens 2: Nordstream 2 wird von den USA in gleicher Weise beackert: Sanktionen gegen jeden, der mithilft - in den vergangenen Tagen explizit gegen den Hafen auf Rügen, der die Rohre lagert.

Der Vollständigkeit halber: Tencent Freitag früh -6%, Microsoft +1%. ByteDance ist nicht börsennotiert.
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Autor: Stephan Heibel Stephan Heibel,
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