Sommergewitter



15:00 13.08.20


 
© Bildagentur PantherMedia  / vizoliStudio
Kräftige Dusche bei Silber und Gold

Blitz und Donner


Die letzten Handelstage waren für Edelmetallanleger in der Tat bewegend. Nachdem sie über Wochen und Monate durch steigende Kurse verwöhnt wurden, ging es besonders gestern rapide bergab. Beim Goldpreis stand ein sattes Minus von 5,7% auf der Uhr, beim Silber waren es sogar satte 14,9%. Beide Angaben beziehen sich auf die US-Dollar-Notierungen. In Euro sah es zwar marginal besser aus, aber insgesamt war in beiden Edelmetallen gestern Panik angesagt. Die Differenz zwischen den Veränderungen in US-Dollar und Euro ist auch schon eine der Erklärungen, die gegeben bzw. nachgereicht wurden: Die Stärke des US-Dollars schade Gold, so war zu hören. Wenn man auf den Chart blickt, ist von dieser Stärke allerdings nur wenig zu sehen. Tatsächlich befindet sich der Dollar seit Ende Mai in einem verschärften Abwärtstrend, der in den letzten beiden Wochen lediglich einen (Zwischen-)Boden gefunden zu haben scheint. Ein massiver Aufwärtstrend des US-Dollar lässt sich daraus jedenfalls noch nicht ableiten.


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Negative Zinswirkung?


Etwas mehr wiegt da schon das zweite Argument, das möglicherweise auch zur Stabilisierung des Dollarkurses beigetragen hat: Der Anstieg bei den US-Zinsen. Gestern ist die Rendite 30jähriger US-Treasurys um deutliche neun Basispunkte auf 1,32% angestiegen. Steigende Zinsen sind so ziemlich das Schlimmste, was dem Goldmarkt passieren kann. Allerdings hatten wir auch Anfang Juni einen Anstieg der 30jährigen Rendite um immerhin 37 Basispunkte in nur zehn Handelstagen auf damals 1,74%, ohne dass sich die Edelmetalle davon beeindrucken ließen. Auch ist zu berücksichtigen, dass der wesentliche Einflussfaktor nicht der Nominal-, sondern der Realzins ist – also Nominalzins abzüglich Inflationsrate. Natürlich wirkt die Lockdown-Politik zunächst einmal massiv deflationär. Allerdings stehen dagegen die vereinten Kräfte von Notenbanken und Regierungen, die mit weit geöffneten Geldschleusen und beispiellosen Konjunktur- bzw. Stimulierungsprogrammen eine lupenreine Inflationspolitik betreiben. Dass sich letztlich dann doch inflationäre Tendenzen durchsetzen werden, halten wir vor diesem Hintergrund für sehr wahrscheinlich (vgl. Titelstory „Crack-up-Boom“ in Smart Investor 6/2020). Alle historischen Erfahrungen mit ungedecktem und politisch gefügig gemachtem Geld sprechen ohnehin eindeutig gegen eine anhaltende Deflation. Das echte Problem von Fiatgeld war noch immer die Inflation – und die wird den Realzins in einer Nullzinsumgebung wieder absinken lassen.

Über die Klippe


Auch scheint uns die Dynamik der gestrigen Bewegung mit solchen fundamentalen Erklärungen nicht wirklich gut erklärbar zu sein. Die Kaskade der Abverkäufe dürfte vielmehr technischer Natur gewesen sein. Gold und vor allem Silber waren in den vergangenen Wochen bis in extrem übergekaufte Bereiche gestiegen. In diesen luftigen Höhen sind Anlagen grundsätzlich verletzlich für kurzfristige Shortattacken. Dieses Wissen erleichtert die Entscheidungssituation allerdings nur scheinbar: Denn selbst wer um diese Verletzlichkeit weiß, sieht in der anderen Waagschale eben einen extrem starken Trend, den man möglichst lange ausreizen will, ohne ihn aber zu überreizen. Und das ist eine fast unmögliche Timing-Aufgabe, weil jeder, der sich zu früh gegen einen solchen Trend stellt, zwangsläufig schon bald wie ein Dummkopf aussieht – ein Schicksal, das er mit jenen teilt, die das Momentum überreizen und mit diesem buchstäblich über die Klippe gegangen sind. Denn spätestens dann wollen plötzlich alle durch denselben Ausgang, was aber nur noch zu wesentlich tieferen Kursen möglich ist. Eine gewisse Indikation für einen möglichen Rücksetzer war übrigens das Kursverhalten der Minenaktien selbst. Diese sind schon im Laufe der letzten Woche nicht mehr richtig vorangekommen, als sich die Metalle selbst noch fest zeigten.

Der große Unbekannte am Werk?


Echte Goldbugs und Edelmetalldauerbullen wollen sich mit solchen Feinheiten allerdings oft gar nicht belasten. Steigen Gold & Co. ist das die natürlichste Sache der Welt und fällt der Preis dann haben finstere Kräfte ihre Hände im Spiel. Das mag schon so sein, die Beweisführung ist allerdings oft dünn. Denn in einem stark übergekauften Markt können Shortattacken auch rein wirtschaftlich motiviert sein. Besonders die technisch orientierten Hedgefonds haben eine gute Vorstellung davon, unter welche Triggerpunkte man einen Kurs durch Verkäufe treiben muss, um eine regelrechte Lawine an Folgeverkäufen auszulösen, die dann wiederum eine preiswerte Eindeckung der eingegangenen Shorts erlauben. Das Attraktive an Shorts ist zudem, dass Kurse in aller Regel wesentlich schneller fallen als sie steigen. Für eine solche Spekulation muss man nicht einmal mit der Regierung im Boot sitzen. Es genügt, ein genügend großes Rad zu drehen, um damit in den Rang der Systemrelevanz aufzusteigen, die im Fall der Fälle Hoffnung auf Rettung verspricht. Jetzt werden Sie sich vielleicht fragen, warum, das nicht auch nach oben passiert? Natürlich gibt es auch auf dem Weg nach oben wichtige technische Marken, wie man sowohl im Gold- als auch im Silberchart erkennen kann (s.u.). Allerdings schreit nach dem Durchbruch und während der anschließenden Kursbeschleunigung selten jemand „Manipulation!“. Im Gegenteil: Nicht nur eingefleischten Goldbugs erscheint dies als ein natürlicher Vorgang, weiteten sich doch die Fiatgeldmengen in den letzten Jahrzehnten ungleich schneller aus als der weltweit verfügbare Goldbestand. Spätestens seit der endgültigen Trennung des Goldes vom US-Dollar im Jahr 1971 ist es zu dessen gefährlichstem Gegenspieler geworden. Dabei hat Gold allerdings im Gegensatz zum US-Dollar keinen vergleichbaren institutionellen Rückhalt. Das mag ein weiterer Grund sein, warum in Gold nicht annähernd so aggressiv auf Hausse spekuliert wird. Denn es gibt, von der Goldleihe über erhöhte Margin-Anforderungen bis zu offenen und verdeckten Marktinterventionen genügend Beispiele, wie institutionell gegen steigende Edelmetallpreise vorgegangen wurde und wird. Wer die Silberblase der späten 1970er und den Niedergang der Gebrüder Hunt mit dem Platzen der Blase im Jahre 1980 studiert, sollte ein Gefühl dafür bekommen, wie groß die Einsätze in diesem Spiel schon damals waren. Heute sind sie ungleich größer.





Zu den Märkten


In der obigen Abbildung sind die Charts von Gold (orange) und Silber (grau) auf USD-Basis zu sehen. Daneben erkennt man dort zwei wesentliche Widerstandslinien. Bei Silber handelt es sich um die flache Abwärtstrendlinie, die hier seit dem Jahr 2016 eingezeichnet ist. Deren Durchbruch führte zu einer fast schon explosionsartigen Kurserhöhung in den nachfolgenden Wochen. Beim Gold war der entscheidende Widerstand das alte Allzeithoch aus dem Jahr 2011. Auch nach dessen Durchbruch ging es zunächst noch einmal um rund 160 USD nach oben, bevor zuletzt der Einbruch erfolgte. In diesem Zusammenhang ist auch zu berücksichtigen, dass Gold sein letztes markantes Tief bereits im Jahr 2018 hatte, während Silber noch im laufenden Jahr einen heftigen Ausschüttler zu überstehen hatte. Zu dieser Zeit eilte Gold längst von Hoch zu Hoch. Wie weit der aktuelle Kursrückgang noch geht lässt sich seriös leider nicht prognostizieren. Das kann man auch daran erkennen, dass wichtige Auffanglinien, die noch gestern Mittag von Analysten ausgegeben wurden, bereits am Abend Makulatur waren. Immerhin lässt die Heftigkeit der Korrektur auf eine schnelle Marktbereinigung hoffen, was allemal einer zähen Seitwärtskorrektur vorzuziehen ist.

Musterdepot Aktien, Fonds und wikifolio


In der Rubrik Musterdepots & wikifolio berichten wir heute über die Auswirkungen des Edelmetallcrashs auf unser Depot, über einen neuen Kauf und wie wir in unserem wikifolio „Smart Investor – Momentum“ mit der Situation umgehen. Sie können sich dort durch einfaches Blättern einen schnellen Überblick über die Transaktionen der letzten Wochen verschaffen.





Smart Investor 8/2020


Growth – Über FAANG, CANSLIM und den Crack-up-Boom

Eurowahn: Club-Med-Alimentierung dank Druckerpresse

Infrastruktur: Lebensadern der Wirtschaft

Zukunftsszenarien: Hightech- & Megatrends auf den Zahn gefühlt



Fazit

Die Edelmetallmärkte sind in den letzten Tagen von einem regelrechten Sommergewitter heimgesucht worden. Allerdings beenden solche Gewitter den Sommer (= Hausse) nicht, sondern sind eigentlich sogar ein Indiz dafür, dass wir uns noch inmitten des Sommers befinden.

Ralph Malisch


       

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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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