Sind die Menschen wirklich so dumm?



08:01 24.10.20

Es ist schon eine heftige Zeit im Moment. Niemand von uns hat vorher je eine Pandemie erlebt, und ich denke, es gibt auch niemanden, der sie am Anfang nicht unterschätzt hat. Es gibt zwar viele verschiedene Meinungen, doch ich denke, die Anfangssicht, dass das alles harmlos ist, ist mittlerweile vom Tisch.

Eigentlich ist also alles klar. Und doch wirkt die gegenwärtige Situation auf mich haargenau wie damals, als meine Tochter in den Kindergarten gegangen ist. Da hieß es dann nämlich: „Nein, das dürfen wir nicht.“ Und: „Das hier, das dürfen wir aber doch.“ Und was man durfte, musste man dann natürlich auch machen.

Ich wundere mich mächtig darüber, dass so viele Menschen, denen ich begegne, sich wirklich nach dem richten, was die Politik vorgibt. Diese Leute treffen sich dann tatsächlich genau mit der Anzahl von Menschen, mit denen das noch gerade erlaubt ist.

Ich verhalte mich da komplett anders. Mir ist es scheißegal, was die Politik sagt, ich mache das, was ich selbst für richtig und für verantwortlich halte. Und ich halte derzeit eine Maske, Abstand und größtmögliche Zurückhaltung für die Zeichen der Zeit. Es werden auch wieder andere Zeiten kommen, doch jetzt ist das eben so.

Ich fand daher auch den Aufruf der Kanzlerin sehr gut, die Menschen aufzufordern, zu Hause zu bleiben. Sie erinnert mich derzeit sehr an Winston Churchills „I have nothing to offer but blood, toil, tears and sweat.“ Doch wie gut haben wir es heute, wir müssen nur zu Hause bleiben and do not have to fight on the beaches.

Natürlich wird daran herumgemäkelt, wie ja an allem herumgemäkelt wird. Doch wer durch so einen Aufruf der Kanzlerin tatsächlich psychisch in eine Klemme hingerät, der … ja, da weiß ich dann auch nicht mehr weiter. Überlebenstauglich wirkt das auf jeden Fall nicht

Auch dieses ganze Herumgeifern, dass die Ministerpräsidenten und die Kanzlerin doch gar nicht die Legitimation haben und dass das Parlament doch jetzt mehr die Macht ausüben müsste … Aber hat das Parlament nicht die Erlaubnis erteilt, bis zum 31. März 2021 die notwendigen Maßnahmen durchzuführen?

Wenn jetzt der Bundestag jede einzelne Maßnahme beschließen muss, dann sind all diejenigen, die keinen inneren Kompass besitzen, bereits alle versifft, bevor die erste wirksame Entscheidung getroffen worden ist. Und jetzt sogar von einer Abschaffung der Demokratie zu reden, halte ich für hanebüchen.

Auch den Umgang mit der Wissenschaft finde ich äußerst strange. Natürlich weiß die Wissenschaft noch nicht sehr viel, aber das liegt eben in der Natur der Sache. Doch wenn ich dann höre, die Menschen könnten mit dieser Tatsache nicht umgehen und wollten klare Aussagen hören, was sie tun sollen und was nicht, dann werde ich zornig. Denn so dämlich sind die Menschen nicht.

Vor allem die Leute, die heute zur Risikogruppe gehören, besitzen so viel Lebenserfahrung, dass sie solche Situationen wie jetzt schon sehr gut beurteilen können, jedenfalls so weit, wie das überhaupt möglich ist. Ganz im Unterschied zu den Mädels von FFF, die ja immer noch an den Wissenschafts-Weihnachtsmann glauben.

Bei all dem Ärger habe ich am letzten Wochenende auch ein wunderschönes Beispiel erlebt. Da standen bei mir im Bezirk zwei vergleichsweise große Sportveranstaltungen an, das Spiel unserer Fußballmannschaft gegen den Tabellenführer der Oberliga aus dem Hochinfektionsgebiet Neukölln und das große Berlin-Derby im Rugby.



Während das Fußballspiel natürlich durchgezogen wurde, weil es ja noch erlaubt ist, obwohl dabei vier Mal so viele Zuschauer gekommen sind wie bei sonstigen Spielen, habe ich auf der Seite des Berliner Rugby Clubs das hier gefunden:

Nachdem in den letzten Tagen die Infektionszahlen in Berlin weiter stark gestiegen sind, haben sich beide Mannschaften gemeinsam dazu entschlossen, das Spiel abzusagen. Trotz gutem Hygienekonzept in unserem Stadion ist das Risiko zu hoch, die zahlreichen Zuschauer und die zwei vollen Mannschaften aus verschiedenen Stadtbezirken auf einem Platz zu haben. Wir bedauern das, die Gesundheit und das Wohl aller Beteiligten gehen aber vor. Wir hoffen auf eine baldige Wiederaufnahme des Sports. Bleibt gesund!“

Zuerst war ich enorm traurig, denn ich habe diesem Spiel sehr entgegengefiebert. Doch es dauerte nicht lange, dann kam ein gewisser Stolz in mir darüber auf, ein kleiner Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Ich wusste es ja schon immer, dass Rugby-Spieler etwas Besonderes sind, denn entgegen landläufiger Meinung regiert nirgendwo im Sport eine größere Fairness und ein größerer Respekt für den anderen als auf dem Rugby-Platz.

Ja, ich bin stolz, denn nur dort, wo solche Prinzipien existieren, kann es auch wirkliche Selbstverantwortung geben. Und genau die brauchen wir jetzt. Wir alle.


Bernd Niquet


berndniquet@t-online.de




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Über den Autor
 
Autor: Bernd Niquet Bernd Niquet,
Autor

Bernd Niquet ist promovierter Volkswirt und schreibt Börsenkolumnen und Bücher


Jenseits des Geldes. SECHSTER TEIL

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Beschreibung:
Der wirkliche Donnerschlag kommt dann mit Verzögerung. Auch braucht mein Inneres einige Zeit, um ihn zu realisieren. Doch als die Dinge dann klar sind und in mir sacken, mache ich etwas, was ich vorher beim Tagebuchschreiben noch niemals gemacht habe. Ich unterstreiche die wichtigen Passagen nicht wie sonst mit meiner blauen Tinte, sondern mit schwarzem Filzstift. Einunddreißig Jahre schreibe ich mittlerweile Tagebuch, das zeigt die Dimension. Hinterher bin ich selbst erschrocken. Das Tagebuch sieht jetzt aus, als sei jemand gestorben. Und in meinem Inneren fühlt es sich auch tatsächlich so an.

Bernd Niquet ist Jahrgang 1956 und wohnt in Berlin. Die ersten fünf Teile von »Jenseits des Geldes« sind ebenfalls im Engelsdorfer Verlag erschienen und zwar in den Jahren 2011, 2012, 2013 sowie 2018 und 2019.

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