16.168 Prozent Gewinn



07:36 21.11.20

Es war in den Tagen kurz nach dem verrückten Montag, als die Sache mit dem Impfstoff bekannt geworden ist, da sprang plötzlich eine Position in meinem Depot um über 5 Prozent in die Höhe, von der ich das nun wirklich niemals erwartet habe.

Hierbei handelte es sich um den alt-ehrwürdige UniFonds, dieses Witwen- und Waisenpapier, über den ich schon in den Zeiten meiner Banklehre bei der Volksbank abschätzig herabgesehen habe. Den ich jetzt allerdings selbst besitze, weil mein Vater mir eine Position davon vererbt hat.

Und weil ich dadurch plötzlich neugierig geworden bin, suche ich einmal im Internet und finde, dass es sich bei diesem Fonds tatsächlich um den ersten offenen Publikumsfonds in Deutschland handelt.

Und der Hammer ist, der Fonds ist haargenau so alt wie ich selbst. Der Fonds wurde im April 1956 gegründet und im Mai wurde ich dann geboren. Jetzt bin ich natürlich interessiert, was dieses Papier seitdem denn zugelegt hat.

Ich maile die Union-Investment an und habe bereits eine halbe Stunde später die Information dazu in meinem Mailfach. Der Fonds hat seit der Auflegung im Schnitt jährlich 8,2 Prozent zugelegt, was bis jetzt einem Zuwachs von 16.168 Prozent entspricht.

Da falle ich beinahe hinten über. Eine bessere Rentenversicherung gibt es doch nicht, oder? Zuerst unterliege ich zwar einem Denkfehler, doch als ich mich dann wieder mit der Prozentrechnung angefreundet habe, sieht es dennoch gut aus.

Hätten meine Eltern an meinem Geburtstag 1.000 DM im UniFonds angelegt, dann wären daraus bis heute 162.680 DM geworden, umgerechnet in Euro also 83.177. Damit wäre ich zwar nicht reich, doch allein diese Summe liegt bereits über dem statistischen Vermögen des Durchschnittsdeutschen.

Ausschließlich damit könnte ich zwar mein Auskommen bis zu meinem Lebensende nicht bestreiten, wenn ich nächstes Jahr mit 65 Jahren in Rente gehe, doch wenn ich ein Leben lang gearbeitet habe, kommt das ja zur erarbeiteten Rente hinzu.

Mir scheint die Aktienanlage daher auch jeder anderen Ansparform überlegen zu sein. Wir alle machen nur immer den Fehler, nicht breit genug zu streuen und bei guten Kursen Gewinne mitzunehmen, so dass wir dann nicht kontinuierlich investiert sind.

Wie wird das nun in Zukunft aussehen? Ich denke, im Jahr 1956 waren 1.000 DM, also gut 500 Euro wirklich eine Menge Geld. Heute können hingegen viele Eltern sicher durchaus ein Vielfaches für ihre Neugeborenen aufbringen.

Bei Anlage von beispielsweise 50.000 Euro ergäbe sich so, wenn alles bleibt wie es ist, eine Rentensumme von guten 8 Millionen Euro. Die Frage ist allerdings, was 8 Millionen Euro in 65 Jahren wert sind? Und ob es dann überhaupt den Euro noch gibt?

Doch muss mich das als Aktienanleger interessieren? Ich denke nur peripher. Aktien sind schließlich kein Geld. Dennoch: Sollte man daher nicht vielleicht lieber in Gold anlegen? Die Antwort auf diese Frage ist sehr klar und lautet: Nein!

Der Grund liegt in dem Zins- und Zinseszinseffekt, den ich bisher noch nicht angesprochen habe. Denn der Wertzuwachs beim UniFonds resultiert zum großen Teil aus der sofortigen Wiederanlage der ausgeschütteten Gewinne. Ein Fondsinvestment mit Wiederanlage funktioniert daher in etwa wie ein Performance-Index, also wie unser Dax.



Und das ist das entscheidende Argument auf die lange Sicht, das gegen das Gold spricht. Denn da Gold keine Erträge bringt, kann auch nichts ausgeschüttet und folglich nichts wiederangelegt werden, womit der Zins- und Zinseszinseffekt entfällt.

Der Unterschied hierbei ist wirklich so gewaltig, dass einem die Spucke wegbleibt. Verdeutlicht wird das sehr gut durch den Vergleich des Kurs-Dax mit dem Performance-Dax, wobei der Kurs-Dax für das Gold und der Performance-Dax für das Fondsinvestment mit Wiederanlage steht.

Beide Dax-Indices sind am 31.12.1987 auf den Wert von 1.000 Indexpunkten normiert worden. Das ist gerade einmal lächerliche gut dreißig Jahre her, also nicht einmal die Hälfte des hier von mir betrachteten Zeitraums.

Und während der Performance-Dax heute über 13.000 Punkten notiert, steht der Kurs-Dax nur bei 5.700 Punkten. Er hat also bei Weitem nicht einmal die Hälfte des Gewinnes erzielt, obwohl sich doch die zugrundeliegenden Werte komplett identisch entwickelt haben.

Der Unterschied liegt ausschließlich im Zins- und Zinseszinseffekt. Ein Hoch auf sie beide! Es ist daher also auch nur ein Gerücht, dass wir in einer Negativzins-Welt leben. Letztlich ist es nur eine Frage des Namens. Beim Zins wie beim Neugeborenen.


(P.S.: Diese Beispiele sind nur idealisierende Beispiele zur Verdeutlichung. In der Realität sollte man niemals alles auf einmal investieren und durchaus auch Gold dem Depot beimischen. An den Grundaussagen dieser Kolumne ändert das jedoch nichts.)


Bernd Niquet


berndniquet@t-online.de



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Über den Autor
 
Autor: Bernd Niquet Bernd Niquet,
Autor

Bernd Niquet ist promovierter Volkswirt und schreibt Börsenkolumnen und Bücher


Jenseits des Geldes. SECHSTER TEIL

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Beschreibung:
Der wirkliche Donnerschlag kommt dann mit Verzögerung. Auch braucht mein Inneres einige Zeit, um ihn zu realisieren. Doch als die Dinge dann klar sind und in mir sacken, mache ich etwas, was ich vorher beim Tagebuchschreiben noch niemals gemacht habe. Ich unterstreiche die wichtigen Passagen nicht wie sonst mit meiner blauen Tinte, sondern mit schwarzem Filzstift. Einunddreißig Jahre schreibe ich mittlerweile Tagebuch, das zeigt die Dimension. Hinterher bin ich selbst erschrocken. Das Tagebuch sieht jetzt aus, als sei jemand gestorben. Und in meinem Inneren fühlt es sich auch tatsächlich so an.

Bernd Niquet ist Jahrgang 1956 und wohnt in Berlin. Die ersten fünf Teile von Ā»Jenseits des GeldesĀ« sind ebenfalls im Engelsdorfer Verlag erschienen und zwar in den Jahren 2011, 2012, 2013 sowie 2018 und 2019.

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