Dünne Luft und dünnes Eis



14:36 24.02.21

Es ist wieder so weit – trotz der nahezu 70.000 Covid-19-Toten, trotz drohender dritter Welle wegen der Verbreitung ansteckenderer Virus-Mutanten und trotz des andauernden Arbeitsverbots für Millionen Menschen, scheint in der öffentlichen Wahrnehmung das Lieblingsthema der Deutschen das Jammern über die schleppend verlaufende Impfkampagne abzulösen – der Urlaub! Der Osterurlaub scheint sich zwar bereits in Luft aufzulösen, aber die Hoffnungen ruhen nun auf dem Sommer. Der jäh gestartete Frühling verstärkt die Hoffnungen auf ein zusätzliches natürliches Abebben der Virus-Pandemie, sorgt aber nicht nur auf gefährlichen Weihern und Teichen für dünnes Eis.

Nicht nur viele in kleinen Wohnungen eingepferchte Familien oder vereinsamte Singles freuen sich verständlicherweise auf den Sommer, auch die Unternehmen, wie der sehr viel besser als erwartet ausgefallene ifo Geschäftsklimaindex beweist. Trotz wieder steigender Fallzahlen und der Gefahr, dass Lockerungen aufgrund der ansteckenderen britischen Covid-19-Variante immer weiter in die Zukunft verschoben werden müssen, blicken die 9.000 befragten Unternehmen wieder optimistischer in die nahe Zukunft. Allerdings zeigt sich ein gespaltenes Bild. Während die brummende Industrie ihren Erholungspfad fortsetzen kann (wie auch der Export-ifo-Index zeigt), leidet der Dienstleistungssektor naturgemäß so lange weiter, wie die Lockdown-Maßnahmen anhalten. Und dies wird so lange so bleiben, wie die Impfkampagne nicht auf breite Füße gestellt werden kann.

Da ist es natürlich kontraproduktiv, wenn ein Drittel der Bevölkerung sich gar nicht impfen lassen will oder ein verfügbarer Impfstoff wie jener von AstraZeneca, der nachweislich auch sehr gut wirkt, breit abgelehnt wird. Die Wirtschaftsbereiche mit vielen Menschen, die derzeit einem Quasi-Arbeitsverbot unterliegen, werden so lange geschlossen bleiben, wie breite Bevölkerungsschichten nicht geimpft sind. Man wird nicht umhinkommen, stringentere Anreize zu setzen, die die Impfbereitschaft erhöhen. Als Beispiel dient der soeben eingeführte grüne Pass in Israel, der die Voraussetzung zur Teilnahme am öffentlichen Leben bildet.

Griechenland als touristisch geprägtes Land fordert bereits einen einheitlichen EU-Impfpass, der Reisen wieder ermöglichen soll. Natürlich kann das als Impflicht durch die Hintertür angesehen werden. Es bleibt aber keine Alternative. Die Aktienmärkte haben sehr viele positive Entwicklungen vorweggenommen und bewegen sich auf dünnem Eis. Deshalb schauen sie derzeit mit Argusaugen auf die Entwicklung der Pandemie und die Impffortschritte. Hier sind sehr gute Nachrichten von der Wirksamkeit der Impfstoffe zu vermelden. Es müssen sich nur noch genügend Menschen impfen lassen, sobald ausreichend Impfstoff zur Verfügung steht. Ansonsten werden die Wachstumsprognosen für das Jahr 2021 sukzessive zurückgenommen werden.

Die Luft wird für die Aktienmärkte jedoch auch im positiven Falle dünner, denn die breite Öffnung der Wirtschaft dürfte dazu führen, dass sich der Konsumstau, der sich die letzten Monate gebildet hat, in kurzer Zeit auflösen wird und zu steigenden Preisen führen kann. Diese kommen zu den Basiseffekten aus Ölpreis-, Energie- und Rohstoffpreiserhöhungen hinzu. Erste Schätzungen gehen davon aus, dass die Inflationsrate in Deutschland auf bis zu 3,50 % steigen könnte. Dies führt automatisch zu steigenden langfristigen Renditen an den Rentenmärkten. Die EZB-Präsidentin Lagarde hat auf diese Aussicht sofort reagiert und den Finanzmärkten mitgeteilt, dass die EZB die Entwicklung der langfristigen Renditen genau beobachtet, hat diese also gewarnt, nicht gegen die EZB zu spekulieren. Die US-Fed hat bereits kommuniziert, dass ein kurzfristiges Überschießen der Inflation keine Abkehr von der restriktiven Geldpolitik zur Folge hat. Aus diesem Grund dürften die Aktienmärkte diesen Inflations- und Renditeanstieg zunächst verkraften.



Es muss aber die ebenfalls vorherrschende Einschätzung eintreten, dass der Inflationsanstieg vorübergehender Natur ist. Denn das Zinsniveau hat starken Einfluss auf die Beurteilung von Bewertungen an den Aktienmärkten. Immer mehr große Indizes, wie z. B. der S&P 500 oder der japanische Nikkei 225, werden von wenigen, teils absurd hoch bewerteten Aktien, die inzwischen sehr hohe Index-Gewichtungen erreicht haben, bestimmt. Die Luft für weitere Kursanstiege wird also dünner. Der Extrem-Bergsteiger Reinhold Messner stieg bei sehr dünner Luft sehr hoch und erreichte trotz großer Belastungen immer neue Höhen. Bleibt die Frage, ob die Aktieninvestoren auch so hohe Disziplin und Leidensfähigkeit an den Tag legen oder irgendwann den einfacheren Weg einschlagen und sich wieder an die Seitenlinie stellen. Irgendwann hatte auch Herrn Messner seine Gipfel erreicht und bewegte sich wieder nach unten in gemäßigtere Regionen.

Es sind derzeit einige Blasenbildungen zu beobachten, sei es im Segment der Krypto-Währungen oder bei einigen wenigen Technologiewerten. Auch regulatorische Änderungen befördern diese Blasenbildungen, wie zum Beispiel die strikte Hinwendung zu „ESG“-Investments, die dazu führt, dass sehr viel Kapital in noch zu kleine Segmente fließt. Der Weg, die ESG-Grundsätze sukzessive zu implementieren, muss beschritten werden. Es sollte jedoch auch solchen Unternehmen wie z. B. den großen Öl-Multis die Zeit gegeben werden, im Zeitablauf zu „grünen“, auf nachhaltigen Methoden basierenden, Energieproduzenten zu werden. Denn die Finanzierung dieser Unternehmen muss auch die nächsten Jahrzehnte sichergestellt sein, da Benzin, Heizöl und Energie noch länger benötigt werden.

Die Umstellung des Lebenswandels auf klimafreundliche Parameter wird Zeit kosten, wie die aktuelle Berliner Diskussion über des Deutschen wichtigstes Gut, das eigene Häuschen, zeigt. Die typischen Einfamilienhaus-Besitzer auf den Halbhöhen Stuttgarts beispielsweise, die gut gebildet und meist SUV-fahrend in den letzten Jahren gerne „Grün“ gewählt haben - weil 60 bis 70 Meter unter ihren Häusern ein 8-Gleis-breiter S21-Tunnel gebaut wird - kommen nun wohl auch etwas ins Grübeln. Diese Lebensstil-Diskussion wird die nächsten Jahre nach der Covid-19-Pandemie bestimmen, wenn die Gefahren des Klimawandels wieder in den Mittelpunkt rücken.

In Verbindung mit der fortschreitenden Digitalisierung wird dies weitreichende Auswirkungen auf wirtschaftliche Entwicklungen, Arbeitsplätze, die Entwicklung der Innenstädte und viele andere Bereiche haben. Dies sind Gründe, warum im Aktienanlagesegment zunehmend Themen-Investments wichtig werden. Denn die Aktienmärkte werden sich in Zukunft in Gewinner und Verlierer aufteilen. Und wer möchte schon Verlierer in seinem Depot haben?

www.ellwanger-geiger.de/privatbank

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Über den Autor
 
Autor: Michael Beck, Leiter Portfolio Management Michael Beck, Leiter Portfolio Management,
Bankhaus ELLWANGER & GEIGER KG

Michael Beck ist Leiter des Portfolio Managements bei ELLWANGER & GEIGER Privatbankiers. Das Stuttgarter Bankhaus ist spezialisiert auf die Vermögensverwaltung für private und institutionelle Kunden sowie auf Immobilien im privaten und gewerblichen Bereich. Als Kapitalmarkt-Experte schätzt Michael Beck in der wöchentlichen Marktmeinung aus Stuttgart aktuelle Entwicklung und Chancen an den Aktienmärkten ein.

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