Finanzsystem steht vor Offenbarungseid!
Anfang des Monats schrieben wir in einem exklusiven Marktkommentar an unsere Kunden: "Es braut sich etwas zusammen. [.] All diese Widersprüchlichkeiten in den Intermarketanalysen lassen eine Ahnung aufkommen, dass etwas in der Luft liegt, was jetzt noch gar nicht offensichtlich ist. Oft reicht der Markt die Begründung für seinen Verlauf später nach. Damoklesschwerter, die als Katalysator dienen könnten, hängen jedenfalls zur Genüge über den Börsen. Wir sind überzeugt davon, dass uns das Schlimmste der laufenden Krise noch bevorsteht. Keine Metapher erscheint uns im Moment treffender als die Spitze vom Eisberg, die man bislang nur sieht. Das eigentliche Ausmaß des ganzen Desasters steckt noch im Verborgenen bzw. wird vermutlich vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen mit aller Macht im Verborgenen gehalten. [.] Wenn sich der aufgestaute Druck nicht schon vorher entlädt. Laut dem Bericht des US-Einlagensicherungsfonds für das zweite Quartal sind die Nettoeinkommen der US-Banken auf den zweittiefsten Stand seit 19991 eingebrochen und liegen inzwischen 90 Prozent (!) unter den Gewinnen des Vorjahres. 18 Prozent aller Banken in den USA arbeiten derzeit nicht profitabel. 117 (!) Institute mit einer durchschnittlichen Bilanzsumme von 2 Mrd. Dollar werden als "notleidend" eingestuft, befinden sich also in akuter Schieflage. Zur Erinnerung: 10 Banken sind in diesem Jahr bereits pleite gegangen (allerdings bislang "kleine Fische" mit Bilanzsummen von wenigen hundert Mio. Dollar)."
Nur eine Woche hat es gedauert, bis unsere böse Vorahnung eingetreten ist und wir erfahren haben, was sich da zusammengebraut und was die Finanzmärkte offenbar längst vorweggenommen hatten. Nach dem Offenbarungseid der zwei größten amerikanischen Hypothekenfinanzierer, ging nun mit Lehman Brothers bereits die zweite der fünf weltweit führenden Investmentbanken insolvent. Kurz danach wackelte mit Morgan Stanley auch die Nummer 3. Insgesamt sind damit bis jetzt 12 US-Banken der aktuellen Krise zum Opfer gefallen. Schließlich erwischte es mit AIG nun erstmals eine Versicherungsgesellschaft und hier gleich einen der dicksten Fische.
Kein Zweifel, das amerikanische und damit in der direkten Konsequenz auch das globale Finanzsystem wankt beträchtlich in seinen Fugen. Auch in Europa beginnen die Dominosteine zu fallen. Spätestens mit dem Zusammenbruch der britischen Großbank HBOS dürfte jedem endgültig klar geworden sein, dass es sich wahrlich nicht um ein lokales Problem der Amerikaner handelt. Nichts liegt uns ferner, als unnötig zu dramatisieren. Aber es kann einem angst und bange werden, wenn man sich die ganze Dimension des Desasters vor Augen führt. Im Gegensatz zu vielen Krisen der Vergangenheit, wo zumeist einzelne Teilnehmer oder Gruppen von Teilnehmern innerhalb des Systems betroffen waren, steht diesmal das System als solches auf der Kippe. Und wenn sich das System als untauglich erweisen sollte, würde dies einen kompletten Umbruch der Finanz- und Kapitalmärkte, möglicherweise sogar der Gesellschaft, zur Folge haben. In dem Fall wäre alles bislang Erlebte lediglich der Anfang eines Endes gewesen... .
Und dass etwas Grundlegendes in diesem System nicht funktioniert ist offensichtlich, nämlich die Selbstreinigung. Jedes System ist so stabil, wie es in der Lage ist, Fehlentwicklung aus sich selbst heraus zu korrigieren und Schwächen selbständig zu beseitigen. Doch diese elementare Fähigkeit wurde ihm in den letzten Jahren von den Notenbanken zunehmend genommen. Durch eine nie zuvor dagewesene Liquiditätsschwemme sind die freien Marktmechanismen außer Kraft gesetzt worden. Niemand wusste zuletzt mehr wohin mit seinem vielen billigen Geld. Rentabilität und Wirtschaftlichkeit bei Investitionsentscheidungen spielten kaum noch eine Rolle. Geld war ja genug vorhanden. Entsprechend stieg die Risikobereitschaft. Die Folge war zunächst eine Inflation der Vermögenswerte, anschließend der Anstieg der Güterpreise - und das Entstehen von Spekulationsblasen über alle Assetklassen hinweg sowie verrücktspielende Börsen, die jeden Bezug zu ihrem fundamentalen Hintergrund verloren hatten, weil sie nicht mehr ein Abbild der Realwirtschaft waren, sondern allein von monetären Druckmitteln getrieben wurden.
Ein Ölpreis der sich erst innerhalb von weniger Jahren auf aberwitzige 150 USD pro Barrel versechsfacht, um dann in sechs Wochen um 40 Prozent einzubrechen. Ein Dollar, der innerhalb gegenüber dem Euro seit dessen Einführung um glatte 100 Prozent abwertet, um dann in zwei Monaten den schnellsten Wertzuwachs seiner Geschichte zu erleben, inverse Zinsstrukturkurven allerorts, Immobilien, die erst Mondpreise dann Schrottpreise erzielen, und tägliche Schwankungen an den Aktienmärkten in Höhe von Jahresfestgeldrenditen - um nur die bekanntesten Anomalien der jüngsten Vergangenheit zu nennen.
Das eigentliche Dilemma besteht jedoch darin, dass man aus den Fehlern nicht gelernt hat und das Problem ausgerechnet mit seiner Ursache zu lösen versucht. Je größer die Krise wird, desto weiter werden die Geldschleusen geöffnet. Wo immer sich ein Loch auftut, wird es mit frischem Geld gestopft, sei es indem die Geschäftsbanken über Refinianzierungsgeschäfte subventioniert werden, sei es indem der Staat marode Unternehmen auffängt oder sei es indem Steuergeschenke verteilt werden. Und hilft gar nichts mehr, wird eben Anlegern per Gesetz verboten, auf fallende Kurse zu setzen.
Die Krönung dieses zweifelhaften Verständnisses von Finanzpolitik sind allerdings die am Donnerstag bekanntgewordenen Pläne, in den USA eine staatliche Einrichtung im Wert von unfassbaren 700 Mrd. US-Dollar zu gründen, bei der private Finanzinstitute zukünftig ihre "faulen Kredite" einfach abladen können. Mit anderen Worten: Die Banken können weiterhin hochriskante Geschäfte nach Belieben tätigen, im Erfolgsfall hohe Gewinne einfahren und wenn es schief geht, werden die Fehlinvestitionen einfach dem Steuerzahler aufgebrummt. Quasi ein Freibrief auf Kosten der Bürger! Was für ein fatales Signal für die Zukunft! Auf diese Wiese wird dem System jede Chance genommen, einen Selbstreinigungsprozess, der zwar kurzfristig schmerzlich sein mag, aber nachhaltige Gesundung verspricht, zu durchlaufen. Im Gegenteil: Die Fehlentwicklungen werden sich in Zukunft durch solche vermeintlichen oberflächliche "Rettungsaktion" eher noch verstärken, bis irgendwann der ganz laute Knall unvermeidbar sein wird.
Wir sehen die jüngsten Nachrichten äußerst kritisch. Die erneut völlig maßlose Reaktion der Börsen am Freitag erfüllt uns mit größter Skepsis und Sorge. Derartig irrationale Kurssprünge, egal in welche Richtung, sind Ausdruck enormer Anspannungen im weltweiten Finanzsystem. Agieren Sie extrem vorsichtig in dieser Zeit und verlieren Sie bei all dem volatilen Hin und Her nicht den Blick für das Wesentliche! Die US-Regierung hat in hektischem Aktionismus nun auch ihre vermutlich letzte Patrone, die sich noch in ihrem Lauf befand, abgefeuert, um die Finanzmärkte künstlich zu stabilisieren, und spielt damit – wohlgemerkt vier Wochen vor den amerikanischen Präsidentschaftswahlen – quasi „alles oder nichts“. Verpufft auch diesmal die Wirkung, könnte das den endgültigen Offenbarungseid nach sich ziehen…!
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D. Kirschbaum, Derivate-Investments |
Dirk Kirschbaum, geboren am 19.10.1973 in Georgsmarienhütte, studierte an
den Universitäten von Osnabrück und Birmingham Volkswirtschaftslehre, war
anschließend für verschiedene Banken und Investmenthäuser im
Wertpapiergeschäft und in der Vermögensverwaltung tätig und ist heute
geschäftsführender Gesellschafter der "Kirschbaum Derivate-Investments
GmbH", die private und institutionelle Anleger im Umgang mit derivativen
Finanzinstrumenten betreut.
Für Aufsehen sorgte Dirk Kirschbaum im Winter 2000/2001, als er für das
Kapitalanlagemagazin "investor" in einem Strategievergleich trotz
rückläufiger Aktienmärkte durch den gezielten Einsatz von Derivaten
in der
Spitze mehr als 350% Wertzuwachs erzielt hat. Kurz darauf gründete er den
ersten deutschsprachigen Börseninformationsdienst
für Optionsscheinanleger.
Das in diesem Zusammenhang von ihm öffentlich gemanagte reale Musterdepot
konnte selbst in den Krisenjahren 2001 bis 2003 zweistellige Wertzuwächse
verbuchen.
Als Buchautor, Analyst und gefragter Interviewgast in der Medienlandschaft
ist Dirk Kirschbaum inzwischen einem breiten Fachpublikum als
Derivate-Experte bekannt. Darüber hinaus promoviert und doziert der
zweifache Familienvater derzeit am Institut für Ökonomische Bildung der
Westfälischen-Wilhelms-Universität in Münster.
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