Wichtige Ergebnisse



11:30 07.03.09

 

 

Alles erinnert ein wenig an den Spielkartenkönig aus „Alice im Wunderland“, der da so schön gesagt hat: „Sollte es wirklich keinen Sinn haben, dann spart und das viele Scherereien, weil wir erst gar nicht nach einem Sinn suchen müssen.“ Nur dass es hier nicht um einen Sinn geht, und die Sache weitaus gravierender ist.

 

Ich danke sehr herzlich für die vielen Zuschriften, die ich auf meine letzte Kolumne bekommen habe. Einig waren sich alle meiner Leser, dass die Dinge in Wirklichkeit eher schlimmer stehen als sie aussehen. Die Haupteinwände gegen meinen Zweifel daran sind, dass die Ausfallquoten bei Krediten wahrscheinlich wesentlich höher liegen als derzeit in den Statistiken zu sehen ist und dass die Wertlosigkeit vieler Papiere einfach ein Marktergebnis sei. Daran mag viel stimmen – und dennoch befriedigt es nicht ganz. Ich werde daher versuchen, die Situation noch einmal kurz auszurollen:

 

Eine einfache Hypothekenverbriefung mit 30jähriger Laufzeit reagiert rein rechnerisch auf eine Ausfallquote von 6 % mit einem Wertverlust von 6 %. Sollten gar 20 % ausfallen, was es noch niemals in der Geschichte gegeben hat, wäre der Kursabschlag 20 %. Viel sensibler reagiert so ein Papier allerdings auf einen Risikoaufschlag im Diskontierungszinssatz. Wird hier ein Aufschlag von nur 5 Prozentpunkten gewählt, verliert das Papier gleich fast 40 % im Kurs.

 

Bei vielen MBS-Konstruktionen führen überdies vertragliche Regelungen dazu, dass viele Tranchen schon bei kleinen Leistungsstörungen vollständig wertlos werden, andere hingegen nicht tangiert werden. Bis hierher ist das Problem also in der Hauptsache ein Problem der mangelnden Transparenz und der rein rechnerischen Bewertung. Wird ein hohes Risiko gesehen, werden plötzlich Dinge wertlos, die in Wirklichkeit gar nicht tangiert sind.

 

Überträgt man diesen Sachverhalt nun auf Bankbilanzen, die das Zwanzigfache des Eigenkapitals an Finanzpapieren ausweisen, wird aus einem eigentlich harmlosen Vorfall die große Tragik. Denn wenn jetzt 6 % ausfallen, sind 100 % des Eigenkapitals weg. Der Geldbestand in der Kasse bleibt unberührt, aber das Eigenkapital ist weg. Weggerechnet. Aber so einem glaubt natürlich niemand mehr etwas. Und gibt ihm schon gar kein Geld.

 

Nun kommen auch noch Bilanzierungsprobleme hinzu. Nehmen wir einen riesigen Klumpen an Hypotheken, der von Bank A verbrieft und an Bank B verkauft wird. Bank B wiederum verbrieft erneut und verkauft an Bank C. Und so geht es weiter, bis die letzte Bank den Klumpen hat. Wird dieses Papier nun notleidend, sollten eigentlich Banken wie B und C ungeschoren bleiben. Denn sie bilanzieren auf der Aktiv- wie Passivseite identische Dinge. Jetzt fallen ihnen also die Forderungen aus, doch die Verbindlichkeiten sind damit ebenso weg.

 

Das europäische Bilanzierungsrecht erlaubt das jedoch nicht. Hier müssen die Aktiva abgeschrieben werden, die Kursverluste der begebenen Papiere dürfen jedoch nicht gegengebucht werden. So hat die Deutsche Bank 5,7 Milliarden Euro Verlust gemacht, obwohl sie gleich hohe Verminderungen der Passivpositionen hätte geltend machen können. In den USA hingegen haben gleichzeitig Citigroup etc. ähnlich große Gewinnpositionen ausgewiesen. Es ist also alles völlig durcheinander.



 

Nicht anders sieht es auch bei den Credit Default Swaps aus. Um eine Irland-Anleihe gegen einen Zahlungsausfall zu versichern, muss man derzeit 3,6 % der Anleihesumme bezahlen. Andererseits kann Irland sich weiterhin mit einem günstigen Kupon von 3,9 % an den Märkten finanzieren. Nichts passt hier auch nur annähernd zusammen.

 

Ich bleibe bei meiner Meinung, dass wir dann, wenn wir den Schleier der Risikorechnungen in einiger Zeit von den Hypothekenleichen wieder wegziehen, wir merken werden, dass die Verwerfungen nicht annähernd so groß sind, wie wir sie uns jetzt ausmalen.

 

Ich korrigiere jedoch meine Meinung dahingehend (und wenn ich damit noch als Kontraindikator tauge, umso besser), dass ich ab sofort mit der Masse gehen werde und mich nicht mehr gegen den Trend stemme. Wir Menschen wollen eigentlich gar keine Aufklärung, wir wollen zielstrebig an die Kante treten und das Schlimmste erleben. Und wenn dem so ist, dann wird uns das auch gelingen. Das zeigt die Geschichte überzeugend. Sollte es also wirklich keinen Sinn haben, dann spart und das viele Scherereien ...

 

 

Mit den besten Grüßen!

 

Bernd Niquet

 

 

berndniquet@t-online.de

 

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Über den Autor
 
Autor: Bernd Niquet Bernd Niquet,
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Bernd Niquet ist promovierter Volkswirt und schreibt Börsenkolumnen und Bücher.
Das Geld hat den Menschen aus langen historischen Abhängigkeiten befreit. Wer heute etwas haben möchte, bezahlt mit Geld und muss keine anderweitigen Gegenleistungen mehr anbieten. Die meisten Bereiche unseres Lebens liegen allerdings jenseits des Geldes. Wie steht es jedoch jenseits des Geldes mit der Freiheit? Bernd Niquet verfolgt den Lebensweg einer Gruppe von Menschen und stellt fest, dass selbst der Wegfall materieller Restriktionen uns nicht von unseren alten Fesseln befreit. Im Gegenteil, die Vergangenheit bestimmt weit stärker über uns als die gesamte Geldsphäre das je vermag. Weitere Informationen


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