Smart Investor Weekly 43/2009: Die Gier wächst - die Wut auch



18:20 20.10.09

Wer die Nachrichten der letzten Tage betrachtet, kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.

Müll geklaut - Kündigung kassiert
Es ist schon skurril, was man in den letzten Tagen so an Nachrichten verdauen musste. Nun, man kann dies eigentlich nur versuchen aus einer neutralen Position zu betrachten, denn sonst könnte man an der Realität zu zweifeln beginnen. Der Fall erinnert an die Kassiererin, die Anfang des Jahres eine fristlose Kündigung erhalten hat, weil Sie Pfandbons im Wert von 1,30 EUR "unterschlagen" hatte. Im jetzigen Urteil wurde eine 58 jährige Pflegerin fristlos gekündigt, da Sie es gewagt hatte sechs Maultaschen im Wert von 3,35 EUR von einem Essenstablett einzustecken. Eigentlich war der Wert ja 0,00 EUR, denn die besagte Nahrung wurde von den Heimbewohnern verschmäht und war auf den Weg zur Mülltonne. "Irrelevant" befand das Amtsgericht und bestätigte in seinem Urteil die Kündigung. Nun ja, Diebstahl ist nun mal Diebstahl!

Leistung dagegen muss entlohnt werden
Dagegen ist es völlig legitim, sich die Taschen voll zustopfen, wenn man als Manager in der Finanzbranche tätig ist. Die amerikanischen Kollegen gönnen sich nach dem "hervorragenden" Jahr 2008 und dem "erfolgreichen" 2009 einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Immerhin beläuft sich die Summe der Gehälter und Bonuszahlungen in der amerikanischen Finanzindustrie auf 140 Mrd. USD, ein noch nie da gewesener Spitzenwert. Aber auch die deutschen "Spitzenbanker" sind sich für solche Exzesse nicht zu schade. Ein ehemaliger Investmentbanker der Dresdner Kleinwort klagte erfolgreich seine Abfindung in Höhe von 1,5 Mio. EUR von der neuen Eigentümerin Commerzbank ein. Diese weigerte sich erst den Betrag zu bezahlen, da der Banker eine Bonuszahlung in Höhe von 3 Mio. EUR erhalten hatte, obwohl sein Bereich in 2008 einen Verlust von fast 6 Mrd. EUR machte. Tja, wer so gut wirtschaftet muss einfach belohnt werden.

Der Bürger schluckt es (noch) runter
Nun, solche Auswüchse gab es wahrscheinlich schon immer, aber inzwischen wird vermehrt über diese Angelegenheiten in den Medien berichtet. Dennoch ist es schon bitter, wenn man die Fälle miteinander vergleicht. Immerhin haben die Finanzgenies durch undurchsichtige Transaktionen die Welt an den Rand des Ruins getrieben und klopfen sich dabei kräftig auf die Schulter. Dass sie jetzt wieder tolle Gewinne erwirtschaften, haben sie in den meisten Fällen nur der Unterstützung des Staates und somit der gesamten steuerzahlenden Bevölkerung zu verdanken, die den Finanzinstituten mit noch nie dagewesenen Rettungspaketen unter die Arme griff. Die USA hatten zum Beispiel im vergangenen Haushaltsjahr ein Rekorddefizit in Höhe von 1,42 Bio. USD (dies entspricht 10% vom amerikanischen BIP). Der höchste Wert seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Wahrscheinlich dürfte diese Situation in den meisten von der Krise betroffenen Staaten ähnlich sein. Und was machen die Bürger? Sie verhalten sich noch ruhig und sehen dem ganzen Theater hilflos zu. Doch wenn diese Hilflosigkeit zusammengemischt wird mit Angst (z.B. vor dem Arbeitsplatzverlust), einem Ohnmachtgefühl gegenüber der Justiz und einer Brise Verbitterung gegenüber die Politik, dann gibt dies eine explosive Mischung, die schnell in Wut umschlagen kann.

Jetzt soll hier nicht der Teufel an die Wand gemalt werden, aber die Dimensionen lassen inzwischen schon einen seltsamen Eindruck entstehen. Von 1,30 EUR bis 1,42 Billionen USD ist es eine ziemliche Spannweite. Diese beiden Extremfälle sollten hier einfach noch mal skizziert werden, denn auch die Situationen an den Börsen befinden sich in einem extremen Umfeld.

Die Gefahren bleiben real
In letzter Zeit bekommen wir öfter Kritik zu spüren, da wir unser Depot sehr defensiv ausgerichtet haben und auch Short-Positionen zur Absicherung eingegangen sind. Wer uns schon länger verfolgt, weiß wie unsere Meinung auf lange Sicht für die Märkte ist. Das Crack-up-Boom-Szenario ist sehr wohl weiterhin intakt und wir erwarten in den nächsten Jahren neue Höchststände bei den Aktienindizes. Jedoch hatten wir in den letzten Smart-Investor-Weekly-Ausgaben und auch in unserem Heft immer wieder auf Gefahren hingewiesen. Die Krise ist unserer Meinung nach noch lange nicht vorbei und es kann jederzeit zu einer starken Korrektur an den Märkten kommen. Momentan sprechen die meisten Medien ja lieber von den ersten Anzeichen eines Aufschwungs und dem Ende der Rezession. In diesen Kanon können wir nicht mit einstimmen und wollen dies auch nicht. Als wir vor einem Jahr unser Heft 7/2008 mit dem Titel "Bombe im Bankensektor" herausgaben, da sprach niemand von einer weltweiten Finanzkrise. Hier sehen wir weiterhin eine große Gefahr schlummern, denn die faulen Kredite im europäischen Bankensektor sind längst noch nicht beseitigt. Wie in der neuesten Ausgabe des Magazins "Der Spiegel" zu lesen ist, wird in einer Studie der US-Bank Merrill Lynch das Volumen dieser Risikopapiere in Deutschlands Bankenlandschaft auf ungefähr 650 Mrd. EUR geschätzt. Dies entspricht 25% des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Etwas mehr dazu, auch eine Analyse der Bilanz der Deutschen Bank, werden wir im nächsten Heft bringen. Vielleicht verstehen unsere Kritiker dann, warum wir so vorsichtig agieren. Das Eis, auf denen sich die deutschen Banken derzeit bewegen, ist verdammt dünn.

Die Märkte
Seit wir massive Warnungen für die Börsen aussprechen, hat der DAX um etwa 10% zugelegt. Klar hätten wir dies gerne auch mitgenommen, aber es ist nun einmal unser Bestreben, nach vorne zu schauen, also Vorsicht walten zu lassen. An der grundsätzlich gefährlichen Situation hat sich unserer Ansicht nach auch nichts geändert. Die Börsen sind ziemlich genau an die Marken herangelaufen, die charttechnisch als Widerstandszonen gesehen werden können. Beim DAX ist diese Zone irgendwo zwischen 5.800 und 6.200 anzusiedeln.


Nehmen wir als Beispiel den Super-Highflyer im DAX, nämlich Infineon. Diese Aktie konnte sich in den letzten sieben Monaten mehr als verzehnfachen. Mittlerweile aber ist sie in einer Kursregion angekommen, in welcher erhöhter Abgabedruck zu vermuten ist. Insofern ist diese Aktie aus unserer Sicht ein klarer Verkauf, mit der Gefahr einer Kurshalbierung. Infineon ist ein drastisches Beispiel, aber einige Titel sind inzwischen kursmäßig absolut überdreht, weshalb wir weiterhin eine Korrektur abwarten würden.

Mit dem Vorwurf, dass wir Chancen nicht nutzen, müssen wir dabei leben. Aber immerhin schlägt unser Musterdepot in diesem Jahr den DAX. Also ganz so schlecht kann das ja wohl nicht sein, was wir treiben. Und in dem Katastrophenjahr 2008 (DAX minus 40%), verloren wir nur 12%. Und zwar nicht, weil wir jeder Chance hinterher gesprungen wären, sondern weil wir auch einmal abwarten konnten bzw. uns abgesichert hatten.

Verstehen Sie uns hier nicht falsch: Die Börsen werden langfristig noch sehr viel weiter nach oben laufen, aber nicht in diesem Tempo. Jetzt ist erstmal Korrektur angesagt - und in diese Korrektur wollen wir dann auch hineinkaufen.



Einige Leser meinen, uns auf gute Ergebnisse von Firmen hinweisen zu müssen, wie z.B. von Google oder Apple. Brauchen Sie nicht. Denn ziemlich exakt am Tief der Börse erschien mit der April-Nummer des Smart Investor eine Publikation, die "Crack-up-Boom" als Titel hatte. Und genau darin sind wir auf ein Szenario eingegangen, welches sich jetzt gerade entfaltet. Wir werden uns im kommenden Heft erneut damit auseinandersetzen und aufzeigen, welche Branchen vom CuB tendenziell eher profitieren und welche darunter leiden werden.

Musterdepot
In der letzten SIW-Ausgabe sind uns bei der Orderangabe gleich zwei Fehler unterlaufen. Wir hatten dies in einer Sonderausgabe 42/2009a am nächsten Tag berichtigt. Der tatsächlich aufgegeben Buy-Stop für das Short-Zertifikat mit der Kennummer: BN3 0S9 wurde bis heute nicht erreicht. Diese Order wird gelöscht.

Stattdessen setzen wir eine neue Order für das Short-Zertifikat der Citibank mit der Kennummer CG0 21U. Dessen Knock-out-Schwelle liegt deutlich höher, nämlich bei 6.250 DAX-Punkten, und deshalb besteht hier weniger Gefahr, ungewollt ausstoppt zu werden. Die Laufzeit reicht bis Juni kommenden Jahres. Der Kurs liegt aktuell bei 4,50 EUR. Den Buy-Stop für die 2.000 Stück setzen wir bei 5,50 EUR fest. Dieser dürfte ausgelöst werden, sobald der DAX die 5.710er Marke unterschreitet (der Buy-Stop gilt auf Intraday-Basis).

Fazit
Die Kursexzesse der letzten Wochen dürften unserer Ansicht nach schmerzliche Korrekturen nach sich ziehen. Ob die Gefahren bei uns hier in Deutschland dabei von der Bankenseite her rühren, welcher von Merrill Lynch gerade eben eine massive Unterkapitalisierung bescheinigt wurde, wagen wir nicht vorherzusagen. Ganz unrealistisch erscheint diese Gefahr jedoch nicht. Wie dem auch sei, wir bleiben erst einmal vorsichtig.

Ralf Flierl, Thilo Schmidt

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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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