Wer die Nachrichten der letzten Tage
betrachtet, kommt aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
Müll geklaut - Kündigung kassiert
Es ist schon skurril, was man in den letzten Tagen so an Nachrichten
verdauen musste. Nun, man kann dies eigentlich nur versuchen aus einer
neutralen Position zu betrachten, denn sonst könnte man an der Realität zu
zweifeln beginnen. Der Fall erinnert an die Kassiererin, die Anfang des Jahres
eine fristlose Kündigung erhalten hat, weil Sie Pfandbons im Wert von 1,30 EUR
"unterschlagen" hatte. Im jetzigen Urteil wurde eine 58 jährige
Pflegerin fristlos gekündigt, da Sie es gewagt hatte sechs Maultaschen im Wert
von 3,35 EUR von einem Essenstablett einzustecken. Eigentlich war der Wert ja
0,00 EUR, denn die besagte Nahrung wurde von den Heimbewohnern verschmäht und
war auf den Weg zur Mülltonne. "Irrelevant" befand das Amtsgericht
und bestätigte in seinem Urteil die Kündigung. Nun ja, Diebstahl ist nun mal
Diebstahl!
Leistung dagegen muss entlohnt werden
Dagegen ist es völlig legitim, sich die Taschen voll zustopfen, wenn
man als Manager in der Finanzbranche tätig ist. Die amerikanischen Kollegen
gönnen sich nach dem "hervorragenden" Jahr 2008 und dem
"erfolgreichen" 2009 einen kräftigen Schluck aus der Pulle. Immerhin
beläuft sich die Summe der Gehälter und Bonuszahlungen in der amerikanischen
Finanzindustrie auf 140 Mrd. USD, ein noch nie da gewesener Spitzenwert. Aber
auch die deutschen "Spitzenbanker" sind sich für solche Exzesse nicht
zu schade. Ein ehemaliger Investmentbanker der Dresdner Kleinwort klagte
erfolgreich seine Abfindung in Höhe von 1,5 Mio. EUR von der neuen Eigentümerin
Commerzbank ein. Diese weigerte sich erst den Betrag zu bezahlen, da der Banker
eine Bonuszahlung in Höhe von 3 Mio. EUR erhalten hatte, obwohl sein Bereich in
2008 einen Verlust von fast 6 Mrd. EUR machte. Tja, wer so gut wirtschaftet
muss einfach belohnt werden.
Der Bürger schluckt es (noch) runter
Nun, solche Auswüchse gab es wahrscheinlich schon immer, aber
inzwischen wird vermehrt über diese Angelegenheiten in den Medien berichtet.
Dennoch ist es schon bitter, wenn man die Fälle miteinander vergleicht.
Immerhin haben die Finanzgenies durch undurchsichtige Transaktionen die Welt an
den Rand des Ruins getrieben und klopfen sich dabei kräftig auf die Schulter.
Dass sie jetzt wieder tolle Gewinne erwirtschaften, haben sie in den meisten
Fällen nur der Unterstützung des Staates und somit der gesamten steuerzahlenden
Bevölkerung zu verdanken, die den Finanzinstituten mit noch nie dagewesenen
Rettungspaketen unter die Arme griff. Die USA hatten zum Beispiel im
vergangenen Haushaltsjahr ein Rekorddefizit in Höhe von 1,42 Bio. USD (dies
entspricht 10% vom amerikanischen BIP). Der höchste Wert seit dem Ende des
zweiten Weltkriegs. Wahrscheinlich dürfte diese Situation in den meisten von
der Krise betroffenen Staaten ähnlich sein. Und was machen die Bürger? Sie
verhalten sich noch ruhig und sehen dem ganzen Theater hilflos zu. Doch wenn
diese Hilflosigkeit zusammengemischt wird mit Angst (z.B. vor dem Arbeitsplatzverlust),
einem Ohnmachtgefühl gegenüber der Justiz und einer Brise Verbitterung
gegenüber die Politik, dann gibt dies eine explosive Mischung, die schnell in
Wut umschlagen kann.
Jetzt soll hier nicht der Teufel an die Wand gemalt werden, aber die
Dimensionen lassen inzwischen schon einen seltsamen Eindruck entstehen. Von
1,30 EUR bis 1,42 Billionen USD ist es eine ziemliche Spannweite. Diese beiden
Extremfälle sollten hier einfach noch mal skizziert werden, denn auch die
Situationen an den Börsen befinden sich in einem extremen Umfeld.
Die Gefahren bleiben real
In letzter Zeit bekommen wir öfter Kritik zu spüren, da wir
unser Depot sehr defensiv ausgerichtet haben und auch Short-Positionen zur
Absicherung eingegangen sind. Wer uns schon länger verfolgt, weiß wie unsere
Meinung auf lange Sicht für die Märkte ist. Das Crack-up-Boom-Szenario ist sehr
wohl weiterhin intakt und wir erwarten in den nächsten Jahren neue Höchststände
bei den Aktienindizes. Jedoch hatten wir in den letzten Smart-Investor-Weekly-Ausgaben
und auch in unserem Heft immer wieder auf Gefahren hingewiesen. Die Krise ist
unserer Meinung nach noch lange nicht vorbei und es kann jederzeit zu einer
starken Korrektur an den Märkten kommen. Momentan sprechen die meisten Medien
ja lieber von den ersten Anzeichen eines Aufschwungs und dem Ende der
Rezession. In diesen Kanon können wir nicht mit einstimmen und wollen dies auch
nicht. Als wir vor einem Jahr unser Heft 7/2008 mit dem Titel "Bombe im
Bankensektor" herausgaben, da sprach niemand von einer weltweiten
Finanzkrise. Hier sehen wir weiterhin eine große Gefahr schlummern, denn die
faulen Kredite im europäischen Bankensektor sind längst noch nicht beseitigt.
Wie in der neuesten Ausgabe des Magazins "Der Spiegel" zu lesen ist,
wird in einer Studie der US-Bank Merrill Lynch das Volumen dieser Risikopapiere
in Deutschlands Bankenlandschaft auf ungefähr 650 Mrd. EUR geschätzt. Dies
entspricht 25% des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Etwas mehr dazu, auch eine
Analyse der Bilanz der Deutschen Bank, werden wir im nächsten Heft bringen.
Vielleicht verstehen unsere Kritiker dann, warum wir so vorsichtig agieren. Das
Eis, auf denen sich die deutschen Banken derzeit bewegen, ist verdammt dünn.
Die Märkte
Seit wir massive Warnungen für die Börsen aussprechen, hat der DAX
um etwa 10% zugelegt. Klar hätten wir dies gerne auch mitgenommen, aber es ist
nun einmal unser Bestreben, nach vorne zu schauen, also Vorsicht walten zu
lassen. An der grundsätzlich gefährlichen Situation hat sich unserer Ansicht
nach auch nichts geändert. Die Börsen sind ziemlich genau an die Marken
herangelaufen, die charttechnisch als Widerstandszonen gesehen werden können.
Beim DAX ist diese Zone irgendwo zwischen 5.800 und 6.200 anzusiedeln.

Nehmen wir als Beispiel den Super-Highflyer im DAX, nämlich
Infineon. Diese Aktie konnte sich in den letzten sieben Monaten mehr als
verzehnfachen. Mittlerweile aber ist sie in einer Kursregion angekommen, in
welcher erhöhter Abgabedruck zu vermuten ist. Insofern ist diese Aktie aus
unserer Sicht ein klarer Verkauf, mit der Gefahr einer Kurshalbierung. Infineon
ist ein drastisches Beispiel, aber einige Titel sind inzwischen kursmäßig
absolut überdreht, weshalb wir weiterhin eine Korrektur abwarten würden.
Mit dem Vorwurf, dass wir Chancen nicht nutzen, müssen wir dabei leben. Aber
immerhin schlägt unser Musterdepot in diesem Jahr den DAX. Also ganz so
schlecht kann das ja wohl nicht sein, was wir treiben. Und in dem
Katastrophenjahr 2008 (DAX minus 40%), verloren wir nur 12%. Und zwar nicht,
weil wir jeder Chance hinterher gesprungen wären, sondern weil wir auch einmal
abwarten konnten bzw. uns abgesichert hatten.
Verstehen Sie uns hier nicht falsch: Die Börsen werden langfristig noch sehr
viel weiter nach oben laufen, aber nicht in diesem Tempo. Jetzt ist erstmal
Korrektur angesagt - und in diese Korrektur wollen wir dann auch hineinkaufen.
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Ralf Flierl, Smart Investor |
Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor".
Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated,
non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003
eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit,
das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.
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