Immer wieder mal erhalte ich einen Anruf von einer PR-Agentur. Ich
solle mich mit einem kanadischen Unternehmer treffen, der sein
Unternehmen vorstellen wolle. Vor drei Jahren habe ich einmal
eingewilligt: Im Berliner Hotel Adlon habe ich den feinen Herren
abgeholt und wir sind zu zweit etwas essen gegangen. Er hatte
Unterlagen über sein Unternehmen, eine kanadische Aktiengesellschaft
und über das Produkt, Pharmaforschung.
Zunächst erzählte er mir eine rührende Geschichte von seinem Vater,
der an Krebs gestorben sei und dass er daher nun all sein Vermögen in
eine Firma gesteckt habe, die nach einem wirksamen Krebsmittel
forsche. Da ich kein Mediziner bin, konnte ich die Details nicht gut
genug einschätzen. Anschließend erzählte er mir, dass er über eine
Kapitalerhöhung viel Geld in seine Firma gesteckt habe.
Im weiteren Verlauf des Abends schmeckte der Wein immer besser und
seine Zunge wurde lockerer. Als wir über unser Privatleben
philosophierten, fragte ich ihn, da er sich ja als CEO kein Gehalt
zahle (aus Überzeugung!), wie er denn seinen überschwänglichen
Lebensstil, von dem er mir berichtete, finanziere. Er teilte mir mit,
dass er sich über die Börse refinanzieren wolle, indem er seine Aktien
über die Börse an andere Anleger verkaufe. Davon abgesehen wies er
mich ehrlicherweise auf das Risiko hin, dass er natürlich nicht
garantieren könne, ob er nun einmal ein wirksames Krebsmittel finden
werde.
Der Kerl war immerhin ehrlich, er hat mir das System offengelegt. Und
so funktioniert's: Man kauft sich einen AG-Mantel, sucht sich einen
neuen Namen und steckt ein paar hundert Tausend Euro oder Dollar
hinein. Mit dem Geld kauft man sich dann bei den News-Providern ein
Kontingent an Meldungen, die man verschicken kann. Die Meldungen, die
man über solche Kanäle an Millionen von Adressaten versenden kann,
werden ungelesen durchgeleitet. Was das Unternehmen veröffentlicht,
wird umgehend überall hingeschickt. So kann man mit beliebigen
Meldungen eine Unternehmensstory aufbauen.
Wenn das Unternehmen in Kanada sitzt und viele Kanadier Aktien davon
haben, dann wird irgendwann einer dorthin fahren und sich das Ganze
anschauen wollen. Wenn man die Aktie aber in Deutschland notieren
lässt, dann wird das eher später der Fall sein. Traurigerweise wird es
sicherlich kein Privatanleger sein, der irgendwann einmal dorthin
fährt, sondern vermutlich einer meiner Wettbewerber - und der erhält
dann die Möglichkeit, in das System einzusteigen.
So werden dann einige "Multiplikatoren" in Deutschland ins Boot geholt
und anschließend wimmelt es in allen deutschsprachigen Foren von guten
Analysen und Kritiken zu diesem Unternehmen. Wie gesagt: Der Kanadier
hat mir ganz offen angeboten, mir eine nennenswerte Summe dafür zu
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Stephan Heibel, Heibel-Ticker |
Stephan Heibel schrieb 1998 erstmals seinen Börsenbrief und ist heute Herausgeber und Chefredakteur des Heibel-Ticker Börsenbriefes. Als Diplom Volkswirt legt er besonderen Wert auf das Verständnis für die Finanzmärkte. Empfehlungen werden aus der Erklärung der aktuellen Entwicklungen abgeleitet. die kostenfreie Version können Sie hier beziehen: www.heibel-ticker.de
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