Newsprovider und Frontrunning



14:50 16.11.09


Immer wieder mal erhalte ich einen Anruf von einer PR-Agentur. Ich
solle mich mit einem kanadischen Unternehmer treffen, der sein
Unternehmen vorstellen wolle. Vor drei Jahren habe ich einmal
eingewilligt: Im Berliner Hotel Adlon habe ich den feinen Herren
abgeholt und wir sind zu zweit etwas essen gegangen. Er hatte
Unterlagen über sein Unternehmen, eine kanadische Aktiengesellschaft
und über das Produkt, Pharmaforschung.

Zunächst erzählte er mir eine rührende Geschichte von seinem Vater,
der an Krebs gestorben sei und dass er daher nun all sein Vermögen in
eine Firma gesteckt habe, die nach einem wirksamen Krebsmittel
forsche. Da ich kein Mediziner bin, konnte ich die Details nicht gut
genug einschätzen. Anschließend erzählte er mir, dass er über eine
Kapitalerhöhung viel Geld in seine Firma gesteckt habe.

Im weiteren Verlauf des Abends schmeckte der Wein immer besser und
seine Zunge wurde lockerer. Als wir über unser Privatleben
philosophierten, fragte ich ihn, da er sich ja als CEO kein Gehalt
zahle (aus Überzeugung!), wie er denn seinen überschwänglichen
Lebensstil, von dem er mir berichtete, finanziere. Er teilte mir mit,
dass er sich über die Börse refinanzieren wolle, indem er seine Aktien
über die Börse an andere Anleger verkaufe. Davon abgesehen wies er
mich ehrlicherweise auf das Risiko hin, dass er natürlich nicht
garantieren könne, ob er nun einmal ein wirksames Krebsmittel finden
werde.

Der Kerl war immerhin ehrlich, er hat mir das System offengelegt. Und
so funktioniert's: Man kauft sich einen AG-Mantel, sucht sich einen
neuen Namen und steckt ein paar hundert Tausend Euro oder Dollar
hinein. Mit dem Geld kauft man sich dann bei den News-Providern ein
Kontingent an Meldungen, die man verschicken kann. Die Meldungen, die
man über solche Kanäle an Millionen von Adressaten versenden kann,
werden ungelesen durchgeleitet. Was das Unternehmen veröffentlicht,
wird umgehend überall hingeschickt. So kann man mit beliebigen
Meldungen eine Unternehmensstory aufbauen.

Wenn das Unternehmen in Kanada sitzt und viele Kanadier Aktien davon
haben, dann wird irgendwann einer dorthin fahren und sich das Ganze
anschauen wollen. Wenn man die Aktie aber in Deutschland notieren
lässt, dann wird das eher später der Fall sein. Traurigerweise wird es
sicherlich kein Privatanleger sein, der irgendwann einmal dorthin
fährt, sondern vermutlich einer meiner Wettbewerber - und der erhält
dann die Möglichkeit, in das System einzusteigen.

So werden dann einige "Multiplikatoren" in Deutschland ins Boot geholt
und anschließend wimmelt es in allen deutschsprachigen Foren von guten
Analysen und Kritiken zu diesem Unternehmen. Wie gesagt: Der Kanadier
hat mir ganz offen angeboten, mir eine nennenswerte Summe dafür zu


zahlen, wenn ich seine Aktien in meinem Börsenbrief empfehle (wer mich
kennt weiß, dass ich das natürlich abgelehnt habe).

So laufen die Foren heiß und immer mehr Anleger werden vor Gier ein
paar dieser Aktien kaufen. So beginnt der Kurs zu steigen und die
Teilnehmer des Systems können ihre eigenen Aktien in die nun
generierte Nachfrage hinein verkaufen. Mit Gewinn natürlich. Der
Kanadier hatte mir natürlich auch zu verstehen gegeben, dass ich ja
durch dieses Frontrunning, wenn ich es mit meinen Kunden geschickt
anstelle, selber viel mehr Geld verdienen könne, als ich durch seine
Buchung einnehme.

Ich wollte noch wissen, wie er denn später aus der Geschichte
rauskommen wolle, ohne verklagt zu werden. Auch dafür hatte er eine
pfiffige Idee: Er werde, sofern die Forschung nicht erfolgreich ist,
eine entsprechende Meldung verschicken, dass die erhoffte Wirkung des
zuvor so angepriesenen Medikaments in einem der Tests dann nicht die
Erwartungen erfüllt habe.

Nun, meine Neugier war geweckt und als trinkfester, geselliger Mensch
habe ich den Kanadier noch in eine Bar geschleppt, ein paar schmutzige
Witze erzählt und siehe da, die Taktik wirkte, er wurde noch
gesprächiger. Er erzählte mir, wie er seinen Reichtum aus den Anfängen
der Internetzeit gezogen habe: Er hatte selber Progrämmchen
programmiert, die Webseiten nach E-Mail Adressen abgrasten. Heute
finden Sie auf Webseiten keine E-Mail Adressen mehr, sondern nur noch
Kontaktformulare. Der Grund sind diese Methoden, mit denen Spammer zu
Millionen von E-Mail Adressen kamen. Diese Adressen habe er dann
benutzt, um kleine Aktien heiß anzupreisen und siehe da, die Aktien
stiegen nach Aussendung seiner reißerischen Kaufempfehlung. Natürlich
hatte er zuvor Aktien von diesem kleinen Unternehmen gekauft und in
die erzeugte Nachfrage hinein verkauft. Was ihn am meisten daran
freute: Die betroffenen Unternehmen wussten garnicht, wie ihnen geschah.

Ich habe seither einen Blick für solche Machenschaften und habe mir
drei Signale gemerkt: 1. Kanadische Unternehmen, 2. Aktiennotiz in
Deutschland bei gleichzeitig vernachlässigbarem Handelsumsatz an der
Heimatbörse in Kanada und 3. Marktkapitalisierung unter 50 Mio. Euro.

Weitere Analysen können Sie gerne in meinem kostenfreien Börsenbrief
unter http://heibel-ticker.de nachlesen. Ich freue mich auf
Sie.

Take share,

Stephan Heibel

Chefredaktion
Heibel-Ticker
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Hinweis: Stock-World veröffentlicht in dieser Rubrik Analysen, Kolumnen und Nachrichten aus verschiedenen Quellen. Verantwortlich für den Inhalt ist allein der jeweilige Autor.

Über den Autor
 
Autor: Stephan Heibel Stephan Heibel,
Heibel-Ticker

Stephan Heibel schrieb 1998 erstmals seinen Börsenbrief und ist heute Herausgeber und Chefredakteur des Heibel-Ticker Börsenbriefes. Als Diplom Volkswirt legt er besonderen Wert auf das Verständnis für die Finanzmärkte. Empfehlungen werden aus der Erklärung der aktuellen Entwicklungen abgeleitet. die kostenfreie Version können Sie hier beziehen: www.heibel-ticker.de

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