Stimmenfang - einmal anders. Smart Investor Weekly 47/2009



09:20 18.11.09

Der Job eines Chefredakteurs einer Zeitschrift bringt es manchmal so mit sich, dass man vor lauter Kongressen und Messen seine eigene Frau über viele Tage kaum mehr zu sehen bekommt. Die letzte Woche war eine solche.

Es begann mit der Edelmetallmesse am 6. und 7. November, es ging weiter mit dem Eigenkapitalforum vom 9. bis 11. November, gefolgt von der World-of-Trading (WOT) am 13.11. und schließlich dem Münchner Börsentag (MBT) am 14.11. Das Interessante an der unmittelbaren Abfolge dieser vier Events innerhalb nur einer Woche war, dass es sich um völlig unterschiedliche Veranstaltungen mit völlig unterschiedlichem Publikum handelte. Und so war es mir auch möglich, aus den Gesprächen mit vielen Teilnehmern und auch aus dem Feedback auf die Vorträge, die ich dort teilweise gehalten habe, ein gutes Bild der Stimmung unter den Anlegern und Normalmenschen einzufangen. Ich war also sozusagen letzte Woche auf "Stimmenfang" - nicht wie ein Politiker, der gewählt werden will, sondern eher wie ein "Börsenforscher", der erkunden will, was die Menschen umtreibt und was sie denken, eben wie sie gestimmt sind.

Das Stimmungsbild...
Alles in allem lässt sich sagen: Das Bewusstsein für den Ernst der Lage ist bei nahezu jeder Gruppierung, die ich auf meiner "Tour" sprach, vorhanden. Seit Lehman sitzt den meisten Marktteilnehmern der Schock immer noch in den Knochen und daher haben sich einige doch auf härtere Zeiten eingestellt. Insbesondere natürlich auf der Edelmetallmesse war die Skepsis gegenüber unserem Finanzsystem sehr stark ausgeprägt. Aber auch auf dem Börsentag, welcher doch eher vom "Durchschnittsanleger" besucht wird, waren solche Gedanken durchaus häufiger anzutreffen. Und selbst auf dem Eigenkapitalforum, auf dem sich eher nur Profis aus dem Aktienbereich tummeln, hatte ich keinesfalls den Eindruck, dass man vor dem Problem, mit dem die Finanzwelt seit zwei Jahren zu tun, die Augen verschließen würde. Allen ist bewusst, dass die Zukunft vermutlich noch einige Dramen bringen wird. Und deshalb stehen viele Anleger immer noch an der Seite des Börsengeschehens und sehen zu wie die Aktien steigen und steigen - so zumindest mein Eindruck. Allerdings fand ich auch jede Menge Bullen. Insbesondere auf dem Frankfurter Eigenkapitalforum war diese Spezies zahlreich vertreten. Allerdings schien mir deren Zuversicht sich in erster Linie aus zwei Gründen zu speisen. Erstens aus der reinen Betrachtung von einigen guten Unternehmenszahlen ohne das große Bild der Wirtschaft zu sehen. Und zweitens begründeten einige ihre gute Stimmung recht pragmatisch mit dem bemerkenswerten Kursanstieg der letzten Monate: Also nach dem Motto: Die Hausse nährt die Hausse - und dabei sein ist alles.

...und dessen Interpretation
Mein Gesamteindruck von der Anlegerstimmung lässt sich wie folgt zusammenfassen. Längerfristig herrscht erhebliche Skepsis über die weitere Entwicklung von Wirtschaft und Börse, kurzfristig überwiegt meiner Ansicht nach die Zuversicht, insbesondere jetzt, wo sich das Jahre dem Ende neigt und klassischerweise um diese Zeit die Theorie von der Jahresendrally hervorgekramt wird. Und wie interpretiere ich nun meine Beobachtungen der letzten Woche? Ganz einfach, ich unterstelle in jedem der beiden Fälle das Gegenteil, und lande so schließlich bei der Theorie vom Crack-up-Boom, also genau der Theorie, die wir hier und im Heft sowieso schon seit vielen Monaten propagieren, also: Kurzfristig dürfte der DAX weiterhin in einer Korrektur stecken (wahrscheinlich seitwärts zwischen 5.800 und 5.000 Punkten und nicht Crash-artig nach unten gehen), längerfristig MÜSSEN die Aktien durch die Decke schießen (Crack-up-Boom). Die Begründung dafür wurde an dieser Stelle und im Heft ausführlich geliefert und soll hier daher unterbleiben. Für Neulinge ist sie hier nachzulesen: www.smartinvestor.de/cub


DAX mit MACD
Während der letzten Woche ist mir ein Chart aufgefallen, den wir so ähnlich vor vielen Monaten im Heft bebracht hatten. Es handelt sich hierbei um den DAX mit Monatskerzen und darunter ein MACD-Indikator gelegt. Für alle Nicht-Techniker: Der MACD zählt zu den Trendfolgeindikatoren, mit Hilfe derer man Auskunft über den Beginn eines neuen Trends bzw. über dessen Stärke erlangen will. Im Prinzip ist Smart Investor solchen Indikatoren gegenüber recht skeptisch eingestellt, stellen sie doch den Versuch dar, mit Mathematik die Märkte erfassen zu wollen - was unserer Ansicht nach kaum möglich ist. Aber in dieser Monats-Einstellung funktioniert dieser Indikator beim DAX doch recht gut, wie die Vergangenheit zeigt (die Signale ergeben sich immer beim Schnittpunkt der blauen mit der roten Linie). Zu beachten hierbei ist jedoch, dass die Wenden insbesondere nach oben sehr spät angezeigt werden und dass zum Zeitpunkt eines Schnittpunkts auch erst einmal eine kleine Gegenbewegung stattfindet, d.h. kurzfristig genau das falsche Signal erzeugt wird. Aber im längerfristigen Kontext haut dieser MACD doch recht gut hin. D.h. auf Sicht der kommenden Wochen bleiben wir vorsichtig, auf Sicht der zwei oder drei Jahre stehen die Ampeln jedoch auf grün.

Und das Gold?
Natürlich wurde ich auf in der letzten Woche mehr als einmal zu meiner Meinung nach dem Gold gefragt. Wird es weitersteigen, bis wohin und bis wann? Hierzu gilt es folgendes festzustellen: Wir haben kein ausgereiftes Zyklusmodell für den Goldpreis (anders als bei Aktien) und das auch aus gutem Grund. Denn der Goldmarkt dürfte unter allen Märkten dieser Welt mit zu den am meisten manipulierten gehören. Und was manipuliert wird, kann nur sehr schwer analysiert werden. Insofern wage ich an dieser Stelle nur folgende Aussage: Langfristig ist kein Zweifel an einem steigenden Goldpreis zu haben. Kurzfristig hängt die weitere Entwicklung davon ab, wie sehr Notenbanken und andere große Mitspieler in diesem eigentlich doch recht kleinen Markt mitmischen. Daneben ist natürlich auch noch die Entwicklung der Euro/Dollar-Relation zu beachten. Und hier sind wir, wie schon seit einigen Wochen an dieser Stelle dargelegt, negativ für den Euro bzw. positiv für den Dollar (siehe auch hier: www.smartinvestor.de/news/smartinvestor/index.hbs?recnr=13891). Ein stärkerer Dollar aber würde tendenziell den Goldpreis belasten, zumindest aus Dollar-Sicht, welche ja die gängige ist. Übrigens: Während der letzten Woche traf ich keinen einzigen Dollar-Bullen und nur einen Gold-Bären. Aus Sentiment-Gesichtspunkten spricht dies für einen starken Dollar und für schwaches Gold - zumindest temporär.

Musterdepot


Nachdem wir in der letzten Woche jeweils 400 Stück von Stratec Biomedical (WKN 728 900) und von Delticom* (WKN 514 680) erworben haben, bleiben wir weiterhin stark in Cash und halten ebenso weiter an unseren Absicherungsgeschäften gegenüber dem DAX und der Deutschen Bank fest. Allerdings werden wir diese schon bald glattstellen, da wir mittlerweile ja nur noch mit einer Seitwärtskorrektur auf hohem Niveau rechnen. Beim Deutsche Bank-Put muss man jedoch nach wie vor mit einem Totalverlust rechnen. Diese Spekulation sollte einzig und alleine einen hohen Hebel für den Fall eines größeren Ausrutschers nach unten darstellen. Dies ist bislang nicht eingetreten und die Wahrscheinlichkeit, dass dies passiert, wird natürlich immer geringer. Im Übrigen läuft dieser Optionsschein zur Mitte des Dezembers aus, weshalb wir ihn ohnehin verkaufen müssen - entweder mit annäherndem Totalverlust oder aber mit einem mehr oder weniger großen Restwert. Auf das hohe Risiko dieses Scheins hatten wir ja explizit immer wieder hingewiesen.

Beim Euro-Short-Zertifikat beliben wir ebenso weiter investiert, scheint der Aufwärtstrend von den Euro-Bären doch nochmals in Angriff genommen zu werden. Einen interessanten Artikel zum Euro/Dollar finden Sie im kommenden Heft 12/09, in welchem es in der Titelgeschichte um die Hyperinflation des Jahres 1923 in Deutschland gehen wird. Sie wissen ja: diese damalige Phase sehen wir als diejenige Krise an, welche am ehesten mit dem vergleichbar sein wird, was uns in den kommenden Jahren bevorsteht.

Fazit
Nach meiner "Studienreise" bin ich gefestigter denn je in meiner Theorie vom Crack-up-Boom. Was die kurzfristige Entwicklung anbelangt, ist die Sache natürlich um einiges unsicherer. Hier darf man mit mir zusammen gespannt sein, was die kommenden Wochen bringen werden. Tendenziell dürften sie jedoch schwächer ausfallen, sowohl bei den Aktien als auch bei den Rohstoffen/Edelmetallen.
Ralf Flierl

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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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