Der Job eines Chefredakteurs einer Zeitschrift
bringt es manchmal so mit sich, dass man vor lauter Kongressen
und Messen seine eigene Frau über viele Tage kaum mehr zu
sehen bekommt. Die letzte Woche war eine solche.
Es begann mit der Edelmetallmesse am 6. und 7. November,
es ging weiter mit dem Eigenkapitalforum vom 9. bis 11. November,
gefolgt von der World-of-Trading (WOT) am 13.11. und schließlich
dem Münchner Börsentag (MBT) am 14.11. Das Interessante
an der unmittelbaren Abfolge dieser vier Events innerhalb nur
einer Woche war, dass es sich um völlig unterschiedliche
Veranstaltungen mit völlig unterschiedlichem Publikum handelte.
Und so war es mir auch möglich, aus den Gesprächen mit
vielen Teilnehmern und auch aus dem Feedback auf die Vorträge,
die ich dort teilweise gehalten habe, ein gutes Bild der Stimmung
unter den Anlegern und Normalmenschen einzufangen. Ich war also
sozusagen letzte Woche auf "Stimmenfang" - nicht wie ein Politiker,
der gewählt werden will, sondern eher wie ein "Börsenforscher",
der erkunden will, was die Menschen umtreibt und was sie denken,
eben wie sie gestimmt sind.
Das Stimmungsbild...
Alles in allem lässt sich sagen: Das Bewusstsein
für den Ernst der Lage ist bei nahezu jeder Gruppierung,
die ich auf meiner "Tour" sprach, vorhanden. Seit Lehman sitzt
den meisten Marktteilnehmern der Schock immer noch in den Knochen
und daher haben sich einige doch auf härtere Zeiten eingestellt.
Insbesondere natürlich auf der Edelmetallmesse war die Skepsis
gegenüber unserem Finanzsystem sehr stark ausgeprägt.
Aber auch auf dem Börsentag, welcher doch eher vom
"Durchschnittsanleger"
besucht wird, waren solche Gedanken durchaus häufiger anzutreffen.
Und selbst auf dem Eigenkapitalforum, auf dem sich eher nur Profis
aus dem Aktienbereich tummeln, hatte ich keinesfalls den Eindruck,
dass man vor dem Problem, mit dem die Finanzwelt seit zwei Jahren
zu tun, die Augen verschließen würde. Allen ist bewusst,
dass die Zukunft vermutlich noch einige Dramen bringen wird. Und
deshalb stehen viele Anleger immer noch an der Seite des
Börsengeschehens
und sehen zu wie die Aktien steigen und steigen - so zumindest
mein Eindruck. Allerdings fand ich auch jede Menge Bullen. Insbesondere
auf dem Frankfurter Eigenkapitalforum war diese Spezies zahlreich
vertreten. Allerdings schien mir deren Zuversicht sich in erster
Linie aus zwei Gründen zu speisen. Erstens aus der reinen
Betrachtung von einigen guten Unternehmenszahlen ohne das große
Bild der Wirtschaft zu sehen. Und zweitens begründeten einige
ihre gute Stimmung recht pragmatisch mit dem bemerkenswerten
Kursanstieg
der letzten Monate: Also nach dem Motto: Die Hausse nährt
die Hausse - und dabei sein ist alles.
...und dessen Interpretation
Mein Gesamteindruck von der Anlegerstimmung lässt
sich wie folgt zusammenfassen. Längerfristig herrscht erhebliche
Skepsis über die weitere Entwicklung von Wirtschaft und Börse,
kurzfristig überwiegt meiner Ansicht nach die Zuversicht,
insbesondere jetzt, wo sich das Jahre dem Ende neigt und
klassischerweise
um diese Zeit die Theorie von der Jahresendrally hervorgekramt
wird. Und wie interpretiere ich nun meine Beobachtungen der letzten
Woche? Ganz einfach, ich unterstelle in jedem der beiden Fälle
das Gegenteil, und lande so schließlich bei der Theorie
vom Crack-up-Boom, also genau der Theorie, die wir hier und im
Heft sowieso schon seit vielen Monaten propagieren, also: Kurzfristig
dürfte der DAX weiterhin in einer Korrektur stecken (wahrscheinlich
seitwärts zwischen 5.800 und 5.000 Punkten und nicht Crash-artig
nach unten gehen), längerfristig MÜSSEN die Aktien durch
die Decke schießen (Crack-up-Boom). Die Begründung
dafür wurde an dieser Stelle und im Heft ausführlich
geliefert und soll hier daher unterbleiben. Für Neulinge
ist sie hier nachzulesen:
www.smartinvestor.de/cub
DAX mit MACD
Während der letzten Woche ist mir ein Chart
aufgefallen, den wir so ähnlich vor vielen Monaten im Heft
bebracht hatten. Es handelt sich hierbei um den DAX mit Monatskerzen
und darunter ein MACD-Indikator gelegt. Für alle Nicht-Techniker:
Der MACD zählt zu den Trendfolgeindikatoren, mit Hilfe derer
man Auskunft über den Beginn eines neuen Trends bzw. über
dessen Stärke erlangen will. Im Prinzip ist Smart Investor
solchen Indikatoren gegenüber recht skeptisch eingestellt,
stellen sie doch den Versuch dar, mit Mathematik die Märkte
erfassen zu wollen - was unserer Ansicht nach kaum möglich
ist. Aber in dieser Monats-Einstellung funktioniert dieser Indikator
beim DAX doch recht gut, wie die Vergangenheit zeigt (die Signale
ergeben sich immer beim Schnittpunkt der blauen mit der roten
Linie). Zu beachten hierbei ist jedoch, dass die Wenden insbesondere
nach oben sehr spät angezeigt werden und dass zum Zeitpunkt
eines Schnittpunkts auch erst einmal eine kleine Gegenbewegung
stattfindet, d.h. kurzfristig genau das falsche Signal erzeugt
wird. Aber im längerfristigen Kontext haut dieser MACD doch
recht gut hin. D.h. auf Sicht der kommenden Wochen bleiben wir
vorsichtig, auf Sicht der zwei oder drei Jahre stehen die Ampeln
jedoch auf grün.
Und das Gold?
Natürlich wurde ich auf in der letzten Woche
mehr als einmal zu meiner Meinung nach dem Gold gefragt. Wird
es weitersteigen, bis wohin und bis wann? Hierzu gilt es folgendes
festzustellen: Wir haben kein ausgereiftes Zyklusmodell für
den Goldpreis (anders als bei Aktien) und das auch aus gutem Grund.
Denn der Goldmarkt dürfte unter allen Märkten dieser
Welt mit zu den am meisten manipulierten gehören. Und was
manipuliert wird, kann nur sehr schwer analysiert werden. Insofern
wage ich an dieser Stelle nur folgende Aussage: Langfristig ist
kein Zweifel an einem steigenden Goldpreis zu haben. Kurzfristig
hängt die weitere Entwicklung davon ab, wie sehr Notenbanken
und andere große Mitspieler in diesem eigentlich doch recht
kleinen Markt mitmischen. Daneben ist natürlich auch noch
die Entwicklung der Euro/Dollar-Relation zu beachten. Und hier
sind wir, wie schon seit einigen Wochen an dieser Stelle dargelegt,
negativ für den Euro bzw. positiv für den Dollar (siehe
auch hier:
www.smartinvestor.de/news/smartinvestor/index.hbs?recnr=13891).
Ein stärkerer Dollar aber würde tendenziell den Goldpreis
belasten, zumindest aus Dollar-Sicht, welche ja die gängige
ist. Übrigens: Während der letzten Woche traf ich keinen
einzigen Dollar-Bullen und nur einen Gold-Bären. Aus
Sentiment-Gesichtspunkten
spricht dies für einen starken Dollar und für schwaches
Gold - zumindest temporär.
Musterdepot
Nachdem wir in der letzten Woche jeweils 400 Stück
von Stratec Biomedical (WKN 728 900) und von Delticom* (WKN 514
680) erworben haben, bleiben wir weiterhin stark in Cash und halten
ebenso weiter an unseren Absicherungsgeschäften gegenüber
dem DAX und der Deutschen Bank fest. Allerdings werden wir diese
schon bald glattstellen, da wir mittlerweile ja nur noch mit einer
Seitwärtskorrektur auf hohem Niveau rechnen. Beim Deutsche
Bank-Put muss man jedoch nach wie vor mit einem Totalverlust rechnen.
Diese Spekulation sollte einzig und alleine einen hohen Hebel
für den Fall eines größeren Ausrutschers nach
unten darstellen. Dies ist bislang nicht eingetreten und die
Wahrscheinlichkeit,
dass dies passiert, wird natürlich immer geringer. Im Übrigen
läuft dieser Optionsschein zur Mitte des Dezembers aus, weshalb
wir ihn ohnehin verkaufen müssen - entweder mit annäherndem
Totalverlust oder aber mit einem mehr oder weniger großen
Restwert. Auf das hohe Risiko dieses Scheins hatten wir ja explizit
immer wieder hingewiesen.
Beim Euro-Short-Zertifikat beliben wir ebenso weiter investiert,
scheint der Aufwärtstrend von den Euro-Bären doch nochmals
in Angriff genommen zu werden. Einen interessanten Artikel zum
Euro/Dollar finden Sie im kommenden Heft 12/09, in welchem es
in der Titelgeschichte um die Hyperinflation des Jahres 1923 in
Deutschland gehen wird. Sie wissen ja: diese damalige Phase sehen
wir als diejenige Krise an, welche am ehesten mit dem vergleichbar
sein wird, was uns in den kommenden Jahren bevorsteht.
Fazit
Nach meiner "Studienreise" bin ich gefestigter denn
je in meiner Theorie vom Crack-up-Boom. Was die kurzfristige
Entwicklung
anbelangt, ist die Sache natürlich um einiges unsicherer.
Hier darf man mit mir zusammen gespannt sein, was die kommenden
Wochen bringen werden. Tendenziell dürften sie jedoch schwächer
ausfallen, sowohl bei den Aktien als auch bei den
Rohstoffen/Edelmetallen.
Ralf Flierl
Hinweis
auf mögliche Interessenskonflikte:
Eine mit "*" gekennzeichnete Aktie wird zum Zeitpunkt der
Erscheinung dieser Publikation von mindestens einem Mitarbeiter
der Redaktion gehalten.
Ein kostenloses zweimonatiges Kennenlern-Abo des Magazins
Smart Investor kann unter www.smartinvestor.de/abo
angefordert
werden.
Das aktuelle Inhaltsverzeichnis des Smart Investor Magazins
ist unter http://www.smartinvestor.de/news/inhalt/index.hbs
einzusehen.
Sollten Sie den eMail-Versand abbestellen wollen, so benutzen
Sie bitte den Abmelde-Link unter dem Newsletter bzw. schicken
uns eine eMail mit dem Betreff "Abbestellen des SIW" an
info@smartinvestor.de.
Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de
und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden
Dienstagnachmittag.
Die GoingPublic Media AG kann trotz sorgfältiger Auswahl
und ständiger Verifizierung der Daten keine Gewähr für deren
Richtigkeit übernehmen. Informationen zu einzelnen Unternehmen stellen
keine Aufforderung zum Kauf bzw. Verkauf von Aktien dar.
© GoingPublic-Online 1999 - 2009
|
Ralf Flierl, Smart Investor |
Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor".
Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated,
non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003
eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit,
das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.
Alle Artikel dieses Autors anzeigen |
|
Aktiensentiment - von ... Ralf Flierl, Smart Investor (14.02.12) |
|
|
Dax dreht in die ... IG Markets, (14.02.12) |
|
|
DAX fällt nach ... Cornelia Frey, Börse Stuttgart AG (14.02.12) |
|
|
BANK OF IRELAND - ... H. Weygand, Godmode-Trader (14.02.12) |
|
|
DAX Aufwärtstrend in ... Thomas Heydrich, Systemstrading.de (14.02.12) |
|
|
Eine auffallende ... Boris Schulze, Trendspekulant (14.02.12) |
|
|
Goldproduzent Agnico-... Björn Junker, GOLDINVEST.de (14.02.12) |
|
|
Unrecht als rentable ... Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG (14.02.12) |
|
|
Wenig Rückenwind Berndt Ebner, Der-Trading-Coach.com (14.02.12) |
|
|
Wie weit geht die ... Jochen Steffens, Stockstreet GmbH (14.02.12) |
|
|
DAX Future ... trading notes future, (14.02.12) |
|
|
Erst Informieren - dann ... Lars Brandau, Deutscher Derivate Ve. (14.02.12) |
|