Kleiner Rundumschlag - zum Jahresbeginn. Smart Investor Weekly 1/2010



18:23 05.01.10

Die Vorgänge in einem kleinen Land im Nordwesten Europas könnten beispielhaft für die Zukunft ganz Europas sein.

Wikinger leisten Widerstand
In Island formiert sich Widerstand gegen die erzwungene Übernahme der Spekulationsverluste von niederländischen und britischen Anlegern durch die öffentliche Hand - zu Recht! Denn erst wurden die isländische Krone und einige der dortigen Banken von britischen (und US-amerikanischen) Hedgefonds mehr oder weniger "hingerichtet". Selbstredend nutzten diese letztlich nur die vorhergehenden Investmentfehler jener Banken aus. Island verstaatlichte daraufhin im Oktober 2008 die drei größten Banken des Landes. Dann erklärte der britische Premier Gordon Brown Island auch noch völlig unberechtigt für bankrott (denn betroffen waren ja nur jene Banken) und ließ die Guthaben eben jener Geldhäuser in Großbritannien auf Basis der Anti-Terror-Gesetze einfrieren. Seitdem übte die EU und allen voran Großbritannien massiven Druck auf Island aus, die Verluste der britischen Anleger zu ersetzen. An sich ein ungeheuerlicher Vorgang: ein anderer Staat wird gezwungen - ja geradezu erpresst - für die, in einem Privatsektor entstandenen Verluste einzustehen. Nun müssen die isländischen Bürger also die Schulden der Bankrott gegangenen Banken übernehmen und selbige bis zum Jahr 2024 tilgen. Hier wird eine ganze Generation finanziell versklavt und soll für die riskanten Investmentstrategien einzelner Unternehmen bzw. deren Investoren gerade stehen. Dass sich die Isländer dagegen wehren ist nur allzu verständlich - unverständlich bleibt, warum im Rest Europas (und den USA) diese Reaktion der Bevölkerung ausbleibt, denn auch hier steht am Ende der Bürger für die Verluste der Banken (und nicht nur der Banken) gerade.

M3 im Euroraum sinkt erstmalig
Erstmals seit Einführung des Euro sinkt die Geldmenge M3 in absoluten Beträgen (die Wachstumsrate von M3 sinkt dagegen bereits seit knapp 2 Jahren). Bedeutet dies nun, dass der Crack-up-Boom (CuB) abgeblasen wird und wir uns in einer deflationären Spirale befinden? Mitnichten! Da durch die Finanzkrise bereits etliche Banken vollständig oder zumindest teilweise unter staatliche Kuratel gestellt wurden, haben die Staaten die notwendigen Instrumente an der Hand, um die Kreditvergabe (und damit das Wachstum von M3) anzuschieben. Falls sanfte Ermahnungen nicht ausreichen sollten, wird dies notfalls eben auch per Dekret verordnet. Und wie Sie wissen: übermäßige staatliche Einflussnahme ist das wichtigste Kriterium für einen CuB.
DAX über 6.000
Kurzfristig kann es allerdings durchaus für den DAX bedeuten, dass an der psychologisch wichtigen Marke von 6.000 Punkten (oder etwas darüber) erst einmal Schluss ist. Denn nur allzu oft lassen sich die letzten Zauderer an solch markanten Punkten in den Markt locken. Waren sie am Tiefstpunkt März 2009 nur noch verzweifelt, standen viele Anleger den gesamten Anstieg 2009 über an der Seitenlinie (Sie erinnern sich? In der April-Ausgabe hatte Smart Investor den CuB ausgerufen). Nachdem auch noch die psychologisch wichtige Marke von 6.000 Punkten im DAX respektive 3.000 Punkten im EuroStoxx (zumindest kurzfristig) überschritten wurde, kommen die ewigen Zauderer unter psychologischen Druck, da sie ja den weiteren Anstieg nicht verpassen wollen. Die großen Akteure und Insider könnten hingegen schon wieder darüber nachdenken, die Position zumindest zu reduzieren und da kommen ihnen diese Nachzügler gerade recht. Wenn dann auch noch - wenigstens kurzfristig - die nötige Liquidität fehlt, dann könnte dem DAX erstmal der Sprit ausgehen. Aus dieser Perspektive scheint also ein Weiterlaufen der Rally für's erste alles andere als ausgemacht zu sein. Auch aus technischer Perspektive wäre ein Pullback hinunter auf ca. 5.800 Punkte durchaus gesund.

Chart
 
Wie in der Abbildung zum DAX zu erkennen ist, verläuft auch die jüngste Aufwärtsbewegung abermals in einer Art Zuspitzung. Zumal der Bereich von 6.000 bis 6.200 DAX Punkten eine wichtige Widerstandszone ist, wollen wir nach wie vor nicht ausschließen, dass unter kurzfristigen Gesichtspunkten hier einen Wende nach unten erfolgen könnte. Dafür spricht unter anderem auch das Investorensentiment, welches kurzfristig etwas heißgelaufen scheint. Langfristig gesehen bleiben wir jedoch wie gesagt im Bullenlager. Und auch das langfristige Sentiment ist, wie anhand der Jahresendprognosen der Banken zu sehen ist (s. aktuelles Heft S.47), keinesfalls als euphorisch zu bezeichnen. Kurzum auf Sicht der nächsten Wochen können wir uns immer noch Turbulenzen und seitwärts tendierende Börsen vorstellen. Für den Rest des Jahres sind wir im Rahmen unseres CuB Szenarios optimistisch gestimmt.

Was macht Gold?
Das gelbe Metall korrigiert aktuell und dürfte sich auch in nächster Zeit nicht zu neuen Höchstkursen aufschwingen (vgl. aktuelles Heft S.55ff), auch wenn der Boden bei 1.073 USD möglicherweise bereits gefunden wurde. Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Goldhausse vorbei ist. Vielmehr ist die aktuelle Schwäche des Goldes der aktuellen Stärke des Dollar geschuldet. In EUR gerechnet ist ja auch gar nicht so viel passiert. Die richtige Perspektive ist also eher, dass sich der USD gegenüber den meisten anderen Währungen (und dazu gehört ja auch Gold) im Augenblick erholt. Dies war von uns ja auch so erwartete worden und entsprechend hatten wir uns im Musterdepot positioniert.

Musterdepot
Unser Musterdepot hat im Jahre 2009 einen Zuwachs von etwas mehr als 30% erzielt. Dieser scheint vor dem Hintergrund eines DAX-Gewinns von ca. 24% nicht gerade spektakulär. Bedenkt man aber, dass wir unseren Zuwachs trotz einiger Sicherungsmaßnahmen erzielt haben, so ist unsere Performance doch erstaunlich. So waren wir über weite Strecken (wie zum Beispiel auch aktuell) nicht voll investiert und arbeiteten zudem teilweise mit Absicherungen mittels Derivaten.

Unser Short-Zertifikat auf den DAX (WKN: CG021U) notiert derzeit nur noch knapp oberhalb des vor Weihnachten angegebenen Stop-Loss-Kurses von 2,00 EUR. Wir können daher nicht ausschließen, dass es heute noch zum Ausstoppen kommt. Falls nicht, senken wir ab dem morgigen Mittwoch den Stop-Loss von 2,00 EUR auf 1,50 EUR. In jedem Falle muss man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass diese Sicherung demnächst ausgestoppt wird. Die sonstigen wichtigen Entwicklungen des Musterdepots entnehmen sie bitte der gleichnamigen Rubrik im Heft auf Seite 71.

Fazit
Der CuB ist weder abgesagt, noch wird er sich extrem verzögern. Die Entwicklungen an der Börse, das politische Geschehen und auch die Wirtschaftsdaten (die Teuerungsraten ziehen wieder an) zeigen, dass die Weichen voll auf CuB gestellt sind. Das heißt allerdings nicht, dass es kurzfristig nur einen Richtung - aufwärts - geben könnte. Wir stehen erst am Anfang des CuB und bevor er richtig ins Rollen kommt, kann es durchaus noch zu der einen oder anderen Verschnaufpause kommen. Unseren konkreten Ausblick auf die verschiedenen Märkte (Aktien mit extra Teil Emerging Markets, Zinsen, Euro/Dollar und Edelmetalle) finden Sie im aktuellen Heft 1/2010.



Die Smart Investor Redaktion wünscht allen Lesern ein gutes neues Jahr!

Ralf Flierl, Fabian Grummes
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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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