Warum westliche Arroganz in der Griechenlandkrise fehl am Platz ist
Der Westen reagierte auf die aktuelle Wirtschaftskrise ganz anders wie er es in der Vergangenheit Schwellenländern empfohlen hat. Die Diskussionen über die Rettung von Griechenland zeigen mir, dass er diesen Fehler wiederholen könnte.
Sollte die EU in der Griechenlandkrise den Maastricht-Vertrag brechen und Griechenland direkt helfen, so wird man sich nicht nur in der benachbarten Türkei darüber wundern, denn Schwellenländer haben mit Zahlungsbilanzkrisen ihre eigenen Erfahrungen und sie wissen, dass es für genau eine solche Krise einen mit genug Finanzmitteln ausgestatteten „Lender of Last Resort“ gibt: den Internationale Währungsfonds.
Strukturanpassungsprogramme – verhasste Medizin
Gerät ein Mitglied in Zahlungsschwierigkeiten, so ist der Internationale Währungsfonds dazu verpflichtet, ihm mit günstigen Rettungskrediten beizuspringen. Allerdings ist die Hilfe an streng überprüfte Konditionen verknüpft und diese sind verständlicherweise verhasst: Typische Elemente dieser „Strukturanpassungsprogramme“ sind starke Haushaltsdisziplin, Subventionsabbau, Deregulierung und die Privatisierung von Staatsbetrieben – eben all das, was die Griechen aktuell auf die Straße treibt.
Mit dieser seit der südamerikanischen Schuldenkrise der 90er Jahre gehäuft verordneten Medizin wurden schon einige Länder auf den Weg der Genesung gebracht. Aktuelle Beispiele sind neben der Türkei (Schulden nur noch ca. 50% des BIPs) insbesondere die asiatischen Tigerstaaten. So war Indonesien im Jahr 1998 noch der am stärksten von der Asienkrise betroffene Staat und hat dieser „KrisenbewälTigerStaat“ seine Staatsverschuldung in den vergangenen 10 Jahren von fast 100% des BIPs auf unter 30% (aktuelle S&P Schätzung) gesenkt!
Unverständliche westliche Arroganz!
Wenn man in der Presse im Zusammenhang mit möglicher IWF-Hilfe für Griechenland von einer „Blamage“ für die EU spricht, dann spielt das auf ein meist nicht laut ausgesprochenes aber unterschwellig durchaus verbreitetes Argument an, dass man dadurch ein EU-Land auf die Stufe mit einem „Entwicklungsland“ stellen würde. Durch die Assoziation mit einer „Bananenrepublik“ würde man also den Märkten ein negatives Signal setzten.
Diese Arroganz kann nur nach hinten losgehen, denn mal abgesehen davon, dass ich noch keine englische Banane gegessen habe (Großbritannien musste im Zuge der Sterlingkrise von 1976 IWF-Hilfe in Anspruch nehmen) reflektiert ein so selbstherrliches Bild die heutigen Verhältnisse nicht.
Längst sind die Schwellenländer und nicht die Industrieländer zum Vorbild für orthodoxe Wirtschaftspolitik geworden!
So nahmen die Schwellenländer die zahlreichen Finanzkrisen der 90er Jahre nicht zuletzt wegen der strengen und umstrittenen IWF-Konditionen zum Anlass das Staatsbudget durch radikale Fiskaldisziplin neu zu tarieren und sie erhöhten zum Zwecke der Inflationsbekämpfung die Leitzinsen deutlich. Zudem wurden neben radikalen Subventionskürzungen auch Privatisierungen gegen den Protest auf der Straße durchgesetzt.
Nahezu alles wurde dem Zweck der Schuldenreduktion untergeordnet und dies kostete nicht nur einer Regierung die Macht (aktuelle Beispiele: Lettland und Ukraine). Das Ergebnis lässt sich aber sehen: Heute haben die Industrieländer im Durchschnitt ein mehr als doppelt so hohes Verhältnis von Staatsschulden zum BIP wie die „Entwicklungsländer“!
Der Westen macht all das, wovor er die Entwicklungsländer immer warnte
Dass für den Westen andere wirtschaftspolitische Regeln gelten wie für „arme Staaten“ konnte man übrigens selten so gut beobachten wie in den vergangenen 2 Jahren. So reagierten die EU und die USA auf die Finanzkrise in völlig gegenteiliger Manier wie sie es den Schwellenländern in einer ähnlichen Situation stets empfahlen: Man entwarf gigantische Konjunkturprogramme, senkte die Leitzinsen auf historisch noch nie erlebte Niveaus, verstaatlichte Banken, griff maroden Konzernen mit unzähligen Förderprogrammen unter die Arme und man lässt zu, dass die Staatsschulden explodieren.
Wenn die EU nun auch noch einem Staat in den eigenen Reihen den Gang zum IWF erspart, obwohl dieser Staat mit einer Verschuldung in Höhe von 125% des BIPs nahezu alle ehemaligen IWF-Klienten in den Schatten stellt, dann setzt er damit den Märkten kein beruhigendes sondern erst recht ein negatives Signal. Nur eine konsequente Orientierung an den erfolgreichen Sanierungskonzepten der Schwellenländer kann jetzt das Vertrauen in südeuropäische Staatsanleihen wieder herstellen und als Garant hierfür gibt es nur eine Institution: den IWF.
Mein Fazit: Dass die Emerging Markets für Anleger ihren Schrecken verloren haben ist an den Märkten längst zu erkennen. Trotz der Griechenlandkrise liegt laut dem J.P. Morgan Emerging Market Bond Index(EMBI) der Aufschlag für Emerging Markets Anleihen nahe dem bisherigen Allzeittief. Verfestigt sich das Bild, dass sich der Westen wirtschaftspolitisch für unfehlbar hält, so würde es mich nicht wundern, wenn bald statt von einem Zinsaufschlag für Emerging Markets Anleihen von einem typischen Zinsaufschlag westlicher Staatsanleihen gegenüber Asiens „Vorbildern“ spricht. Die Schwellenländer und nicht die Industrieländer betreiben heute nachhaltige Wirtschaftspolitik!
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