Einfach so passiert



08:47 12.03.10

Die Finanzkrise scheint sich nun langsam dem Ende zu nähern. Das jedenfalls ist mein Eindruck. Der wird auch bestätigt von den verschiedenen weltweiten Nachrichten, die ich täglich auf den Schreibtisch bzw. besser auf den Bildschirm bekomme. Wenngleich noch genug Hürden da sind, die genommen werden müssen. Insbesondere von den Banken, bei denen es immer noch aus den Kellern heraus stinkt. Das nun aber selbst die Japaner den Optimismus wieder entdeckt haben, die es in der Vergangenheit wirklich nicht leicht hatten, muss aufhorchen lassen.

Und so mag mancher stark daran interessiert sein, mehr nach vorn als zurück zu schauen. Auch weil so manch einer nicht als Teilnehmer des Wagenrennens auf die Klippe, der dem James Dean Klassiker „Denn Sie wissen nicht was sie tun“ nicht unähnlich ist, entlarvt werden möchte.

Hier in Deutschland ist das ganz einfach. Hier macht so einer im Ernstfall den vorher auf Kosten der Aktionäre prall gefüllten Geldbeutel auf und kauft sich von der deutschen Justiz frei. Denn hierzulande werden noch immer die Kleinen gehängt, wo sich unsere Gerichte und Behörden förmlich austoben. Das macht sich schließlich auch besser, wenn man karrieregeil ist und den Weg nach oben im Visier hat.

In den USA ist das ein klein Wenig anders. Da müssen sich auch sehr Mächtige Leute dem Souverän stellen. Möglicherweise erinnern Sie sich an die Enron Pleite und den Vorstandsvorsitzenden, der hinter Gitter kam. Auch, dass diese Pleite der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Arthur Anderson ihren Kopf gekostet hat. Undenkbar in Deutschland.

Oder denken Sie an die Vorstände der US-Autoindustrie. Hierzulande würde man diesen Herren den roten Teppich ausrollen. In den USA mussten sie sich vor laufenden Kameras peinliche Fragen der Volksvertreter gefallen lassen. Ob das nicht mehr mit Demokratie zu tun hat, als das was wir hier zum Besten geben?

Egal. Jedenfalls wird derzeit die Lehmann Pleite juristisch aufgearbeitet. Satte 30 Mio. Dollar hat das bisher gekostet. Aber auch Ergebnisse gebracht. Und gleich vorweg. Der ehemalige CEO Richard Fuld und die Wirtschaftsprüfer Ernst & Young werden schwer belastet.

Lehman‘s Vorstände haben einem tausende von Seiten langen Bericht zufolge die Bilanz gefälscht, dem Aufsichtsrat wichtige Informationen vorenthalten und wissentlich die Preise von toxischen Immobilien-Wertpapieren zu hoch angesetzt (inflated the value of toxic real estate assets). Dabei wurde das Risikokontrollsystem bewusst außer Acht gelassen. Auch als der Markt schon Schwächeanzeichen aufwies  Und den Investoren ein falsches Bild vorgespielt. Zudem wurden 50 Mrd. Dollar unter dem Kürzel Repo 105 fernab der Bilanz verwendet und so weniger Schulden vorgegaukelt. Wovon CEO Fuld nichts gewusst haben will :-(

Auch den Wirtschaftsprüfern Ernst & Young werden schwere Vorwürfe gemacht. So soll sogar eine Meldung eines Senior Vizepräsidenten von Lehman, der Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung feststellte, von Ernst & Young nicht weiter verfolgt worden sein. Sollte das wahr sein, hätten diese Wirtschaftsprüfer mit gekungelt, schwere Schuld auf sich geladen und ein ernstes Problem.



Dazu muss man wissen, dass die Oligopolisten Ernst & Young und PriceWaterhouseCoopers zusammen hier in Deutschland quasi sämtliche großen deutschen (Landes-) Banken prüften und prüfen. Und sich auch hier die Frage stellt – z.B. bei den Landesbanken – ob die Wirtschaftsprüfer wirklich so blind waren, das nicht zu sehen, was sich da zusammenbraute? Wobei die Jungs ziemlich kompetent sind und man sich schwer vorstellen kann, dass etwas übersehen wurde.

Wenn sich bei Lehman von Dezember 2006 zu Dezember 2007 die Risikopositionen verdreifacht haben, so kann das wohl einem Wirtschaftsprüfer nicht entgangen sein, oder? Auch, wenn man das Risiko als der Markt bereits am Brechen war, statt zu reduzieren noch erhöhte?

Und auch wenn uns manche glauben machen wollen, dass da eine Blase geplatzt wäre und es „einfach so passiert“ wäre.

Ich bin da entschieden anderer Meinung. Hier haben viele mitgewirkt, viele zugesehen und keiner rechtzeitig gewarnt oder verantwortungsvoll gehandelt. Ein schlechtes Zeugnis, dass den Akteuren derzeit nach den Ermittlungen der US Staatsanwaltschaft von Manhattan und Brooklyn ausgestellt wird.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke

Globalyze - weil nichts "einfach so passiert"

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Über den Autor
 
Autor: Norbert Lohrke Norbert Lohrke,
Globalyze Invest AG

Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“

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