Von fleißigen Deutschen - und verdrehten Wahrheiten



21:02 16.03.10

Smart Investor Weekly 11/2010
Von fleißigen Deutschen – und verdrehten Wahrheiten

Am Montag beklagte sich die französische Finanzministerin Christine Lagarde über die wirtschaftlichen Tangoqualitäten der Deutschen. Nicht dass diese so schlecht seien und der französischen Marianne nun ob der Plumpheit des deutschen Michels die Füße schmerzten. Nein, ganz im Gegenteil: Die Deutschen - man mag es kaum glauben - wirbeln derart leichtfüßig und elegant über das Parkett, dass den Franzosen (und den anderen Süd- und Westeuropäern) ganz schwindlig wird.

Deutschland ist zu wettbewerbsfähig
Um das ganze etwas konkreter zu formulieren: Frankreichs Schatzmeisterin beschwerte sich (und erhielt darin große Zustimmung beispielsweise aus Großbritannien) die Deutschen seien zu produktiv, da die Löhne zu niedrig sind. Und noch fataler: als Folge der niedrigen Löhne würde in Deutschland zu wenig konsumiert, weshalb den europäischen Nachbarn die Exportmöglichkeiten fehlten.

"Gerne", möchte man Madame Lagarde zurufen, "nur allzu gerne würde der deutsche Michel konsumieren!" Nur was? stellt sich die Frage?Mehr französische Gänsestopfleber? Gepantschtes italienisches Olivenöl? Jamón Ibérico? Vielleicht sollten die Deutschen ja auch einfach die ruhmreiche Idee des britischen Wirtschaftswachstums importieren: Die Dienstleistungsgesellschaft, in der man sich gegenseitig die Haare schneidet, Kaffee einschenkt und nebenbei noch ein Schneeballsystem namens Finanzblasenwirtschaft betreibt. So in der Art möchte man im ersten Affekt erzürnt ausrufen. Allerdings würden wir dabei vergessen, dass so eine Reaktion keinesfalls aus der Matrix, also der Welt der medialen Fremdkontrolle (vgl. Heft 2/2010), hinausführt. Wir sollten uns daher tunlichst davor hüten, in dieses Spiel mit einzusteigen. Denn das Formulieren oberflächlicher Wahrheiten à la die Griechen "verfrühstücken" unseren Wohlstand führt uns nicht aus dem Denken der Matrix, sondern zieht uns im Gegenteil noch tiefer in sie hinein.

Umkehrung des Denkens
Treten wir also mal kurz einen Schritt zurück. Eigentlich dürften die Forderungen der Französin nicht überraschen - zumindest in einer Welt, in der man glaubt, Wirtschaftswachstum und Wohlstand mittels Kredit erzeugen zu können. In einer Welt, in der der Faule belohnt wird und der Fleißig bestraft, in der sich Arbeit nicht lohnt und in der die Freiheit für eine vermeintliche Sicherheit bereitwillig geopfert wird, kurz in einer Welt in der sämtliche Anreizsysteme falsch herum aufgesetzt sind. In einer solchen Welt muss sich geradezu zwangsläufig der Orwellsche Neusprech und -denk durchsetzen. Dies bedeutet dann nicht nur eine Umkehrung der Anreize, sondern letztendlich eine Verkehrung der Wahrheit insgesamt. Dass eine solche Welt nichts mit dem Ideal der Österreichischen Schule zu tun hat, sollte jedem bewusst sein und dass eine solche Welt nicht dauerhaft Bestand haben kann ebenfalls.

Eines ist allerdings an den Gedanken der französischen Finanzministerin bestechend: für die letzte Stufe des Crack-up-Booms (CuB) muss das Geld in der Tat direkt zu den Menschen gepumpt werden - am Ende einer hyperinflationären Entwicklung werden die Löhne nominal rasant steigen. Auch wenn wir soweit noch lange nicht sind, an den Äußerungen von Christine Lagarde lassen sich möglicherweise erste Weichenstellungen hierauf erkennen.
Und damit zu den Märkten.

Die Börsen
Eigentlich möchte man meinen, dass angesichts all des Wahn- und Irrsinns, der sich derzeit in der Politik abspielt (siehe oben) die Aktienbörsen verunsichert zeigen sollten. Aber bisher weit gefehlt. Sie zeigen sich robust, und die Anlegergemeinde sieht mit staunenden Augen zu. Wie gesagt: vieles, um nicht zu sagen: fast alles, spricht dafür, dass die Aktienmärkte nun wieder einmal den Rückwärtsgang einlegen. Charttechnisch gesehen kam es beispielsweise beim DAX am vergangenen Freitag zu einem "Shooting Star" oder auch neudeutsch zu einem "Intraday Reversal" (aber auch andere Märkte so wie Einzeltitel prägten dieses Signal aus). Solche Formationen deuten in der Regel auf einen gewissen Erschöpfungszustand des jeweiligen Marktes hin.

Chart Aber um es gleich deutlich zu sagen: Mag sein, dass die Börsen demnächst eine mehr oder wenig kleine Verschnaufpause einlegen werden. Auf Sicht der kommenden Wochen und Monate sind wir recht überzeugt von der Fortsetzung des Bullenmarktes (bzw. des CuB: www.smartinvestor.de/pdf/Smart-Investor-4-2009-S-44-49.pdf). Ein solcher ist nur als das Spiegelbild eines explodierenden Finanzsystems zu sehen - und nichts anderes passiert ja derzeit. Dass es dabei zu immer krasseren Szenen kommen wird und muss, liegt dabei nur zu deutlich auf der Hand. So sind protektionistische Entwicklungen praktisch schon vorprogrammiert, wie der oben beschriebene Streit zwischen Deutschland und Frankreich ganz aktuell verdeutlicht. Protektionismus aber bedeutet Inflation, was wiederum unsere CuB-These stützt. Wir können es also drehen und wenden wie wir wollen. Es läuft auf eine inflationäre, später dann hyperinflationäre Endphase unseres Finanzsystems hinaus.
Musterdepot
In der letzten Woche haben wir unser Short-Zertifikat auf den DAX glattgestellt und im Gegenzug für rund 2% unseres Depotvolumens einen lang laufenden Optionsschein auf die Aktie des US-Internet-Kaufhauses Amazon erworben.

Die Fielmann-Aktie ist heute knapp an unserem Limit vorbeigeschrammt. Wir lassen es weiter bestehen. Zudem setzen wir noch ein Limit für die Aktie von Phoenix Solar (siehe unten), einen alten Bekannten in unserem Depot. Nach den Hiobsbotschaften der letzten Wochen für die Solarindustrie (überraschende Verringerung der Einspeisevergütung) gehen wir davon aus, dass in diesem Sektor nun ein Großteil der Bad News in den Kursen enthalten ist. Phoenix dürfte einer der solidesten Titel in diesem Sektor sein. Bei Indofood und CTS setzen wir das Limit jeweils etwas nach oben. Die Prozentzahlen in Klammern hinter den Orders zeigen den Depotanteil an, der sich für den Fall des Kaufs aufgrund der angegebenen Daten momentan ergeben würde.



Kauflimit für 40.000 Stück Indofood (WKN: 891724) bei nun 0,27 EUR (ca. 3%)
Kauflimit für 250 Stück Fielmann (WKN: 577220) bei 59,60 EUR (ca. 4%)
Kauflimit für 400 Stück CTS Eventim (WKN: 547030) bei 33,60 EUR (ca. 3,5%)
Kauflimit für 300 Stück Phoenix Solar (WKN: A0BVU9) bei 29,70 EUR (ca. 3%)

Veranstaltungshinweise
Am kommenden Samstag, den 20. März findet die Frühjahrkonferenz des Vereins Technischer Analysten Deutschlands statt (VTAD) in Frankfurt statt, Infos unter:www.vtad.de/node/893
Am 27. März spricht Chefredakteur Ralf Flierl auf dem Wochenendseminar "Erfolgreich durch die Wirtschaftskrise" in Fulda über den CuB und welche Chance und Risiken sich damit bieten. Weitere Informationen hierzu finden Sie auf der Seite www.dolphin-economics.de.
Fazit
Stellen Sie sich also darauf ein, dass die internationale politische Diskussion immer schärfer, aggressiver, aber auch abstruser werden dürfte. An der langfristigen Entwicklung der Märkte wird dies jedoch wenig ändern.

Ralf Flierl, Fabian Grummes
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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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