Wer bald sein 130-jähriges Jubiläum feiern kann, darf zu Recht eine
„alte Dame“ genannt werden. Und wie das bei alten Damen nun mal so der
Fall ist, bestechen sie weniger durch ihr Äußeres als durch ihre
inneren Werte. Die man nicht immer auf den ersten Blick erkennt.
Die sieht aber offenbar ein 49 Jahre alter Sohn einer der bedeutendsten
Kunstsammler des 20. Jahrhunderts welcher 1936 vor den Nazis aus
Deutschland geflohen ist. Und zwar in dem Warenhauskonzern Karstadt.
Und während der Vater der Kunst fröhnte, ist der Sohn mit seinem laut
Forbes auf 1,8 Mrd. Dollar bezifferten Vermögen nicht nur weltweit
dauernd unterwegs, sondern betreibt auch eine recht erfolgreiche
Investmentgesellschaft. Die Berggruen Holdings Ltd. Und so darf man
sehr gespannt sein, was Herr Heinz Berggruehn mit der in die Jahre
gekommenen Old Lady vorhat.
Die erblickte nämlich am 14. Mai 1881 das Licht der Welt. Rudolph
Karstadt gründete damals in Wismar sein erstes Geschäft unter dem Namen
„Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft Karstadt“. Schon wenige
Jahre später folgten Lübeck, Neumünster, Braunschweig, Kiel, Mölln und
Eutin. Und so ging es rasch weiter. 1919 wurde die Herrenkleiderfabrik
in Stettin übernommen und 1920 das Unternehmen in eine
Aktiengesellschaft umgewandelt. 1931 zählte der Konzern bereits 89
Filialen. 1932 schied Karstadt wohl nicht ganz freiwillig aus dem
Unternehmen aus. Der Weltwirtschaftskrise bedingte Absatzrückgang ging
dem Abschied voraus. Es folgte die Ächtung unter der Nazizeit, weil der
Konzern als „jüdische Erfindung“ galt. Und schließlich folgten dem
Untergang des Unrechtsregimes Enteignungen im Osten. Im Westen waren 30
der 45 verbliebenen Standorte weitestgehend zerstört.
Das deutsche Wirtschaftswunder brachte aber wieder Leben in die Bude.
Es folgte die Übernahme der Grimme Warenhäuser und die
Mehrheitsbeteiligung an der Neckermann Versand AG., die 1984 komplett
übernommen wurde. In den 1980-ern war Karstadt mit 10,6 Mrd. Deutsche
Mark Umsatz das größte Handelsunternehmen der Republik. Nach der
Wiedervereinigung wurden die Hertie Kaufhäuser übernommen. 1999
fusionierte die Karstadt AG und das Versandhaus Quelle zur
KarstadtQuelle AG.
Dann in 2004 wurde bekannt, dass sich das Unternehmen in großen
finanziellen Schwierigkeiten befindet. Kritiker meinten nicht zu
Unrecht, dass die Einrichtung zu altmodisch, das Programm nicht
kundengerecht und das Gemischtwarenformat nicht mehr zeitgemäß sein.
Und so mussten in 2005 bereits 74 Filialen und 51 Sinn-Leffers
Modehäuser geschlossen werden. Die Fachhandelskette Runners Point wurde
verkauft.
Bereits im Juni 2004 wurde schließlich der bei Bertelsmann offenbar
nicht mehr geschätzte Thomas Middelhoff Aufsichtsratschef und im Mai
2005 Vorstandsvorsitzender. Das Unternehmen wurde von ihm in Arcandor
umbenannt und die drei Kernbereiche Warenhaus (Karstadt), Versandhandel
(Primondo) und Touristik (Thomas Cook) aufgeteilt.
2006 wurden die nach der Entschädigung der Wertheim Erben verbliebenen
Immobilien, also das noch vorhandene Tafelsilber, zu 51 % an ein
Konsortium von Goldman Sachs und zu 49 % an ein Konsortium der auch die
Deutsche Bank und Pirelli angehörten verkauft. Pikant an der Geschichte
war, dass Middelhoff auf beiden Seiten auftrat. Seit 2007 ist die
Highstreet Immobiliengesellschaft, die auch mitgeboten hat, Eigentümer
der Karstadt Immobilien. 2007 verschenkte man 51 % von Neckermann. Am
1. März wurde Middelhoff von dem noch unglück (?!?)licher agierenden
Telekom Finanzchef Eick abgelöst, der allein wegen seiner guten
Beziehungen in die Politik geholt wurde und Steuergelder an Land ziehen
sollte. Den Rest der Geschichte brauche ich nicht zu erläutern. Den
kennen wir alle.
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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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