Die alte Dame



09:27 08.06.10

Wer bald sein 130-jähriges Jubiläum feiern kann, darf zu Recht eine „alte Dame“ genannt werden. Und wie das bei alten Damen nun mal so der Fall ist, bestechen sie weniger durch ihr Äußeres als durch ihre inneren Werte. Die man nicht immer auf den ersten Blick erkennt.

Die sieht aber offenbar ein 49 Jahre alter Sohn einer der bedeutendsten Kunstsammler des 20. Jahrhunderts welcher 1936 vor den Nazis aus Deutschland geflohen ist. Und zwar in dem Warenhauskonzern Karstadt. Und während der Vater der Kunst fröhnte, ist der Sohn mit seinem laut Forbes auf 1,8 Mrd. Dollar bezifferten Vermögen nicht nur weltweit dauernd unterwegs, sondern betreibt auch eine recht erfolgreiche Investmentgesellschaft. Die Berggruen Holdings Ltd. Und so darf man sehr gespannt sein, was Herr Heinz Berggruehn mit der in die Jahre gekommenen Old Lady vorhat.

Die erblickte nämlich am 14. Mai 1881 das Licht der Welt. Rudolph Karstadt gründete damals in Wismar sein erstes Geschäft unter dem Namen „Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft Karstadt“. Schon wenige Jahre später folgten Lübeck, Neumünster, Braunschweig, Kiel, Mölln und Eutin. Und so ging es rasch weiter. 1919 wurde die Herrenkleiderfabrik in Stettin übernommen und 1920 das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1931 zählte der Konzern bereits 89 Filialen. 1932 schied Karstadt wohl nicht ganz freiwillig aus dem Unternehmen aus. Der Weltwirtschaftskrise bedingte Absatzrückgang ging dem Abschied voraus. Es folgte die Ächtung unter der Nazizeit, weil der Konzern als „jüdische Erfindung“ galt. Und schließlich folgten dem Untergang des Unrechtsregimes Enteignungen im Osten. Im Westen waren 30 der 45 verbliebenen Standorte weitestgehend zerstört.

Das deutsche Wirtschaftswunder brachte aber wieder Leben in die Bude. Es folgte die Übernahme der Grimme Warenhäuser und die Mehrheitsbeteiligung an der Neckermann Versand AG., die 1984 komplett übernommen wurde. In den 1980-ern war Karstadt mit 10,6 Mrd. Deutsche Mark Umsatz das größte Handelsunternehmen der Republik. Nach der Wiedervereinigung wurden die Hertie Kaufhäuser übernommen. 1999 fusionierte die Karstadt AG und das Versandhaus Quelle zur KarstadtQuelle AG.

Dann in 2004 wurde bekannt, dass sich das Unternehmen in großen finanziellen Schwierigkeiten befindet. Kritiker meinten nicht zu Unrecht, dass die Einrichtung zu altmodisch, das Programm nicht kundengerecht und das Gemischtwarenformat nicht mehr zeitgemäß sein. Und so mussten in 2005 bereits 74 Filialen und 51 Sinn-Leffers Modehäuser geschlossen werden. Die Fachhandelskette Runners Point wurde verkauft.

Bereits im Juni 2004 wurde schließlich der bei Bertelsmann offenbar nicht mehr geschätzte Thomas Middelhoff Aufsichtsratschef und im Mai 2005 Vorstandsvorsitzender. Das Unternehmen wurde von ihm in Arcandor umbenannt und die drei Kernbereiche Warenhaus (Karstadt), Versandhandel (Primondo) und Touristik (Thomas Cook) aufgeteilt.

2006 wurden die nach der Entschädigung der Wertheim Erben verbliebenen Immobilien, also das noch vorhandene Tafelsilber, zu 51 % an ein Konsortium von Goldman Sachs und zu 49 % an ein Konsortium der auch die Deutsche Bank und Pirelli angehörten verkauft. Pikant an der Geschichte war, dass Middelhoff auf beiden Seiten auftrat. Seit 2007 ist die Highstreet Immobiliengesellschaft, die auch mitgeboten hat, Eigentümer der Karstadt Immobilien. 2007 verschenkte man 51 % von Neckermann. Am 1. März wurde Middelhoff von dem noch unglück (?!?)licher agierenden Telekom Finanzchef Eick abgelöst, der allein wegen seiner guten Beziehungen in die Politik geholt wurde und Steuergelder an Land ziehen sollte. Den Rest der Geschichte brauche ich nicht zu erläutern. Den kennen wir alle.



Und so ist die Story schon recht beeindruckend und eng mit der deutschen Geschichte verbunden. Und so sind es möglicherweise mehr als nur geschäftliche Interessen, die Heinz Berggruen antreiben. Was für Karstadt ein Gewinn ohne Gleichen wäre. Das sahen wohl auch die Vertreter am anderen Ende des Tisches so. Und so wurde Berggruen sehr schnell zum Favoriten der Gewerkschaften gekürt.

Ob der weiter der Liebling der Gewerkschaften sein wird, bleibt abzuwarten. Denn wenn Berggruen es ernst meint – und da bin ich mir sicher – dann bleibt beim Traditionsunternehmen kein Stein - sorry Steine gibt es ja nicht mehr – kein Regal an dem anderen. Und so wird sich noch mancher umschauen. Nur ein Facelifting wird nämlich nicht reichen. Eine Grundsanierung ist wohl notwendig.

So darf man gespannt sein, wie unsere alte Dame in sagen wir 5 Jahren ausschauen wird. Ich gehe stark davon aus, dass wir sie kaum wieder erkennen werden. Was dieses deutsche Urgewächs auch verdient hätte. Und so sehr ich den Einstieg des neuen Investors begrüße, so bedauere ich doch, dass sich hierzulande niemand fand, der sich diese Aufgabe zutraute.

Dennoch wünsche ich Herrn Berggruen ein glückliches Händchen. Die alte Dame hätte es – nach allem was sie durchgemacht hat – verdient.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke

Globalyze - heute mit ein wenig Wehmut.
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Über den Autor
 
Autor: Norbert Lohrke Norbert Lohrke,
Globalyze Invest AG

Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“

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