Berufshändler Michael Voigt im Interview
Q: Erzaehlen Sie uns ein bisschen ueber sich und Ihren Weg zum
Trading allgemein: Was hat Sie zum Trading geführt?
Ich trade seit 1991 aktiv. Die Motivation ergab sich aus familiären
Gegebenheiten, da dort umfangreiche Kontakte zu Handelsbüros vorhanden
waren. Ohne diese Kontakte und die mit dem ersten Tag beginnende
umfangreiche Einführung wäre das Thema »Börsenhandel« niemals zu einer
Profession geworden.
Ich bin einem Handelsgruppe als Berufshändler angeschlossen. Hierbei
handelt es sich nicht um eine klassische Vermögensverwaltung Geld
rein, Geld raus , sondern um seit Jahrzehnten feststehende
Handelsmandate.
Q: Wie sieht ein typischer Trading Tag bei Ihnen aus?
Um das zu beantworten, stellt sich kurz die Frage, was es eigentlich
heißt, zu spekulieren. Spekulieren entstammt dem lateinischen speculari
und bedeutet beobachten. Und genau DAS ist es doch, worum es sich im
Trading eigentlich dreht: SUCHEN, nicht etwa INTERPRETIEREN! Das ist
mein Job. Nichts anderes. »Suchen« steht bei mir im »Arbeitsvertrag«,
nicht etwa »den aktuellen Markt permanent beobachten«.
Dies müsste eigentlich auf jeder ersten Seite einer Kontoeröffnung,
jedem Buch und Seminar zu diesem Thema als Kernaussage formuliert
werden. Denn keinem Händler der Welt, der wirklich Geld verdient,
gelingt dies durch permanentes Betrachten und gleichzeitiges
Interpretieren eines Livemarktes. Sobald man anfängt zu interpretieren,
hat man auf lange Sicht schon verloren. Interpretieren ist der Griff
nach dem jenseits eines super Setups liegenden Trugbildes und dem
kindlichen Wunschnach mehr Taschengeld Diese Aussage gilt natürlich nur
für einen Tradinganfänger, der einem Schützen gleich sinnlos in der
Gegend rumballert.
Ziel eines Händlers muss es sein, ein Scharfschütze zu werden, der sich
von den vielen potenziellen Zielen neben seinem eigentlichen Ziel nicht
ablenken lässt und zusätzlich von vielen Hochsitzen aus verschiedene
Beute ins Visier nimmt, aber immer erst dann schießt, wenn klar ist,
dass er freies Schussfeld hat und deshalb die Chance auf einen Treffer
sehr hoch ist. Er verschwendet keine Munition und vor allem nicht seine
Energie; er haushaltet ebenfalls sehr sparsam mit seinen Emotionen.
Leider starren zu viele Trader einst auch ich den ganzen Tag einen
Markt an, interpretieren jeden zappelnden Candle oder Bar, sehen es als
ihre Aufgabe, dessen Schlusskurs und jeglichen noch so kleinen
Kursrutsch vorwegzunehmen, bomben alles mit sinnlosen Trades zu und
stören einzig und allein den Marktverlauf. J Zu viele Trader sitzen mit
geröteten Augen und leichenblass vor den flimmernden Charts und fragen
sich leider nicht oder nicht mehr: »Was bin ich mir wert? Will ich mit
erstklassigen, zweitklassigen oder drittklassigen Trades den Tag
verbringen?« Aber wenn wir ehrlich sind, sieht es doch so aus, dass
solche Trader einfach faul sind.
Q: Was genau traden Sie (Instrumente, Märkte):
So etwas wie »Lieblingsmärkte« sind tabu, es gibt nur Lieblingssetups.
Sicherlich muss man in jeden Markt einige Details beachten, aber im
Großen und Ganzen ist es für mich unerheblich, welcher Wert sich hinter
dem Kürzel oben links im Chart verbirgt. Ob Aktien, Rohstoffe-,
Devisen- oder Indexfuture egal. Was zählt, ist einzig und allein der
Chart, und dieser muss mir in seinen Konstellationen die Möglichkeit
geben, folgende Frage zu beantworten: »Gibt es nach meinem Einstieg
einen nahe liegenden Punkt im Chart, an dem andere Marktteilnehmer
Positionen zum einen neu eröffnen und zum anderen ausgestoppt werden
und zusätzlich bereit sind, ihre Positionen zu drehen?
Kurzum: Die Märkte werden ausschließlich aus den Handelsregeln der
Markttechnik ab- und hergeleitet. Es werden lediglich jene Trades
eingegangen, bei welchen ein markttechnisch hergeleiteter Trend, eine
Bewegung oder ein Ausbruch nach Positionseröffnung zu erwarten ist.
Q: Beschreiben Sie Ihren "Stil
Ich handel ausschließlich jene Märkte bzw. Charts, in denen ich mir
aktuelle einen durch das markttechnisch orientierte Trading definierten
Dominoeffekt zunutze machen kann. Das heißt, ich halte nach solchen
Situationen Ausschau, in denen ein untergeordneter Trend in einen
übergeordneten Trend hineinläuft., also jene Marktsituationen, bei
denen die entstehende Bewegung am Durchbruch durch das erste, also das
kleinere 1-2-3 den Markt durch das größere, das zweite 1-2-3 schieben
könnte. Die dort liegenden Orders geben dem Trade einen weiteren, also
zusätzlichen Bewegungsschub. Je nachdem, wie weit der größere Punkt 2
in einer relativen Nähe zum ersten Punkt 2 liegt, wird dann nach Trend-
oder Bewegungshandel unterschieden. Je nach betrachteter Trendgröße ist
es sinnvoll, wenn der Abstand zwischen den beiden Punkten nicht eine
allzu große Bewegung erfordert. Dies sagt aus, dass dieser Abstand
nicht mehr als die aktuellen vorhandenen Kursbewegungen, mithin die
aktuelle Volatilität, übersteigen dürfte. Sollte der größere Punkt 2 zu
weit entfernt liegen, ist die Gefahr gegeben, dass der Markt diesen
Punkt nicht innerhalb dieser Bewegung oder eines einzigen sauberen
Trendverlaufs erreicht. Es wird im Vorfeld eine Korrektur bzw. ein
kurzzeitig gegenläufiger Trend erfolgen.
Indikatoren werden hierzu zum Einstieg keine benutzt; das ganze Thema
erschließt sich einzig und allein auf dem Gebiet der Markttechnik. Bei
dem Ausstieg mitunter werden sie genutzt; dort aber nur an den
Stellen, an denen der Rechner die Stopps führt, und da wiederrum nur in
gewissen Situationen. Hier werden dann aber dennoch die Grundlagen der
Markttechnik angewandt und nur behelfsweise mittels mathematischer
Ableitung, denn nichts anderes sind ja Indikatoren, an den Rechner
übergeben.
(Details nachlesbar in meinen Buch: Großes Buch der Markttechnik und in
der Buchserie DER HÄNDLER Band 2)
Q: Welche Meinung haben Sie gegenueber Technischer Analyse vs.
Fundamentaldaten-Trading?
Nun, auch dieser Ansatz hat seine vollste Daseinsberechtigung und steht
zu keinen direkten Widerspruch zur Technischen Analyse, denn es ist
wohl klar, dass wenn jemand sein Geld übr einen längeren Zeitraum von
Jahren in den Märkten investieren will, dieser sich nicht von einen
»Huch-da- ist-eine-Trendlinie-im Tick-Chart« oder »Huii-da-ist
ein-toller-Umkehrstab-im -10-Minuten-Chart« überzeugen lässt er
bracuht andere Argumente, welche sich nicht mittels der Technischen
Analyse herausfinden lassen.
Bei dieser Frage darf man ja auch nicht die Ansätze von den
Arbitrageuren und Marktteilnehmer die Hedging betreiben vergessen. Alle
vier Teilnehmer: Hedging, Arbitrage, Spekulanten (Technische Analyse)
und Strategische Investments (Fundamentalanalyse) bedingen einander, da
alle im selben Orderbuch auftauchen und einer ohne den Anderen kein
Auskommen hat.
Q: Was halten Sie von Hebelprodulten im speziellen CFDs? Welche
Vorteile bieten Ihnen Hebelprodukte in Ihrem Handelsstil?
Um beim Börsenhandel eine Bargeldreserve und trotzdem dem bei uns
angewandten diversifikativen Trading, und daher allen verfügbaren
Signalen (bis 200 Positionen zeitgleich) mit unreduzierten
Investitionsbeträgen begegnen zu können, wird beim Trading bei uns gern
der »Kunstgriff«, eine Art Parallelaktion, angewandt: Wenn nämlich
mittels Margin kreditierte Positionen nicht, wie in der Werbung
beschrieben, zur Ausnutzung großer Positionen auf kleinen Konten,
sondern zum Handel vieler Positionen mit reduzierten
Investitionsbeträgen genutzt würden Holla! , so wäre das Problem
beseitigt.
Möglichkeiten hierzu liegen zum einen in dem mit Margin besicherten
Kassakauf, im Handel mit Optionen auf Einzelwerte oder in der
Verlagerung des Kassakaufs auf den Parallelmarkt des CFD-Produktes.
Gern erinnere mich vieler Einwände, in denen CFD-Broker häufig, trotz
des hohen Zuspruchs durch Kunden aller Art, beinahe als Geldschneider
beschrieben werden, etwas, ähnlich wie mit Radioaktivität dem man
sich mit Vorsicht und Schutz nähern sollte. Nun haben diese Einwände
sicherlich bis zu einer gewissen Stelle ihre Berechtigung, gleichwohl
liegt im und darum es geht es: diversifikativen Trading von Haus aus
ein zweckmäßiger und ausreichender Schutz vor. Wir alle sind uns
durchaus im Klaren darüber, dass ein CFD lediglich eine Vereinbarung
zwischen Broker und Anleger über die »Nachbildung« des Kurses einer
Aktie oder eines Index ist; daher werden die Kurse in fast allen Fällen
vom Anbieter kreiert und nicht über eine Börse ausgehandelt, und auch
die Abwicklung der Transaktion liegt in der Regel allein in den Händen
des CFD-Maklers. Dass der CFD-Handel als Produkt für den markttechnisch
orientierten Handel auf untersten Zeitebenen meist nur einem, nämlich
dem Broker, nützt, ist durch die oben erläuterte Preisstellung
selbsterklärend.
Die kritisierten möglichen Verwerfungen in den Preisstellungen, jener
Spread zwischen Bid- und Ask-Kurs, werden aber dahin gehend irrelevant,
als dass es sich beim diversifikativen Trading ohnehin nicht um
Tick-Trading soner um eine Trading auf mittlerer Zeitebene (2-5 Tage)
handelt.
Ein weiterer Pluspunkt ergibt sich durch die vielen zugänglichen Märkte
und Börsen, sprich: Man kann einen Großteil aller weltweiten Aktien,
Rohstoffe usw. per Mausklick mittels eines einzigen Kontozugangs
handeln.
Q: Gibt es bestimmte Ansichten zum Thema: Risikokontrolle?
Halten wir uns folgendes Szenario vor Augen: Ein Handelskonto umfasst
100.000 Euro. Ausgehend von einem wie in der einschlägigen Literatur
beschriebenen Geldmanagement, hier von beispielsweise einem Prozent
Minus pro Trade, hat dies zur Folge, dass jeder Trade, ungeachtet der
Größe der Position, mit einem Stopp-Loss versehen werden muss, der hier
im Beispiel im Verlustfall 1.000 Euro kostet.
Nun, ich hoffe der ein oder andere Leser ist den Kinderschuhen des
Tradens so weit entwachsen,
um die Frage: »Paahh WER legt das Geldmanagement von eins, zwei oder
mehr oder weniger Prozent dogmatisch fest?« nicht mehr zu stellen; denn
längst dürfte klar sein: Festgelegt wird hier gar nichts; dies liegt
ganz allein in der Entscheidung des einzelnen Traders. Natürlich stets
vor dem Hintergrund, dass bei einem Risiko von, wie im obigen Beispiel,
einem Prozent zumindest theoretisch neunundneunzig mal in Folge die
getroffene Tradingentscheidung fehlerhaft sein kann und trotzdem ein
weiteres Handeln möglich bleibt die Mindestmargin, welche das Konto
aufweisen muss, mal außer Acht gelassen. Erhöht sich das Risiko auf
zwei Prozent, verringert sich diese Anzahl der möglichen Verlusttrades
schon auf nur noch grob fünfzig, bei fünf Prozent wären es bereits nur
noch grob zwanzig. Der ein oder andere Trdinganfänger wird an dieser
Stelle gern geprahlt: »So viele Minustrades pahhh, das klingt viel zu
theoretisch; wenn jemand sooo oft falsch liegt, hat er wohl einfach
nicht das Zeug zum Trader!«
Hingegen heute wird dem ein oder andere Trader aufgrund seiner
Erfahrung bewusst sein, dass gerade im Intraday-Handel aufgrund der
hohen Tradeanzahl eine Verlustserie von zwanzig Trades bei einem noch
nicht so versierten Trader durchaus nicht ganz sooo aus der Luft
gegriffen ist. Damit dürfte zumindest theoretisch klar sein, dass
jegliches Risiko über fünf Prozent, selbst für den Profi-der-Profis,
monetäres Harakiri bedeutet. Aber auch hier gilt wieder das bekannte
Phänomen: In der Theorie hurra; in der Praxis stöhn!, denn es gibt
auch noch: die andere Seite der Medaille:
Wie so vieles im Leben, so hat auch die Geldmanagement-Medaille neben
der mathematischen noch eine andere Seite und diese besteht aus zwei
Szenarien. Zum einem: Selbst das vorbildlichste Geldmanagement im
Null-Komma-Irgendwas-Bereich kann die individuelle psychische
Belastbarkeit eines Händlers dennoch bei Weitem übersteigen, womit
jegliches »saubere Traden« in das Reich der grauen Theorie verwiesen
wird. Hierzu ein Beispiel: Unterstellen wir einmal einem Händler in
seinen Anfängen eine »psychische Schmerzgrenze« von 600 Euro, das Konto
aber beträgt 500.000 Euro. Autsch! Selbst bei pro Trade »nur« 0,3
riskierten Prozent der Kontogröße, demnach 1.500 Euro, wird jeder
einzelne Trade einer emotionalen Achterbahnenfahrt gleichen und
aufgrund »subjektiver Leidenschaft« die Gefahr bestehen, dass die
markttechnischen Gegebenheiten eine »objektive Ungewissheit« erfahren.
In einem Satz: Was nützt das beste Geldmanagement, wenn die psychische
Belastbarkeit des ausführenden Händlers früher einsetzt? Eieiei!
Dann wäre da noch das zweite Szenario zu nennen: Ein Anfänger mit einem
Handelskonto von 3.000 Euro weist ebenfalls eine »psychische
Belastbarkeit« von 600 Euro auf; somit kann der diese, da ohnehin
außerhalb eines vernünftigen Geldmanagements beziehungsweise später
einsetzend als dieses, vernachlässigt werden. Aber: Welcher Trader wird
die disziplinierte Einhaltung eines vernünftigen Geldmanagements
anstreben, wenn seinen Trades dadurch monetäre Bedeutungslosigkeit
aufdiktiert wird: »Pahh da sitz ich den ganzen Tag hier rum und darf
pro Trade nur 30 Euro verlieren?! Sag mal, seht ihr noch klare Bilder?
Wie soll ich da einen Stopp setzen? Und vor allem WAS soll aus
solchen Trades denn rauskommen? Da kann ich doch noch nicht mal ein Eis
von kaufen! Die können mich doch alle mal am das machen wir mal
schön ganz anders!« Eieiei!
Wird demnach das Thema Geldmanagment aus unserem angestrebten
»Luxus-Blickwinkel« der immer beabsichtigten diversifikativen
analysiert, also unter dem Blickwinkel, »pro Trade nur die geringste
Einheit zu riskieren« dafür aber so viele wie nur möglich Positionen
zeitgleich zu fahren, wird plötzlich aus einem falschen Geldmanagement
ein Abbild grober Faulheit und nicht vertretbarer Dummheit. Zur
Erklärung diene folgendes Szenario: Bei angenommenen vierzig
mustergültigen wie auch immer definierte Setups, die förmlich
»Handel mich!« schreien, stellte ein Trading nach dem »Eene Meene Muh,
und raus bist du, ich reiz das Konto mal schnell für diesen einen Trade
voll aus«-Prinzip grenzenlose Faulheit dar, denn: Wenn schon der
heilende Gedanke der Diversifikation auf einen Kaffee vorbeischaut, und
dennoch das Luxusproblem »Ich habe sooo viele Signale « nicht
ausgenutzt wird, sprich: wenn statt 4.000 Stück in einer Position
lieber 100 Stück in 40 Positionen gehandelt werden, um damit das Risiko
pro Trade dankend flächig verteilen zu können tja, dann wird es
schwierig!
Okay, sicher ist es einfacher, mit orangefarbenen (Wert 1.000 Dollar)
und grauen Jetons (Wert 5.000 Dollar) nur an einem, statt mit schwarzen
(Wert 100 Dollar) oder blauen Jetons (Wert 10 Dollar) gleichzeitig an
mehreren Tischen zu spielen, aber: Will wirklich jemand absichtlich
nach zwei, drei Spielen die Spielbank frühzeitig verlassen müssen, um
den Rest des trostlosen Abends in einem nun nicht mehr bezahlbaren
Hotelzimmer zu verbringen?
Somit ist das klassische dargelegte Geldmanagement lediglich ein Teil
eines zusammenhängenden Dreiecks, bestehend aus den weiteren Eckpunkten
emotionale Belastbarkeit; Anzahl der gehandelten Märkte Risiko pro
Trade. (Details nachlesbar in der Buchserie DER HÄNDLER Band 4)
Q: Welche Glaubenssaetze und Ueberzeugungen haben Sie gegenueber
Tradingpsychologie?
Nun, da kommen wir jetzt zu einer spannenden Frage, welche ich in
vielen meiner Bücher beschrieben und hergeleitet habe:
Mein Tipp für angehende Händler lautet stets: Je langweiliger der
Handel, umso erfolgreicher. Dies wird zwar von so manchem mit einem
lächerlichen Wink abgetan, aber man kann diesen kleinen Satz mit
Tausenden von Seiten herleiten und belegen. Die Mega-Kurzfassung müsste
ungefähr so lauten: Was ist am Börsenhandel spannend? Im Ernst, was ist
daran aufregend? Könnten Sie sich vorstellen, ins Kino zu gehen und
dort drei Stunden bei Popcorn und Cola das n-tv-Kurslaufband
anzustarren? Also ich wäre binnen zwei Minuten in den Armen meiner
Sitznachbarin eingeschlafen. Spannung wird doch erst dann erzeugt, wenn
eine Position offen ist. Angenommen, wir haben wieder einmal das
Kinoticket für den Film »Das Grauen des Charts« gelöst und dieses Mal
nur einen einzigen CFD-Kontrakt, beispielsweise im DAX, am Laufen. Auch
hier würde ich nach zwei Minuten in den Tiefschlaf fallen, da die
Position so klein ist und jeglicher Marktverlauf keine Irritation auf
dem Konto bewirkt. Es wäre schlichtweg egal, was mit der Position
passiert, was soll ich mich also davorsetzen und dabei zuschauen, wie
meine Position nach einer halben Stunde 19,00 Euro ergibt? Anders sieht
es aus, wenn ich mich mit 1.000 DAX-Future-Kontakten zulade, dann
könnten links und rechts die Kinomauern einstürzen, und ich würde
dennoch fingernägelkauend das Kursband verfolgen. Der Unterschied zu
beiden Kinovorstellungen besteht darin, dass ich mich bei Ersterer an
jedes Regelwerk der Welt halten werde, bei Letzterer hingegen kaum.
Oder anders ausgedrückt: Wenn aufgrund der Positionsgröße der Markt so
spannend wird, dass bevor der Stopp nach Regelwerk XYZ greifen würde
die Emotionen schon dreimal »Hiilllfeee, viel MINUS« oder »HURRRAAA,
viel Jackpot« geschrien haben, dann kann nie ein sauberer Handel
aufkommen. Emotionen müssen immer erst hinter dem Stopplevel aufkommen,
aber nie davor.
Was einen Trader demnach stört, ist aber nicht, dass er hundert oder
tausend Punkte hinten oder vorn liegt, was den Trader in den Wahnsinn
treibt, ist der absolute Betrag, ausgewiesen in Euro oder Dollar, der
daraus resultiert. Und dieser wird stets allein über die Positionsgröße
gesteuert. Also warum nicht weniger nehmen okay, es ist dann im
Verhältnis zum Konto unspektakulär , aber man weiß, dass man die Tür
zum emotional geladenen Handel ein Stück weit geschlossen hält und
deswegen dann auch seinen Regeln treu bleibt. Dann lebt man im stillen
Einvernehmen damit, dass es auch noch morgen einen Tag gibt.
Darüber hinaus schaut dann auch noch der heilende Gedanke der
Diversifikation auf einen Kaffee vorbei, den man dank der Börse für das
große Universum von Märkten auch noch umsetzen kann. Also bevor ich 100
DAX-Kontrakte in einer Position handle, handle ich lieber sinngemäß
hundert Positionen mit je einem Kontrakt. Das Risiko mag auf den ersten
Blick identisch sein, aber wenn man mal dahinter schaut, erkennt man,
dass ein Trading, dessen erste Regel Diversifikation lautet, enorme
Vorteile jeglicher Art birgt: vom verschiedenartig definierten Begriff
des Risikos angefangen, über die Emotionen bis hin zum ganzen
Handelsablauf. Aber solche Ansätze sind hierzulande sehr wenig
verbreitet.
Q: Die meisten Trader haben eine Horrorstory ueber Ihren groessten
Verlust. Viele Trader gingen pleite. Welche Story habe Sie zu
erzaehlen? Welche Story koennen Sie ueber Ihre Trader erzaehlen?
Lassen Sie mich die Frage mal so umstellen: Wie lange brauchten Sie, um
Ihren eigenen Handelsstil zu erkennen und welche Irrwege wurden dabei
gegangen? Und um dies zu beantworten, muss die Frage wiederum kurz in
zwei Bereiche geteilt werden: in den eigentlichen Handelsstil, sprich:
Regelwerk A, B oder C, und in die eigentliche Arbeits- oder
Durchführungsweise, um dieses Regelwerk umzusetzen.
Der wirkliche Wille, einen eigenen Stil zu erlernen, und was viel
schwieriger ist diesen auch zu akzeptieren, erschloss sich mir erst,
als ich die Idee, duplizierbar zu handeln, verinnerlichte. Denn nur
dann wird auch die Kunst erlernbar, beständig zu handeln. Vorher geht
das nicht. Die Tatsache aber, dass dieser Zusammenhang zu Beginn des
Tradings von mir, so auch von jedem anderen Trader, nicht sofort
erkannt wurde, macht ihn umso bedeutsamer und das schrittweise
Heranführen an den Börsenhandel umso schwieriger.
Über circa drei Jahr zahlte ich in die Börse mehr ein, als ich
herausbekam. Ich sah nur einen permanent fallenden Kontoverlauf.
Interessant ist, was zeitgleich mit meinem Fachwissen geschah. Das
stand wie bei jedem so auch bei mir zu Beginn klar auf null und
nahm zeitversetzt zum Start des Börsenhandels zu. Aber nur bis zu einem
gewissen Punkt. Bis zu jenem Tag, an dem ich von der Menge
nervenzerrüttender Handelstage, schlafloser Nächte, sinnloser Trades,
glücklicher Plustrades, nicht enden wollenden Studierens von
Zeitungsartikeln, ständig wechselnder Regelwerke, Seminarbesuche und
Tage des Eigenstudiums, kurzum: vom ansteigenden Fachwissen die Nase
gestrichen voll hatte. Das heißt, ich habe freiwillig erkannt, dass ich
mit einem Mehr an Wissen auch nicht besser handelte, sondern dass eher
das Gegenteil der Fall war: Ich brachte vieles durcheinander, und es
entstanden Blockaden. Und irgendwann nach drei, vier Jahren reifte in
mir die unbezahlbare, goldene Erkenntnis, dass viele Elaborate rund um
Regelwerke einander ähneln, denselben Ursprung haben und dasselbe Ziel
ins Auge fassen. Oder anders gesagt: Ich räumte auf. Das viele Wissen
drückte immer mehr auf den Kontostand, wie ein Riesenhaufen
aufgestauter Erde, der dann endlich einmal durchsackte. Wissen wurde
komprimiert. Verdichtete sich. Zeitgleich hatte sich das
herausgebildet, was man den eigenen Stil nennt.
Q: Wie lange glauben Sie demnach braucht ein beginnender Trader um
konstant profitabel zu handeln?
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Michael Voigt |
Michael Voigt ist Autor des Trading-Bestsellers "Das große Buch der Markttechnik" und gehört einer Handelsgruppe für Industriemandate an. Parallel zu seinen Aktivitäten am Terminmarkt leitet der erfahren Börsenhändler seit mehreren Jahren mehrwöchige Workshops und Seminar für fortgeschrittene Händler. Das Wissen, die Erfahrungen und seine ganz persönliche Sichtweise auf die Welt des Tradings vermittelt er zudem in seinen Büchern. So präsentiert Michael Voigt in "Das große Buch der Markttechnik" die grundlegenden Gedankengänge des institutionellen Börsenhandels. Damit verfasste er das erste deutschsprachige Fachbuch, das sich detailliert mit dem markttechnischen Handel auseinandersetzt. In der sechsteiligen, auf den Klassiker "Das Große Buch der Markttechnik" aufbauenden Buchreihe "Der Händler" lässt der Finanzprofi erneut seine langjährigen Erfahrungen auf dem Börsenparkett einfließen. Witzig und tiefgründig beleuchtet er in jedem Band einen anderen Aspekt des Tradings. Dabei greift er auf seinen bewehrten Mix aus Roman und Fachbuch zurück, um Tradern die nicht immer leicht verständliche Materie sehr tiefgründig und scharfsinnig näher zu bringen. Heute lebt Michael Voigt mit seiner Familie in Erfurt und auf Madeira. Alle Artikel dieses Autors anzeigen |
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