In Deutschland reißt derzeit eine Unsitte ein, die man nur mit
großer Sorge zur Kenntnis nehmen kann. Während sich Bundespolitiker
aller Couleur in der Finanzkrise widerwärtig populistisch damit
brüsteten keine Aktien zu halten und von niedrigverzinslichen
Sparbüchern schwärmten, beteiligen sich deren Repräsentanten in den
Bundesländer inzwischen ganz unverhohlen an börsennotierten
Unternehmen.
So erinnern wir uns daran, dass der Stadtstaat Hamburg sich
seinerzeit an der Hapag Lloyd beteiligt hat. Und nun kauft das Land
Baden-Württemberg für 4,67 Mrd. Euro die ENBW Anteile (45 %) der
französischen Electricité de France (EDF) ab. Dafür wurde in
Windeseile die landeseigene Erwerbsgesellschaft Neckarpri gegründet,
die eine Baden-Württemberg Anleihe herausgeben soll.
Die ganze Transaktion wird von Ministerpräsident Mappus
öffentlichkeitswirksam als ein Selbstläufer dargestellt. So wird
nach seiner Einschätzung dieser milliardenschwere Kauf den
Steuerzahler nichts kosten. Im Gegenteil, spricht er davon, dass die
Zinskosten niedriger sein werden als die zu erwartenden
Dividendenzahlungen der ENBW. Die Zinsen für die Anleihe sollen
nämlich deutlich unter der zugrunde gelegten Dividendenrendite von
3,5 % liegen. Der Differenzbetrag wird idealiter dem Landeshaushalt
zugute kommen. Zudem hätte man gemessen am inflationsbereinigten
Einstiegspreis die Anteile sogar um -10 % günstiger eingekauft.
Zudem will er mittelfristig die Anteile wieder an der Börse
unterbringen.
Wie nicht anders zu erwarten, brüstet sich auch sein Gegenspieler
von der EDF mit diesem Deal. Der EDF-Vorstandsvorsitzender Henri
Proglio feiert ihn als einen Erfolg, da er angesichts wachsender
Überkapazitäten, resultierend aus der Verlängerung der
Atomkraftwerks-Laufzeiten und der einspeisenden Windenergie,
Preisdruck im Markt erwartet. Ferner sieht er die Kostenentwicklung
nicht zuletzt aufgrund der Zusatzbesteuerung und weiterer
Regulierung als ungünstig. Außerdem hilft es dem Unternehmen seine
hohe Verschuldung von derzeit 44 Mrd. Euro deutlich zu verringern.
Ob die Franzosen zufrieden sein können? Nicht wirklich. Sie haben
seinerzeit für ein Viertel der Anteile 2,4 Mrd. Euro ausgegeben und
dann bis 2005 ihre Anteile auf 45 % aufgestockt, was Ihnen – legt
man die Börsenkurse zwischen 2000 bis 2005 zugrunde ca. 1,6 Mrd.
Euro gekosten haben dürfte. Also insgesamt um die 4 Mrd. Euro. Bei
einem Verkauf für 4,67 Mrd. Euro liegt also die Rendite bei ca. 17
%. Was für einen Zeitraum von 10 Jahren eine Jahresrendite von weit
unter 2 % bedeutet und einen auch nicht gerade vom Hocker haut. Und
was die 984 Mio. Euro Dividende betrifft, so sind die 98,4 Mio. Euro
pro Jahr bei einem Einsatz von 4 Mrd. Euro eine Verzinsung von 2,5 %
pro Jahr. Was bei einer Inflationsrate von im Schnitt ca. 2 % gerade
einmal eine Realverzinsung von 0,5 % ist. Auch dass ist nicht gerade
ein Burner.
Aber wie steht es den um die Geschäftszahlen der ENBW? In 2009
jedenfalls ging der Umsatz um -4,9 % zurück. Das Nettoergebnis lag
mit -12,6 % überproportional schlechter. In 2010 erholte sich der
Umsatz in den ersten neun Monaten um +9,6 % auf 13,6 Mrd. Euro und
das EBIT ist um 34,6 % auf 1,9 Mrd. Euro gestiegen.
Und was sagen die Ratingagenturen? Standard & Poors bewertet die
ENBW mit A- und einen negativen Ausblick. Wobei eine Abstufung die
Zinskosten in die Höhe treiben würde.

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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