Kontraproduktiv



09:30 07.02.11

Gut gewollt ist noch lange nicht gut getan. Das weis ein jeder, der kritisch mit seinen eigenen Absichten ins Gericht geht. Der große Soziologe Max Weber, neben Tönnies und Simmel einer der drei großen Gründungsväter der deutschen Soziologie, sprach deshalb von einer Verantwortungsethik und stellte sie der Gesinnungsethik nicht nur gegenüber, sondern voraus.

Ich will Ihnen ein Beispiel dafür nennen. Nehmen wir z.B. die derzeit stark im Steigen begriffenen Nahrungsmittelpreise. Allein im Dezember sind die Preise gegenüber dem Vorjahr um +3,6 % angestiegen. Da lese ich heute, dass in Deutschland ein Streit darüber ausbrach, wer dafür verantwortlich ist. So lehnt der Vorstandsvorsitzende des Rewe Konzerns die Preiserhöhungen durch die Lebensmittelindustrie ab, weil die durch schlechte Ernten und darauf aufsetzender Spekulation temporäre Verteuerung nicht an die Verbraucher durchgereicht werden dürfe. Wobei ich mich dabei frage, ob Herr Caparros sich so auch mit eigenen steigenden z.B. Arbeitskosten anstellt. Ich gehe mal davon aus, dass er die auch weiter reicht. Sonst bekäme die Rewe Gruppe schon bald ordentlich Probleme. Aber das nur nebenbei.

Es macht sich halt gut in unserem Land unsinnige Dinge zu fordern. Man hat dann schnell das Etikett „Gutmensch“, mit dem es sich bestens leben lässt. Auch, wenn hinter den Kulissen alles den Bach runter geht. Wen interessieren hier schon betriebswirtschaftliche oder gar volkswirtschaftliche vernünftige und nicht wegzudiskutierende Restriktionen? Und so fordern wir den Ausstieg aus der Atomenergie und den Ausbau der erneuerbaren Energien, aber bitte ohne weiteren Ausbau des Stromnetzes, was einer Quadratur des Kreises gleichkommt. Und die Nahrungsmittelpreise sollen bitte auch nicht steigen, obwohl die Weltbevölkerung drastisch zunimmt und die Nachfrage nach höherwertigeren Lebensmitteln aus den Schwellenländer aufgrund des gestiegenen Wohlstands deutlich zunimmt. Und dass auch noch angesichts von Ernteausfällen.

Und wieder einmal sind die Spekulanten die Schuldigen. Gut, dass es diese bösen, bösen Menschen gibt. Wenn nicht müsste man sie geradezu erfinden. Wobei da ein Riesen-Ablenkungsmanöver betrieben wird. Die Wahrheit ist, dass die Lebensmittelpreis über die Jahre vergleichsweise gering angestiegen sind und gemessen am Haushaltseinkommen prozentual sogar rückläufig sind. Das Ding hat deshalb in der Volkswirtschaft einen Namen bekommen und zwar den des Engelschen Gesetzes. Es besagt, dass es eine Gesetzmäßigkeit gibt, dass der Einkommensanteil, den ein Privathaushalt für die Ernährung ausgibt, mit steigendem Einkommen sinkt. Und wer uns Volkswirten das nicht glaubt, soll einfach einmal die Bauern nach den Milch- oder sonstigen Preisen fragen. Die werden Ihnen das Phänomen auch in der Praxis bestätigen können.

Nun leisten wir uns aber in der westlichen Welt nach wie vor den Luxus der nachwachsenden Rohstoffe. Während es in anderen Ländern der Welt zu Aufständen wegen der höheren Preise für Grundnahrungsmittel kommt, subventionieren wir hierzulande, aber auch in den USA – natürlich mit gutem Gewissen - weiter kräftig den Biosprit.

Dies geißelt seit Jahr und Tag kein geringerer als der CEO (=Vorstandsvorsitzende) des weltweit größten Fleischproduzenten Tyson Foods (ISIN: US9024941034). Chief Executive Smith ist seit Jahren einer der schärfsten Kritiker der Subvention von Biosprit in den USA, wo dieser direkt mit Subventionen und steuerlichen Erleichterungen bis zu 40 % subventioniert wird. Um aus Korn Bio-Ethanol herzustellen. Und dass er trotz der um 500 Mio. Dollar höheren Zusatzfutterkosten den Gewinn um +86 % steigern konnte, zeigt dass er kein schlechter Unternehmensführer ist. Wobei er die Preise für Schweinefleisch um +24 % und für Rind um +16 % anhob. Was meine These beweist, dass Aktien der beste Schutz gegen Inflation sind. Wenn man denn Unternehmen kauft, die die Preissteigerungen beim Materialeinkauf auf der Absatzseite weitergeben können.

Und so sollten vielleicht erst einmal die Staaten durch Rücknahme ihrer vollkommen kontraproduktiven und preistreiberischen Subventionen vorangehen, bevor ihre Repräsentanten wieder auf den bösen Kapitalismus einprügeln. Wobei da dann das passiert, was man auch wieder nicht wollen kann. Nämlich, dass die nicht überlebensfähigen, künstlich aufgepäppelten Unternehmen schlicht vor die Hunde gehen. Siehe Windenergieunternehmen nach der New Economy. Oder die subventionierte deutsche Solarindustrie, wo ich jetzt lese, dass maximal jedes zweite Solarunternehmen überleben wird. Wobei ich diese Prognose noch für recht optimistisch halte. Also bitte verschont uns mit Subventionen soweit möglich.



Lassen Sie mich aber auch ein positives Beispiel dagegensetzen. Wo Subventionen helfen können. So unterstützt die japanische Regierung jetzt mit einem sehr unbürokratischen Programm kleine Unternehmen. Wobei die Unternehmen im Dienstleistungssektor nicht mehr als 6 Mitarbeiter und in den anderen Bereichen als 20 Mitarbeiter haben dürfen. Dabei werden keine bürokratischen Hürden aufgetürmt. Im Gegenteil.  „No legal revisions are needed“ lautet das Motto, das bisher allein im Dezember zur Ausreichung von Krediten im Wert von über 300 Mrd. Yen geführt hat. Während also hierzulande großen Banken das Geld hinterhergeworfen wird und Anweisungen ergehen Mittelständlern mit über 300 Mitarbeitern das Geld nachzuwerfen (die es wahrscheinlich auch anderswo bekommen, wie die schwache Bilanz des Kreditmediators der Bundesregierung zeigt), investiert Japan in die innovativen kleineren Unternehmen, die vom Kapitalmarkt und auch den (wenigstens auf diesem Gebiet) risikoaversen Banken total abgeschnitten sind. Da kann man nur ein großes Lob für den Weitblick der japansichen Regierung aussprechen. Wenngleich man die hohe Verschuldung nicht vergessen sollte, die immerhin zu einer Herabstufung des Ratings auf AA- geführt hat.

Und so sehen Sie an diesen beiden Beispielen den Unterschied zwischen großer Show und politischem Worteglanz und Getöse und dem schlichten Richtig machen. Und so ist vieles, was sich zunächst gut anhört, in Wirklichkeit im höchsten Maße kontraproduktiv.

Weil gut gewollt, noch lange nicht gut gemacht ist.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke

Globalyze
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Über den Autor
 
Autor: Norbert Lohrke Norbert Lohrke,
Globalyze Invest AG

Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“

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