USA 1860 - China 2011



14:30 13.04.11

Die amerikanischen Gelehrten Jeffery Wasserstrom und Stephen Mihm
veröffentlichten neulich einen viel beachteten Artikel in der China
Economic Review. Dabei wurde die interessante Frage nach Parallelen
aufgeworfen, die es zwischen dem wirtschaftlichen Aufstieg der USA im
19. Jahrhundert und dem gegenwärtigen Aufstieg Chinas geben könnte. Das
überraschende Fazit: Neben vielen Unterschieden findet sich auch eine
erhebliche Zahl an Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Nationen auf
ihrem Weg zur führenden globalen Wirtschaftsmacht.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts deutete rein gar nichts darauf hin, dass
die Vereinigten Staaten eines Tages zu einer nennenswerten
Wirtschaftsnation aufsteigen würden. Die Weltwirtschaft und der Handel
wurden unangefochten von den großen europäischen Nationalstaaten
dominiert - allen voran von England, aber auch vom mächtigen Frankreich
und dem Habsburger Reich. Die USA selbst waren größtenteils
unerschlossen und durchwegs landwirtschaftlich geprägt. Kapital,
Fachwissen oder technische Kompetenzen waren so gut wie nicht vorhanden.

Und auch noch in den 1850er Jahren erschien es unvorstellbar, dass die
USA wirtschaftlich eines Tages am hoch industrialisierten britischen
Königreich vorbei ziehen könnte. Von den Zeitgenossen wurde allerdings
vielfach übersehen, dass die Amerikaner zwischenzeitlich bereits
erhebliche industrielle Kapazitäten hochgezogen hatten. Bei vielen
Produkten des täglichen Bedarfs wie Textilien oder Uhren waren die
USA bereits die kostengünstigsten Massenhersteller, und begannen, damit
den Weltmarkt zu überschwemmen. Ähnlich wie China vor einigen
Jahrzehnten, entwickelten sich die Vereinigten Staaten dank ihrer
Kostenvorteile seinerzeit zur einer Art Werkbank der Welt.

Einher ging der amerikanische Aufschwung mit einer Verstädterung, die
weltweit ihresgleichen suchte. Neue riesige Metropolen wie New York,
Philadelphia oder Chicago entstanden scheinbar über Nacht. Gewaltige
Industrien wurden aufgebaut, die ein Heer von Arbeitssuchenden anzogen.
Dadurch entstanden städtische Zentren, wie man sie in Europa bisher
nicht gesehen hatte (und auch heute noch nicht sieht).

In China verläuft die Entwicklung derzeit ganz ähnlich. Die
Urbanisierung ist auch dort eine entscheidende Triebfeder des


wirtschaftlichen Aufstiegs. Das bisher fast ausschließlich
landwirtschaftlich geprägte Land verwandelt sich derzeit in eine
Industrienation mit aktuell über 160 Städten mit mehr als einer Million
Einwohnern. Mega-Städte wie Chongqing (30 Millionen Einwohner), Shanghai
(18 Millionen Einwohner), Peking (15 Millionen Einwohner) und Shenzhen
(12 Millionen Einwohner) sprechen eine deutliche Sprache.

Und gerade auch bei den Schattenseiten des wirtschaftlichen Aufstiegs
gibt es zahlreiche Parallelen. Wie in China war auch in den USA die
Lebenssituation der einfachen Arbeiter zunächst erbärmlich. In Amerika
wurde sogar bis zum Bürgerkrieg ein nicht unerheblicher Teil der
Wertschöpfung von Sklaven geleistet. Die durch die Wirtschaft
entstandenen Umweltbelastungen und der Landverbrauch waren in
Vereinigten Staaten ebenfalls erheblich. Nicht vergessen werden darf
auch, dass das politische System in den USA über viele Jahrzehnte hinweg
von einer für heutige Verhältnisse unfassbaren Korruption geprägt war.
Daneben hatten dort seinerzeit auch Patent- und Markenrechte keinen
allzu hohen Stellenwert.

Im China der Gegenwart sind viele Zustände nach wie vor beklagenswert.
Dies beginnt mit einer immer noch erheblichen Armut großer
Bevölkerungsschichten, und geht über Umweltschäden und Korruption, die
zwar bekämpft werden, aber nach wie vor zum Alltag gehören. Der Blick in
die Geschichte lehrt allerdings, dass all diese Gegebenheiten nicht
zwangsläufig den Aufstieg eines Landes zur führenden Wirtschaftsnation
bremsen müssen. Im Gegenteil: Die USA waren trotz all dieser Probleme
- bereits in den 1890er Jahren die größte Wirtschaftsmacht der Welt.

Die europäischen Wirtschaftsriesen waren seinerzeit auf den Aufstieg der
USA in keiner Weise vorbereitet. Im Nachhinein konnten sie die
Entwicklung nur ungläubig bestaunen. Ganz ähnlich verläuft derzeit der
Aufstieg Chinas. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sich für die
siegesgewissen westlichen Wirtschaftsnationen die Geschichte einmal mehr
wiederholt.

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Über den Autor
 
Autor: Rainer Hahn Rainer Hahn,
Emfis GbR

Rainer Hahn ist seit zehn Jahren in Asien auf der Suche nach den interessanten Investmentmöglichkeiten. Bis Mai 2011 war Rainer Hahn CEODer EMFIS GbR, den führenden Börsenportal für Nachrichten zu den Emerging Markets.

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