Liebe Leserinnen und Leser,
vielleicht erinnern Sie sich noch an Antoine de Saint Exupérys „Der kleine Prinz“ und insbesondere an dessen Besuch auf dem dritten Planeten. In Abänderung dieser Textpassage auf die heutige Finanzsituation (exemplarisch) Griechenlands erlaube ich mir, passend umzuformulieren:
„Was macht ihr da?“ fragte der kleine Prinz die Finanzminister, die er aufgeregt vor einer Reihe leerer und einer Reihe voller Konten sitzend antraf.
„Wir machen Schulden“, antworteten die Finanzminister mit düsterer Stimme.
„Warum macht ihr Schulden?“ erkundigte sich der kleine Prinz.
„Weil wir immer mehr Geld brauchen“ antworteten die Finanzminister und senkten die Köpfe.
„Warum braucht ihr immer mehr Geld“, fragte der kleine Prinz, der den Wunsch hatte, ihnen zu helfen.
„Weil wir immer mehr Schulden machen“, endeten die Finanzminister und verschlossen sich endgültig in ihr Schweigen.
Und der kleine Prinz entschwand bestürzt. Die großen Leute sind entschieden sehr, sehr verwunderlich, sagte er zu sich auf seiner Reise.
Sehr verwunderlich, ja. In der Tat wirkt die Strategie, eine durch zu viel zu billige Kredite an nicht kreditwürdige Schuldner verursachte Krise durch noch mehr, noch billigere Kredite an noch kreditunwürdigere Schuldner „lösen“ zu wollen, ausgesprochen verwunderlich, egal ob man sie als Rettungspaket, Finanzmarktstabilisierungsgesetz oder Stabilitäts- und Wachstumspakt oder sonst wie bezeichnet und die neuen Schulden in einem beispiellosen Euphemismus in „Sondervermögen“ umdeklariert. Grotesk ist auch, dass die jetzt zur „Rettung“ Griechenlands beschlossenen Finanzkonstruktionen auffällig viele Parallelen zu den Zauberkunststückchen aufweisen, die damals die Krise und den nachfolgenden Zusammenbruch des US-Hypothekenmarktes verursachten.
Und ich hege keinen Zweifel daran, dass unsere Kinder und Enkel uns einmal sehr verwundert fragen werden, ob wir denn wirklich allen Ernstes auch nur einen einzigen Augenblick wirklich geglaubt haben, dass dieses Vorgehen funktionieren könne.
Dass sich die Quadratur des Kreises heute nie da gewesener Beliebtheit erfreut, zeigen auch die im griechischen Parlament umkämpften Sparpläne, deren Verabschiedung IWF, EZB und EU zur Bedingung weiterer Finanzhilfen gemacht haben. Wie konjunkturschädlich und negativ auch für die Staatseinnahmen ein rigoroser Sparkurs ist, haben die vergangenen zwölf Monate gezeigt. Und was Athen heute abverlangt wird, ähnelt der Aufforderung, dass Land endgültig zu Tode zu sparen.
Was am Ende dabei herauskommen wird? Ehrlicherweise sollten wir zugeben, dass niemand das weiß. Die Streckung der Schulden auf lange Laufzeiten gewährt den Finanzmärkten zumindest Zeit. Politik und Notenbanken werden sie nutzen, um noch höhere Schuldenberge aufzutürmen.
FMSA, SoFFin, EFSF, ESM – wie bitte?
winkt die Bundesregierung in einer Nacht- und Nebel-Hauruckaktion einmal wieder einige Hundert Milliarden an „Rettungspaket“ durch den Bundestag, reagieren die Abgeordneten etwas konsterniert und beklagen einen Moment lang, doch nicht nur zum Abnicken bereits beschlossener Sachverhalte da zu sein. Bis auf ein pflichtgemäßes konzertiertes Brüskiertsein der Opposition passiert jedoch – nichts!
Und handeln die EU-Finanzminister dabei im krassen Widerspruch zum in seiner Klarheit nicht zu übertreffenden § 125 AEUV („No Bailout- Klausel“) der Lissabon- und Maastricht-EU-Verträge, wird im Nachhinein halt über die Abschaffung dieses Paragraphen diskutiert, da den Beteiligten schwant, dass das Bundesverfassungsgericht dieses Vorgehen ohnehin binnen Kürze als rechtswidrig bezeichnen dürfte.
Um mögliche weitergehende Turbulenzen oder gar persönliche Konsequenzen für die Zukunft auszuschließen, sieht der Vertragsentwurf der EU-Finanzminister für den ab 2013 geplanten ESM ausdrücklich keine Beteiligung der nationalen Parlamente mehr vor und - man höre und staune - sichert dem ESM und seinen „Führungspersönlichkeiten“ gerichtliche Immunität zu.
Fragen Sie heute auf der Straße oder auch an der Börse einmal jemanden, was denn die FMSA, der SoFFin, der EFSF oder der ESM ist. Jede Wette, dass sich die Anzahl der Kundigen im Promillebereich bewegt. Die Kundigen selbst vielleicht auch, da sie das drohende Ungemach sonst vielleicht nicht mehr ertragen könnten.
Und doch verwalten und verteilen diese Institutionen bzw. Anstalten unser aller Geld, unser Vermögen, unser Erspartes!
Eine neue EU-Behörde, die die nationalen Parlamente entmachtet, 700 Milliarden Euro Schuldenbürgschaften verteilt und im Falle des finanziellen Ausfalls von ESM-Mitgliedern die Zahlungsverpflichtungen auf die verbliebenen Mitglieder abwälzt und sich selbst präventiv juristische Immunität zugesteht - es sträuben sich einem die Nackenhaare.
Leider ist nicht davon auszugehen, dass in den nationalen Parlamenten genügend Sachverstand und/oder Rückgrat versammelt ist, um diesen Irrsinn zu stoppen, nach dem allein Deutschland rechnerisch mit 62,3 Prozent seines Bundeshaushalts für die Schieflagen anderer EU-Länder bzw. die ihnen zuvor von den internationalen Banken verabreichten Kredite gerade zu stehen hätte.
Nach der Krise ist vor der Krise! Denn was in der letzten Woche in Athen beschlossen wurde, ist nur ein weiterer Guss in ein Fass ohne Boden. Und, so steht zu befürchten, dass hier gerade der Startschuss zu einer weiteren Beschleunigung der wirtschaftlichen Abwärtsspirale Griechenlands verklungen ist. Das dürfte auch den Märkten bald klar werden, die erst einmal das tun, was sie in den letzten Jahren immer getan haben: Sie freuen sich darüber, dass die Lösung eines Problems mit sehr, sehr viel neuen Schulden auf eine immer länger werdende Bank geschoben wurde.
Das in der vorletzten Woche beim CRB/Bridge Rohstoffindex entstandene Verlaufssignal, das als düsteres Omen auch für die Finanzmärkte zu werten war, wurde in der abgelaufenen Woche wieder neutralisiert. Für die Aktienmärkte bedeutet das Entwarnung. Und damit die Freude noch ein wenig länger währt, sind nun die USA am Drücker. Vier Wochen noch, und dem Staat droht die Insolvenz. Jede Wette, dass es zuvor im Kongress zu einer Einigung über die Anhebung der Defizitobergrenze kommen wird. Alles andere käme nicht nur die USA noch viel teurer.
Zugegeben, dieses Argument schmeckt sehr, sehr bitter. Aber so ist das halt manchmal mit der Wahrheit.
Viel Erfolg und beste Grüße!
Axel Retz
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Axel Retz, private profits |
Von hochspekulativ bis werterhaltend-konservativ reicht das Spektrum der Börsendienste des langjährigen Chefredakteurs der wichtigsten deutschen Börsenverlage, der sich seit zwei Jahren mit seiner Webseite www.private-profits.de auf Erfolgskurs befindet. Es gibt keine guten und schlechten Börsenphasen, unterstreicht Retz, nur gute und schlechte Analysten.
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