Stark - macht Märkte schwach



21:41 13.09.11

Smart Investor Weekly 37/2011
Stark - macht Märkte schwach

Der überraschende Rücktritt von EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark führt erneut zu tiefgreifender Verunsicherung an den Märkten

Paukenschlag am Freitag
Es war ein Paukenschlag, als EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark am vergangenen Freitag seinen Rücktritt erklärte. Zwar fragte man sich schon seit einiger Zeit, wie lange der hochangesehene Geldexperte in der politisch willfährigen EZB unter Jean-Claude Trichet noch mitspielen werde, der Zeitpunkt seiner Entscheidung kam dennoch überraschend - vor allem überraschend spät. Durchsetzen konnte sich der Mahner für stabiles Geld jedenfalls schon lange nicht mehr. Mit Stark verlässt - nach dem Rücktritt von Ex-Bundesbank-Chef Axel Weber im Februar - der letzte profilierte Vertreter der stabilitätsorientierten Bundesbank-Tradition das EZB-System. Das ist konsequent, denn die Stabilitätsorientierung dieses Systems erweist sich nun immer offensichtlicher als bloßes Lippenbekenntnis, für das lediglich ein paar Feigenblätter benötigt werden. Bei den tatsächlichen Entscheidungen ist die Bewahrung des Geldwerts inzwischen eine exotische Minderheitsposition. Die sich häufenden geldpolitischen Sündenfälle können kaum noch als einmalige Ausrutscher angesehen werden, sie sind das neue Programm. Die EZB, einst als Nachfolgerin der weltweit höchstangesehenen Deutschen Bundesbank aus der Taufe gehoben, feiert an der kurzen Leine der Politik nur noch höchst zweifelhafte Erfolge: Führender Ramschanleihen-Händler der Eurozone, Größte Bad Bank der EU, etc.

Ausgerechnet dieser Mann?!
Für die Nachfolge Starks ist nun ausgerechnet jener Jörg Asmussen im Gespräch, dessen Name hierzulande so untrennbar mit der "Finanzkrise" verbunden ist. Einst war er als Lobbyist der True Sale International GmbH unterwegs, die sich überhaupt erst für jene unglückseligen Asset-Backed-Securities stark machte, die in der Folge die Bilanzen von Banken und eigens gegründeten Zweckgesellschaften vergifteten. Daneben gab er den Aufsichtsrat der Skandalbank IKB, zu deren "Retter" er sich schließlich beim Bankenrettungsfonds SoFFin aufschwang. Im Verwaltungsrat der Aufsichtsbehörde Bafin saß er nebenbei auch noch. Geschmeidig ist er also, der Herr Asmussen - eine Eigenschaft, die ihm bei den zunehmend kopf- und hilflosen Ad-hoc- oder besser Hüh-Hott-Maßnahmen der selbsternannten "Retter" von Banken und Staaten hilfreich sein dürfte. Auch scheint das fragwürdige "Vom-Bock-zum-Gärtner"-Prinzip zumindest bei der Auswahl des politischen Personals inzwischen etabliert zu sein. Lediglich die Märkte, im Neusprech der EU-Nomenklatura also "verantwortungslose Spekulanten", fanden wenig Gefallen an der Auswahl des neuen Gärtners, der schon so viele Böcke geschossen hat.

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Oettinger, Teufel, Belzebub
Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse könnte aber selbst wirtschaftlich Vernünftiges geschehen; etwa die (viel zu späte und daher unnötig teure) Pleite Griechenlands, die offenbar nicht länger kategorisch ausgeschlossen wird. Sind solche Überlegungen nun eigentlich uneuropäisch oder populistisch, oder zeigen sie lediglich, dass endlich auch die ersten Politiker in der ökonomischen Realität des selbst angerichteten Desasters ankommen?! Die bemerkenswert flache Lernkurve der EU-Granden werden die Steuerzahler allerdings wohl noch mit vielen Milliarden unterfüttern müssen, bevor das ohnehin Unvermeidliche letztlich doch geschehen darf. Bis dahin können wir uns auf allerlei Zwischenlösungen einstellen: Der nach Brüssel entsorgte ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (er dilettiert dort derzeit in der Rolle eines sogenannten Energiekommissars) forderte etwa die Flagge von Schuldenstaaten auf Halbmast zu setzen. Zudem sollten EU-Beamte in den Schuldenländern nach dem Rechten sehen bzw. dort die Haushaltshoheit übernehmen. Griechischen Schlendrian durch EU-Bürokratie zu ersetzen, ist ein Verfahren, das hierzulande als "den Teufel mit dem Belzebub austreiben" bekannt geworden ist. Apropos Teufel, genauer Erwin Teufel, ebenfalls ein ehemaliger Ministerpräsident des ehemaligen Musterländles, der im Sommerloch nicht länger schweigen mochte und reichlich spät beklagte, dass sich die Regierungen nicht mehr an die Gesetze hielten. So etwas hatten wir zwar auch vermutet, aber hier irrt der Ehemalige: Das Bundesverfassungsgericht ließ uns letzte Woche wissen, dass das Füllen bodenloser Fässer mit Steuermilliarden durchaus rechtens sei, solange der Haushaltsausschuss des Bundestages dem zustimme. Gäbe es dort so etwas wie eine Opposition, wäre das möglicherweise sogar relevant. Gibt es aber nicht.

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GO AHEAD! business summit 11 - Die Kernschmelze des Finanzsystems

Wien, 30 September und 1. Oktober 2011.

Bereits zum 3. Mal veranstaltet GO AHEAD!, gemeinsam mit dem Magazin Smart Investor, den Kongress zur Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Der hochkarätig besetzte Kongress findet am 30. September und 1. Oktober im Palais Niederösterreich in Wien statt.

Der GO AHEAD! business summit 11 präsentiert neben den beiden Keynote Speakern James Turk und Felix Zulauf zahlreiche internationale Wirtschaftswissenschafter und Experten.

Programm-Highlights u.a.:

Markus C. Kerber: Die Krise des Euro und die Revolte der Bürger.


Philipp Vorndran: Jede Krise kann auch als Chance verstanden werden.
Thorsten Polleit: Die Kraft der guten Ideen.
Ralf Flierl: Gutes Geld (und Statusbericht zum Crack-up-Boom)

Information und Anmeldung: Das ausführliche Programm finden Sie unter
www.go-ahead.at/summit.
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Zu den Märkten
Bekanntermaßen hassen die Aktienmärkte Unsicherheit. Der Amoklauf der Politik in Sachen "Rettung" schafft willkürlich und kaum kalkulierbar immer neue Tatsachen nach dem Motto "Was schert mich mein dummes Geschwätz von gestern". In einem solchen, politisch geprägten Umfeld geht die Planungssicherheit gegen Null. Überspitzt gesagt: Wer heute eine Entscheidung trifft, die sich als erfolgreich erweist, muss schon morgen mit seiner Enteignung via "Sondergerechtigkeitssteuer" rechnen. Auch dies versuchen die Märkte einzupreisen. Dennoch scheint uns eine andere Perspektive interessant. Die Schuldenkrise ist in letzter Konsequenz eine Geldkrise. Es ist daher geradezu widersinnig, dass eben dieses fragwürdige Geld nun massiv gegen Sachwerte wie Aktien aufwertet. Mit der Zeit sollte hier ein Umdenkprozess stattfinden. Zumal sich Papiergeld nicht nur beliebig vermehren lässt, sondern auch aktiv beliebig vermehrt wird. Anteile an Qualitätsunternehmen sind dagegen Raritäten.

Mehr zum Thema Geld, was das eigentlich ist, wie es in die Welt kommt und auch wieder verschwindet, warum unser derzeitiges Geldsystem zum Scheitern verurteilt ist, und welche besseren Systeme es gäbe, all das lesen Sie in unserer Sonderausgabe mit dem Titel "Gutes Geld" [http://www.smartinvestor.de/sa/index.hbs]

Übrigens findet diese Ausgabe regen Anklang. Wenn Sie sich also noch ein Exemplar sichern wollen, sollten Sie nicht mehr zu lange warten.

Wir bleiben daher bei unserer Sicht der Börsen. Das heißt, das Crack-up-Boom-Szenario wird sich solange weiter entfalten, wie Geld weiter gedruckt wird (und sei es via Garantieleistungen für irgendwelche Rettungsmaßnahmen) und wie die Zinsen weiter künstlich am Boden gehalten werden. Denn dann trifft immer mehr Geld auf einen gegebenen Bestand an Sachwerten - und das sollte zu steigenden Preisen führen. Dass die Überschussliquidität mal in die eine Assetklasse schwappt und mal in die andere, daran lässt sich leider nichts ändern. Im Augenblick sind es die Aktien, die out sind, aber das ganze kann sich blitzschnell ändern, und sie sind wieder in. Ein Indiz dafür, dass der derzeitige Blitzcrash bald zu Ende gehen könnte zeigt der Volatilitätsindex (VDAX) für den DAX, welcher mit einem Wert von 45 inzwischen die Bandbreite früherer Crashs erreicht hat.

Vdax
 
Wohlgemerkt, dieser Boom bzw. Bullenmarkt vollzieht sich nur in ausgewählten Börsen bzw. Märkten, Deutschland, USA und China dürften dazu gehören, Griechenland oder Italien eher nicht. Das Wort "Crack-up" bedeutet ja "aufbrechen", das heißt es findet ein Aufbrechen zwischen allen möglichen Märkten, Assetklassen, Regionen und auch Gesellschaftsschichten statt.

Fazit
Wir gehen davon aus, dass sich der Kursrutsch der letzten Wochen in seiner Endphase befindet. Mag sein, dass es noch ein paar Tage und ein paar Punkte weiter runter geht, aber auf mittlere Sicht dürften sich die Aktien tendenziell in der Nähe ihrer Tiefs befinden und baldiger Aufschwung bevorstehen.

Ralf Flierl, Ralph Malisch


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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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