Smart Investor Weekly 39/2011: Wolkenkuckucksheim trifft
Realität
In einer österreichischen Welt stünden Griechenland und seine
Gläubiger heute vermutlich nicht unmittelbar vor der Pleite.
Dies nicht etwa deshalb, weil es dort mehr reiche und freigiebige
Onkels als in der EU gäbe, sondern weil bereits die potenziellen
Kreditgeber der ersten Generation mit "gutem Geld" kaum
nennenswert in das griechische Geschäftsmodell investiert hätten.
Ein derart absurd hoher Schuldenberg ist fraglos kein rein
griechisches Problem. Zunächst einmal ist er Ausdruck eines
Geldes, das als beliebig erzeugbares "Fiat Money", solche Exzesse
überhaupt erst möglich macht. Er ist aber auch Ausdruck jener
Kumpanei der frühen Euro-Tage, als sich alle recht europäisch
gaben: Politik, Wirtschaft und natürlich die Banken - letztere
freilich nur, solange die Rendite stimmte, oder was man dort, in
jener nicht ganz branchenuntypischen Mischung aus Gier, Dummheit
und Überheblichkeit, so alles für Rendite hielt. Wer ein
kritisches Wort anmerkte, der war nicht ganz auf der Höhe der
Zeit, in jener schönen neuen EU-Welt, ein notorischer Miesmacher
oder schlimmer noch, ein Rückwärtsgewandter, ein Gestriger. Die
Suppe löffelt - wie eigentlich immer in solchen Fällen - der
zwangsverpflichtete Steuerzahler aus, und der wird noch auf
Jahrzehnte an "seiner" Suppe löffeln.
Zeit für Griechenland
Auch in der Realität wird Griechenland den Gang zum Konkursrichter
wohl nicht so schnell antreten müssen. Denn in der real
existierenden Marktwirtschaft ist es nicht mehr entscheidend,
wohin Angebot und Nachfrage von sich aus streben, sondern wohin
sie die weise Führung der Wirtschaftsplanung lenkt. Griechenland
hätte schon vor über einem Jahr seine Zahlungsunfähigkeit erklären
müssen, den Euro aufgegeben und würde nach dem unvermeidlichen
Einbruch vermutlich heute bereits ein hausgemachtes
Wirtschaftswunder erleben. Dies weiß die Politik jedoch
zuverlässig zu verhindern. Die Losung: "Zeit kaufen für
Griechenland" wie es die Kanzlerin ihrem Stichwortgeber Günther
Jauch so unnachahmlich in die Kameras des Staatsfernsehens
diktierte. Für Prognosen müssen wir also stets unterscheiden
zwischen dem, was bei freier Entwicklung von Angebot und Nachfrage
passieren würde, dem, was langfristig wünschenswert wäre und dem,
was die Politik notfalls mit der Brechstange durchzusetzen bereit
ist. Solange die Politik das Heft des Handelns in der Hand hat,
werden die Marktkräfte bis zur Unkenntlichkeit überlagert und
verzerrt.
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Aus fremder Brieftasche
Als Blaupause für den EU-Transfermechanismus können unsere
heimischen Transfersysteme, sei es für Individuen (Hartz IV), sei
es für Bundesländer (Länderfinanzausgleich) dienen. War
Deutschland einst für seine Ingenieurleistungen und seinen
Erfindungsgeist berühmt, so dürfen wir uns heute der wohl
ausgeklügelsten Transfersysteme weltweit rühmen. Von so viel
Erfahrung wird künftig auch Griechenland profitieren, wenn dort
Gerechtigkeit und Solidarität nach deutschem Vorbild Einzug
halten. Da kann uns kaum mehr Bange um Griechenland sein, denn
noch jede Transferbürokratie hat eine kaum zu bremsende Tendenz zu
dauerhaftem Wachstum. Das Band zwischen Nehmern und Gebern ist auf
Dauer geknüpft, denn im Gegensatz zur klassischen Hilfe zur
Selbsthilfe, wird der Empfänger in aller Regel gerade nicht aus
seinem Zustand der Abhängigkeit heraus transferiert. Bis auf die
Minderheit der Geber, können alle sehr gut mit dem
Beharrungsvermögen solcher Raubsysteme leben: Der Apparat, der
sich Einfluss und Pfründe sichert, aber auch die Empfänger, die
sich ein Leben aus eigener Kraft oft kaum noch vorstellen können.
Ihr gemeinsames Interesse ist die Aufrechterhaltung der Politik
"aus fremder Brieftasche". Scheitern kann so ein System letztlich
nur an der Überforderung der Geber, oder an deren Unwillen sich
weiter ausnehmen zu lassen.
Gemeinsam bankrottieren
Zurück auf der EU-Ebene können wir für die deutsche Politik einen
Unwillen sich ausnehmen zu lassen, nicht erkennen. Allenfalls
kleine Geberländer, wie Finnland, die Slowakei oder Österreich
denken laut darüber nach, ob diese Art der geforderten Solidarität
nicht eigentlich ziemlich pervers sei. Wenn der Zug also nicht von
jenen kleinen Ländern gestoppt wird, was unwahrscheinlich ist,
dann wird ein Transfersystem - im Wesentlichen zu Lasten
Deutschlands - installiert, das bis zu dessen Überforderung in
Kraft bleibt. Nachhaltigkeit, die man sich ansonsten auf die
Fahnen geschrieben hat, scheint für die Finanzpolitik nicht zu
gelten. Im Ergebnis werden Nehmer und Geber mehr oder weniger
gemeinsam bankrottieren. Man kann also durchaus auch ein Spielchen
in griechischen Staatsanleihen wagen, unabhängig davon, für wie
falsch man die Politik der "permanenten Reanimation" Griechenlands
und anderer auch hält.
Papiergold-Crash
Eine hochinteressante Entwicklung zeigte sich an den
Edelmetallmärkten. Just als intensiv über die Überlebensfähigkeit
europäischer Banken diskutiert wurde und sich das Schuldendrama
erneut verschärfte, da fielen Gold und Silber in nie zuvor
beobachteter Geschwindigkeit. Obwohl die Mainstream-Presse mit
kaum verhohlener Häme pflichtschuldig Krokodilstränen über den
Gold-Crash vergoss, wollen einige Details nicht recht passen.
Während also die Papier- und Temingold-Notierungen in den
Sturzflug übergingen, zog die physische Ware nicht annähernd im
gleichen Ausmaß nach und Pro aurum, einer der größten
Edelmetallhändler des Landes, verlautbarte, dass 99% der
Kundenorders Kaufaufträge seien. Inzwischen musste man wegen der
starken Nachfrage sogar Restriktionen einführen. Ein echter Crash
hätte doch erwarten lassen, dass die Menschen es eilig gehabt
hätten, ihr Gold zu verkaufen.
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Ralf Flierl, Smart Investor |
Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor".
Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated,
non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003
eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit,
das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.
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