Smart Investor Weekly: Wolkenkuckucksheim trifft Realität



20:44 27.09.11

Smart Investor Weekly 39/2011: Wolkenkuckucksheim trifft Realität
In einer österreichischen Welt stünden Griechenland und seine Gläubiger heute vermutlich nicht unmittelbar vor der Pleite.

Dies nicht etwa deshalb, weil es dort mehr reiche und freigiebige Onkels als in der EU gäbe, sondern weil bereits die potenziellen Kreditgeber der ersten Generation mit "gutem Geld" kaum nennenswert in das griechische Geschäftsmodell investiert hätten. Ein derart absurd hoher Schuldenberg ist fraglos kein rein griechisches Problem. Zunächst einmal ist er Ausdruck eines Geldes, das als beliebig erzeugbares "Fiat Money", solche Exzesse überhaupt erst möglich macht. Er ist aber auch Ausdruck jener Kumpanei der frühen Euro-Tage, als sich alle recht europäisch gaben: Politik, Wirtschaft und natürlich die Banken - letztere freilich nur, solange die Rendite stimmte, oder was man dort, in jener nicht ganz branchenuntypischen Mischung aus Gier, Dummheit und Überheblichkeit, so alles für Rendite hielt. Wer ein kritisches Wort anmerkte, der war nicht ganz auf der Höhe der Zeit, in jener schönen neuen EU-Welt, ein notorischer Miesmacher oder schlimmer noch, ein Rückwärtsgewandter, ein Gestriger. Die Suppe löffelt - wie eigentlich immer in solchen Fällen - der zwangsverpflichtete Steuerzahler aus, und der wird noch auf Jahrzehnte an "seiner" Suppe löffeln.

Zeit für Griechenland
Auch in der Realität wird Griechenland den Gang zum Konkursrichter wohl nicht so schnell antreten müssen. Denn in der real existierenden Marktwirtschaft ist es nicht mehr entscheidend, wohin Angebot und Nachfrage von sich aus streben, sondern wohin sie die weise Führung der Wirtschaftsplanung lenkt. Griechenland hätte schon vor über einem Jahr seine Zahlungsunfähigkeit erklären müssen, den Euro aufgegeben und würde nach dem unvermeidlichen Einbruch vermutlich heute bereits ein hausgemachtes Wirtschaftswunder erleben. Dies weiß die Politik jedoch zuverlässig zu verhindern. Die Losung: "Zeit kaufen für Griechenland" wie es die Kanzlerin ihrem Stichwortgeber Günther Jauch so unnachahmlich in die Kameras des Staatsfernsehens diktierte. Für Prognosen müssen wir also stets unterscheiden zwischen dem, was bei freier Entwicklung von Angebot und Nachfrage passieren würde, dem, was langfristig wünschenswert wäre und dem, was die Politik notfalls mit der Brechstange durchzusetzen bereit ist. Solange die Politik das Heft des Handelns in der Hand hat, werden die Marktkräfte bis zur Unkenntlichkeit überlagert und verzerrt.

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9. Wertpapierforum

Der exklusive Treffpunkt für Wertpapierprofis

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28./29. November 2011, Wien

Die Schwerpunkte des Investment Forums

- 2012 - Hausse oder Baisse?

- Staatsschulden, Krise und Eurobonds

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Aus fremder Brieftasche
Als Blaupause für den EU-Transfermechanismus können unsere heimischen Transfersysteme, sei es für Individuen (Hartz IV), sei es für Bundesländer (Länderfinanzausgleich) dienen. War Deutschland einst für seine Ingenieurleistungen und seinen Erfindungsgeist berühmt, so dürfen wir uns heute der wohl ausgeklügelsten Transfersysteme weltweit rühmen. Von so viel Erfahrung wird künftig auch Griechenland profitieren, wenn dort Gerechtigkeit und Solidarität nach deutschem Vorbild Einzug halten. Da kann uns kaum mehr Bange um Griechenland sein, denn noch jede Transferbürokratie hat eine kaum zu bremsende Tendenz zu dauerhaftem Wachstum. Das Band zwischen Nehmern und Gebern ist auf Dauer geknüpft, denn im Gegensatz zur klassischen Hilfe zur Selbsthilfe, wird der Empfänger in aller Regel gerade nicht aus seinem Zustand der Abhängigkeit heraus transferiert. Bis auf die Minderheit der Geber, können alle sehr gut mit dem Beharrungsvermögen solcher Raubsysteme leben: Der Apparat, der sich Einfluss und Pfründe sichert, aber auch die Empfänger, die sich ein Leben aus eigener Kraft oft kaum noch vorstellen können. Ihr gemeinsames Interesse ist die Aufrechterhaltung der Politik "aus fremder Brieftasche". Scheitern kann so ein System letztlich nur an der Überforderung der Geber, oder an deren Unwillen sich weiter ausnehmen zu lassen.

Gemeinsam bankrottieren
Zurück auf der EU-Ebene können wir für die deutsche Politik einen Unwillen sich ausnehmen zu lassen, nicht erkennen. Allenfalls kleine Geberländer, wie Finnland, die Slowakei oder Österreich denken laut darüber nach, ob diese Art der geforderten Solidarität nicht eigentlich ziemlich pervers sei. Wenn der Zug also nicht von jenen kleinen Ländern gestoppt wird, was unwahrscheinlich ist, dann wird ein Transfersystem - im Wesentlichen zu Lasten Deutschlands - installiert, das bis zu dessen Überforderung in Kraft bleibt. Nachhaltigkeit, die man sich ansonsten auf die Fahnen geschrieben hat, scheint für die Finanzpolitik nicht zu gelten. Im Ergebnis werden Nehmer und Geber mehr oder weniger gemeinsam bankrottieren. Man kann also durchaus auch ein Spielchen in griechischen Staatsanleihen wagen, unabhängig davon, für wie falsch man die Politik der "permanenten Reanimation" Griechenlands und anderer auch hält.

Papiergold-Crash
Eine hochinteressante Entwicklung zeigte sich an den Edelmetallmärkten. Just als intensiv über die Überlebensfähigkeit europäischer Banken diskutiert wurde und sich das Schuldendrama erneut verschärfte, da fielen Gold und Silber in nie zuvor beobachteter Geschwindigkeit. Obwohl die Mainstream-Presse mit kaum verhohlener Häme pflichtschuldig Krokodilstränen über den Gold-Crash vergoss, wollen einige Details nicht recht passen. Während also die Papier- und Temingold-Notierungen in den Sturzflug übergingen, zog die physische Ware nicht annähernd im gleichen Ausmaß nach und Pro aurum, einer der größten Edelmetallhändler des Landes, verlautbarte, dass 99% der Kundenorders Kaufaufträge seien. Inzwischen musste man wegen der starken Nachfrage sogar Restriktionen einführen. Ein echter Crash hätte doch erwarten lassen, dass die Menschen es eilig gehabt hätten, ihr Gold zu verkaufen.



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Zu den Märkten
Wir glauben, dass die Blitzbaisse vorbei ist. Die charttechnischen Konstellationen erscheinen uns so, dass ab nun eine durchaus kräftige Aufwärtsbewegung bevorstehen könnte, welche in einigen Ländern durchaus das Prädikat "Crack-up-Boom" verdienen könnte, unter anderem in Deutschland und in den USA. Letztere und vor allem die dortigen Dickschiffe aus dem Tech-Bereich haben es uns dabei am meisten angetan. Mehr zu unserer Markteinschätzung finden Sie auch im soeben erschienen Heft 10/2011. Und natürlich finden Sie darin auch etwas über Kapitalschutz in Krisenzeiten. Unseren Kapitalschutzartikel vom letzten Jahr können Sie unter diesem Link nochmals nachlesen: www.smartinvestor.de/kapitalschutz2010

Musterdepot
Sowohl das Limit für das Hebelzertifikat auf den Nasdaq 100 (WKN: BC1WWY) ist zu 2,29 EUR als auch das für die Schaltbau-Aktie (WKN: 717030) zu 65,70 EUR aufgegangen. Damit sind wir nun nahezu voll investiert. Ja, einige Leser haben uns in den letzten Wochen für verrückt oder doch zu wagemutig gehalten. Aber wir stehen dazu: Die Blitzbaisse ist unserer Ansicht nach zu Ende.

Nachdem unser Musterdepotwert Sino Forest wiederholt seinen Offenlegungspflichten nicht nachkam, entschloss sich die Ontario Securities Comission (OSC) vor einigen Wochen, die Aktie vom Handel auszusetzen. Ein harter Schlag für Sino Forest, aber ein vertretbarer Schritt angesichts der Zweifel der OSC an der Verlässlichkeit der Finanzzahlen des Unternehmens. Sino Forest wird wohl erst wieder zum Handel zugelassen, wenn das Unternehmen eine angemessene Antwort auf die Betrugsvorwürfe findet. Kürzlich wurde die Handelsaussetzund bis 25.1.2012 verlängert. Außerbörslich kann man die Aktie bei Lang bei einem großen Spread von 0,42 zu 0,58 EUR handeln. Nach heutigem Erkenntnisstand sieht das fast nach einem Totalverlust aus. Wir überlegen noch, wie wir hier vorgehen werden.

Wie gesagt: wir können uns nicht vorstellen, dass man Griechenland in die Insolvenz gehen lässt. Dazu ist dieses Finanzsystem zu sehr darauf aufgebaut, dass große Schuldnerausfälle nach Möglichkeit vermieden werden. Aus diesem Grunde erwerben wir für unser Musterdepot die Griechenland-Anleihe 2002-2012 (Fälligkeit am 18.5.2012) mit der Kennnummer 830275. Die Laufzeit beträgt also noch knapp acht Monate, der Kursliegt derzeit bei ca. 54,60. D.h. sollte Griechenland bis Mai 2012 nicht pleite sein und die ordnungsgemäße Rückzahlung zu 100 erfolgen, so ergäbe sich zzgl. Zinsen daraus eine Rendite von rund 100%, auf ein komplettes Jahr hochgerechnet sogar rund 140%. Wir legen daher ab morgen ein Limit zu 54 EUR an der Stuttgarter Börse für einen Betrag von 10.000 Euro nominal, d.h. kommen wir zum Zuge, so beträgt die Investitionssumme 5.400 Euro und damit rund 1,7% unseres Depots. Sollte ein Schuldenschnitt doch stattfinden, so läge der Rückzahlungswert eben in dieser Höhe. Bei einem Schnitt um 46% würden wir damit Plus-Minus-Null rausgehen. Wer mehr zu diesem Thema nachlesen will, kann dies auch in unserer August-Ausgabe (8/2011) auf S. 72 tun.

Anmerkung der Redaktion
Das Magazin Smart Investor sucht einen Volontär oder Praktikanten (auch Teilzeit) als personelle Verstärkung. Leidenschaft für das Thema Wirtschaft/Börse, eine gewisse journalistische Begabung sowie gute EDV-Kenntnisse sollten vorhanden sein. Bei Interesse melden Sie sich bitte unter info@smartinvestor.de (Ansprechpartner: Ralf Flierl)

Österreicher in Wien
Wer Interesse an der Österreichischen Schule und deren Aussage zur aktuellen Wirtschaftskrise hat, der sei auf den Kongress in Wien am 30. September und 1. Oktober 2011.hingewiesen. Smart Investor mit einigen Redakteuren dort vertreten sein. Auch wird es dort einen Status-Bericht zum Crack-up-Boom geben.

Wir würden uns freuen, Sie dort zu sehen. Infos unter: www.go-ahead.at/summit

Die Oktoberausgabe ist da
Vergangenes Wochenende erschien die neueste Ausgabe des Smartinvestor. Im Großen Bild beschäftigen wir uns diesmal mit den Fragen um Expansion und Kontraktion in unserem Wirtschaftssystem. Einen Überblick über den gesamten Inhalt können Sie sich hier verschaffen.

Fazit
Wir gehen davon aus, dass die politische Klasse es nicht zur Kontraktion kommen lässt und mit neuen Schulden noch einmal das Expansionssystem befeuert. Entsprechend sollten die Kurse an den Börsen wieder zulegen.

Ralf Flierl, Ralph Malisch


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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Dienstagnachmittag.

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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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