Smart Investor Weekly 43/2011
Friedensprojekt Euro - nun auch zwischen Frankreich und
England
Wie der Euro die Nationen inzwischen sichtbar auseinandertreibt.
Langsam kommt im Mainstream an, was wir schon seit geraumer Zeit
beobachten und aussprechen: Auf n-tv.de lesen wir etwa gestern
unter der Überschrift "Rumgeschnauze und Nörgelei - EU-Entscheider
völlig überfordert" einen Kommentar von Wolfram Neidhard. Die
angeblich "friedensstiftende" Wirkung des Euro lässt sich seit dem
letzten "Rettungs"-Gipfel nicht mehr nur zwischen Deutschland und
Griechenland beobachten, sondern jetzt auch zwischen England und
Frankreich, zwischen Italien und dem Rest der Eurozone, etc. Bei
der Rettung seiner Banken scheint etwa der französische Präsident
im britischen Premier einen nicht ganz so willfährigen Mitspieler
zu finden wie in der deutschen Kanzlerin. Die italienische
Regierung ist mittlerweile sichtbar ebenso amtsmüde wie
überfordert.
Der schlimmste Fall?
Noch vor dem Gipfel schwor die Bild-Zeitung die Leser auf
Unpopuläres ein. Sie titelte: "Euro-Krise: Was droht uns im
schlimmsten Fall?" Es folgte eine Fleißarbeit, in der minutiös
aufgezählt wurde, dass jede, aber auch wirklich jede Gruppe, ob
Arbeitnehmer, Sparer oder Rentner ohne Euro nur verlieren kann.
Die Botschaft war klar, auch wenn der Gipfel eine noch so große
Kröte für die Bürger beschlossen hätte, sie zu schlucken wäre
allemal besser, als den Euro sausen zu lassen. Erstaunlich nur,
dass vergessen wurde, den Völkern Europas für den Fall des
Scheiterns wieder einmal mit Krieg zu drohen. Vermutlich ist diese
Gangart erst für die nächste Eskalationsstufe vorgesehen.
Dilettanten am Werk
Noch während des Gipfels publizierte die gleiche Zeitung ein
Gruppenbild der beteiligten Regierungschefs mit der
Bildunterschrift: "Hier stehen 9.811.893.000.000 Euro Schulden".
Da konnte man schon eine gewisse Häme übe die wirtschaftliche
Kompetenz der Handelnden heraushören. Immerhin dieser bunt
zusammengewürfelte Haufen dilettiert seit knapp zwei Jahren bei
etwas, was sie "Rettung" nennen. Kanzlerin Merkel, so lesen wir,
schlägt - wieder einmal - die Schlacht um "unseren" Euro, wie die
Bild-Zeitung das Geldexperiment der EU gerne apostrophiert. Das
eigentliche Novum aber ist, dass inzwischen relativ offen über den
Dissens zwischen den Regierungen berichtet wird. Bislang war
hinsichtlich der europäischen Idee, die sich in der Version EU in
einen monströsen Apparat verselbständigt hat, zuvorderst Einigkeit
angesagt. Fundamentale Kritik an der EU grenzte an Ketzerei. Dass
sich der Zwist heute nicht mehr verbergen lässt, dürfte vor allem
damit zu tun haben, dass der Euro eben nicht nur eine hübsche Idee
für Festreden geblieben, sondern in der Realität angekommen ist.
Er greift jetzt sehr direkt in das Wirtschaftsgefüge zwischen den
Nationen ein und entgegen den gebetsmühlenhaften Beteuerungen
seiner angeblichen Vorteile, tun sich dabei Abgründe auf. Der Euro
hat eine eigene Mechanik, die völlig unbeeindruckt von den
Absichtserklärungen der Politik, zwischen Überschuss- und
Defizitländern ihre Wirkung entfaltet. Entgegen den Intentionen
seiner Erfinder, macht er die Nationen nicht gleicher, sondern
arbeitet zunächst einmal die Gegensätze mit einer Klarheit heraus,
die die Akteure erschaudern lässt. Die aktuellen Querelen sind
nichts anderes als Interessenskonflikte zwischen den
stabilitätsorientierteren und verbrauchsorientierteren
Volkswirtschaften. Stabilitätsorientierung ist allerdings nur noch
ein relativer Begriff.
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Dünnhäutigkeit auf der Großbaustelle
Der Prozess hat nun spürbar an Fahrt aufgenommen und die Gerüchte
verdichten sich, dass hinter den Hebelerwägungen, die von einigen
Handelnden in einer geradezu bemitleidenswerten Naivität
vorgetragen wurden - so als ob es beim Hebel etwas geschenkt gäbe
-, nicht mehr alleine Griechenland steht. Italien nimmt seit
einigen Monaten in ungeahntem Ausmaß den Target2-Mechanismus des
europäischen Zentralbanksystems in Anspruch, weil es bei der
amtsmüden Operettenregierung Berlusconi mittlerweile offenbar
nicht mehr nur im Schritt kneift. Gerade dieses Land ist aufgrund
der schieren Dimension der Verschuldung mit den bisher
beschlossenen Maßnahmen aber nicht geräuschlos aus der Schusslinie
zu halten. Auch Frankreich, das vom Mainstream bislang fest im
Kreise der "Retter" verortet wurde, ist seit der angekündigten
Ratingüberprüfung in den Fokus des Interesses und der Besorgnis
geraten. Neben den Problemen der französischen Banken tut sich
hier die zweite Großbaustelle für Präsident Sarkozy auf, was die
Dünnhäutigkeit des kleinen Franzosen gegenüber dem britischen
Premier erklären mag.
Inflation der Schicksalstage
Am morgigen Mittwoch ist also ein weiterer Schicksalstag in einer
immer schnelleren Abfolge solcher Tage. Vor dem EU-Gipfel muss der
Bundestag erneut über die "Ertüchtigung" des EFSF abstimmen. Dies
nicht deshalb, weil er, wie das slowakische Parlament im ersten
Durchgang "falsch" gestimmt hätte, sondern weil sich gezeigt hat,
dass das worüber der Bundestag abstimmen durfte, wohl doch nicht
ganz das war, was die Regierung nun eigentlich plant. Dass die
Abgeordneten am Tag vor der Abstimmung noch nicht einmal das
Vertragswerk in Händen hatten, über das sie entscheiden sollen ist
mittlerweile fast schon das übliche Verfahren. Eingehende Prüfung
und eigenständige Entscheidung sind ohnehin nicht gewünscht. Das
Fazit aus der Geschichte des Euro ist eigentlich, dass Geld eine
viel zu wichtige Sache ist, um es in die Hände wirtschaftlich
nicht ausreichend vorgebildeter Politiker zu geben und dort sogar
noch zu monopolisieren. Diese haben gerade in der letzten Zeit
wieder deutlich gezeigt, dass die eigentlichen Geldfunktionen
schnell in den Hintergrund treten können, wenn eine Währung für
politische Zwecke instrumentalisiert wird. Wie "Gutes Geld"
aussehen könnte, das erfahren Sie aus unserer gleichnamigen
Sonderausgabe, von der noch einige wenige Exemplare vorrätig sind.
Frühlingsblüten
Angesichts der europäischen Probleme gerät leicht aus dem Fokus,
wie anderenorts Demokratie und Wohlstand blühen. Der sogenannte
arabische Frühling bildete eine weitere Blüte aus und Libyen wurde
von einem echten Scheusal an Diktator befreit. Der Übergang in die
demokratische Ära wurde zünftig mit Lynchmord und Sippenhaft für
die Angehörigen des Gestürzten begangen. Mit dem Einzug der
Demokratie kommt der Wohlstand in das geschundene Land und die
Versorgungslage verbesserte sich dramatisch, wie ein Blick in den
Supermarkt zeigt: "Diese Woche frisch in der Kühltheke: toter
Diktator.
Zu den Märkten
Gestern erreichte uns folgende Leseranfrage:
Zurzeit haben wir eine für mich unverständliche Rally. Es wurde
nichts gelöst, die Gewinne in der Realwirtschaft schrumpfen, in
vielen Ländern werden Sondersteuern eingeführt. Die Big Brothers
manipulieren den Markt wieder, die Kleinanleger werden verrückt.
Auch der Tag muss kommen, an dem man feststellt, dass nichts
besser ist. Wie interpretieren Sie die aktuelle Rally?

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Ralf Flierl, Smart Investor |
Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor".
Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated,
non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003
eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit,
das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.
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