Smart Investor Weekly 47/2011
Alles anders - weil Gefahr im Verzug
Die Entwicklungen der letzten Tage sowohl in der Politik als auch
an den Aktienmärkten lassen sich eigentlich nur äußerst negativ
interpretieren.
Allen voran in Europa scheint sich die Lage mehr und mehr zu
zuspitzen. Nachdem es bereits gelungen ist, in Griechenland mit
Loukas Papadimos einen lupenreinen Technokraten ohne Wahl oder
ähnlich lästigen demokratischen Ballast zu installieren (Herr
Papadimos war übrigens zuvor eben jener Gouverneur der
Griechischen Zentralbank, deren Bilanzierungstricks den Beitritt
zur Eurozone erst ermöglichten), folgte nun auch der zweite Coup.
Mario Monti, ehemaliger Direktor von Goldman Sachs (übrigens eben
jenes Institut, welches den Griechen jene Bilanzierungstricks
beibrachte, die den Beitritt zur Eurozone erst ermöglichten),
wurde nun als neuer Duce... Verzeihung, neuer Ministerpräsident
Italiens installiert - selbstverständlich ohne Wahlen oder ähnlich
lästigen demokratischen Ballast.
Harte Sparpakete
Die Installation derartiger Technokraten verspricht, dass die
Sparrhetorik wieder deutlich schärfer werden wird. Während mit der
einen Hand die Milliarden weiterhin direkt an die Banken
durchgereicht werden dürften, werden mit der anderen harte
Einschnitte für die Bevölkerung vorbereitet werden. Das Ganze ist
natürlich Gift für die wirtschaftliche Entwicklung, ebenso als
würde man einem Alkoholiker völlig unvermittelt die Schnapsflasche
wegnehmen und ihn an einer einsamen Landstraße stehen lassen.
Auch auf der anderen Seite des Atlantiks türmen sich die dunklen
Wolken immer höher: das überparteiliche Supercomittee ist
gescheitert und so werden ab 2013 "Sparmaßnahmen" mit der
Rasenmähermethode durchgesetzt (tatsächlich wird einfach nur etwas
weniger Geld ausgegeben). Um im Bild zu bleiben, das dürfte
ähnliche Folgen haben als würde man einem Alkoholiker erzählen,
dass man ihm morgen die Flasche wegzunehmen gedenkt...
Dabei sind einige Fundamentaldaten gar nicht so schlecht: In den
USA ist die Berichtssaison fast zu Ende und es zeigt sich, dass
zwei von drei S die an sie gerichteten Analysten-Erwartungen
übertreffen konnten. Das KGV der US-Börse liegt derzeit bei rund
12,5, was keinesfalls teuer ist. Trotzdem legten die US-Börsen den
Rückwärtsgang ein. Aber die Börse preist gerade einen rabiaten
Einbruch der Konjunktur ein.
Charts deuten Schlimmeres an
Die Kursentwicklungen weltweit lassen Schlimmeres erwarten. Viele
Börsen legten in den letzten Tagen sehr negative Entwicklungen
hin, so dass sich charttechnisch unschöne Konstellationen
herausgebildet haben. Insbesondere die Emerging Markets tun sich
hier hervor, z.B. Indien oder Brasilien (siehe nächstes Heft).
Und hierzulande hat der DAX seine Kopf-Schulter mit dem gestrigen
Tage tatsächlich vollendet. Das hatten wir so nicht erwartet: noch
letzte Woche gingen wir davon aus, dass der Markt nur "antäuschen"
würde, um dann nach oben abzuziehen. Andere europäische Börsen
notieren schon wieder auf Kursen unterhalb der Tiefs vom Sommer.
Das sieht alles nicht wirklich gut aus und im Grunde genommen
schreit das Ganze sogar noch weiter fallenden Kursen.
Zugegeben: Die Charttechnik sieht derzeit noch weitaus
dramatischer aus als die fundamentale Situation. Aber Börsen haben
nun einmal einen Vorlaufcharakter, und den sollten wir auch nicht
unterschätzen. Die wahrscheinlichste Entwicklung stellt sich uns
so dar: Europa trudelt Italien-bedingt in die Rezession:
Firmenpleiten, ein Anstieg der Arbeitslosigkeit und soziale
Unruhen werden die Folge sein. Erst dann wird die EU von den
Austeritätsmaßnahmen abrücken.
Aufgrund der jüngsten Entwicklungen halten wir es für immer
unwahrscheinlicher, dass die Kursrückgänge der letzten Tage nur
ein Ausrutscher waren. Und damit muss man sich auch fragen, ob die
Hausse seit 2009 im Sommer dieses Jahres bereits beendet wurde.
Oder anders gesagt: Der Crack-up-Boom (im weiteren Sinne) wäre
damit zu Ende gegangen. Und erst wenn die Politiker hemmungslos in
die Wirtschaft intervenieren (Firmen-Rettungen, Gelddrucken,
Eurobonds usw.), dürfte dann der CuB im engeren Sinne (so wie ihn
Ludwig von Mises beschrieben hat) bevorstehen.
Aktion "Safety first" - Aufräumarbeiten im Musterdepot
Es braucht gute Nerven, wenn man in diesen Tagen als Aktionär noch
ruhig schlafen will. Da sich die Anzeichen auf eine weitere
Eskalation der Schuldenkrise mehren, haben wir uns im Musterdepot
zu einem radikalen Schnitt entschieden.
Das Problem, das sich uns derzeit als Investor stellt, ist einfach
umschrieben: Wie geht man damit um, dass man einerseits ein Depot
mit qualitativ guten Aktien hat, andererseits sich an den Märkten
gerade Ungemach zusammenbraut, wogegen einzelne Unternehmen kaum
Handlungsmöglichkeiten haben? Wir fahren im Musterdepot eine
Mischstrategie, einerseits werden wir einige Titel, vor allem aber
die Derivate sofort verkaufen. Bei anderen, wo sich noch nicht
vollends herauskristallisiert hat, inwieweit sie von einer
anstehenden Rezession erwischt werden, setzen wir
Stop-Loss-Marken.
Folgende Titel werden wir zum morgigen Eröffnungskurs verkaufen,
da hier die inzwischen aufgelaufenen Kursverluste zu groß sind
oder aber sich sehr bedrohliche charttechnische Konstellationen
ergeben haben. Folgende Titel werden zur Eröffnung am Mittwoch
verkauft (bestens): Yara, Silver Standard, Orascom, Stratec
Biomedical, Solarworld, Palfinger.
Ebenso werden die Optionsscheine (Calls) auf Pfizer*, Microsoft
und Amazon glattgestellt, sowie auch das Nasdaq-Long-Zertifikat
(WKN DE23KZ).
Bei folgenden Titeln setzen wir Stop-Losses, d.h. sobald die
angegebene Kurse um 17.30 Uhr (= Xetra-Schluss) eines Tages
erreicht oder unterschritten werden, erfolgt ein Verkauf (an der
Frankfurter Börse ist ein Handel bis 20.00 Uhr möglich). Gültig ab
dem morgigen Mittwoch: Init (Stop-Loss bei 15,10 EUR), Gigaset*
(Stop-Loss bei 2,45 EUR), Banpu (Stop-Loss bei 12,60 EUR),
Delticom (Stop-Loss bei 69,20 EUR).
Noch eine grundsätzliche Anmerkung zu den Verkäufen: Die meisten
dieser Titel halten wir fundamental für noch in Ordnung, aber
dennoch sehen wir Kursrisiken: Entweder weil die Märkte eine
weltweite Rezession/Deflation einpreisen oder aber weil hier in
Europa den Politikern die Sache aus den Händen gleitet. In jedem
Falle bleiben die Titel auch nach einem Verkauf weiter auf unserer
Watchlist und werden gegebenenfalls wieder auf tieferem Niveau
zurückgekauft.
Seit Oktober befindet sich die Aktie des kanadischen
Silberproduzenten First Majestic* im Depot. Auch dieser Wert kam
in den letzten Wochen unter Druck, wobei sich die Kursverluste
hier im Vergleich zur Silver-Standard-Aktie insgesamt in Grenzen
hielten. First Majestics Förderung liegt bislang ausschließlich in
Mexiko. Dort betreibt die Gesellschaft mehrere Minen, von denen
die La Parrilla-Mine derzeit aufwändig erweitert und modernisiert
wird. Dadurch soll sich die Produktionskapazität von 1,8 Mio.
Unzen im Jahr 2010 auf 3,2 Mio. Unzen im nächsten Jahr nahezu
verdoppeln. Bislang laufen die Arbeiten nach Plan. Über 40 Mio.
USD investiert First Majestic voraussichtlich in das Projekt.
Aufgrund neuer Explorationsergebnisse haben sich die dort
nachgewiesenen (proven reserves) Silbervorkommen signifikant
erhöht. Der Lebenszyklus der Mine steigt dadurch von zwei auf
vierzehn Jahre an. Insofern scheinen die Investitionen in den
Ausbau gut angelegt. Dank des weiterhin recht hohen Silberpreises
verdiente First Majestic allein im dritten Quartal 27,8 Mio. USD.
Ein Jahr zuvor waren es lediglich 10,1 Mio. USD. Die scharfe
Korrektur im Silberpreis führte zwischenzeitlich zu einem nicht
realisierten Verlust in den von der Gesellschaft gehaltenen
Silber-Futures von 6,3 Mio. USD. Mitte November hatte sich dieser
mit der Erholung des Edelmetalls aber bereits wieder auf 0,8 Mio.
USD reduziert. Im Vergleich der beiden Silberaktien geben wir
First Majestic somit klar den Vorzug.

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Ralf Flierl, Smart Investor |
Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor".
Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated,
non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003
eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit,
das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.
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