Smart Investor Weekly 48/2011
Mutation des Gier - Gens?!
Die Einschläge rücken näher und dem entsprechend vergeht kaum mehr
ein Tag an dem nicht in irgendwelchen Medien unser
"kapitalistisches" System diskutiert und zerpflückt wird.
Sollten Sie dieses Spektakel bisher nicht mitverfolgt haben,
trösten Sie sich: Sie haben nichts verpasst, denn der Tenor ist
immer derselbe: die Märkte haben versagt, wir brauchen mehr
Regulierung und allen voran die Gier der Banker hat diese
ausweglose Situation entstehen lassen.
Öbszöne Gehälter
Damit wir nicht falsch verstanden werden: Natürlich sind die
Bezüge vieler Bankvorstände aber auch vieler anderer Manager
obszön hoch. Mit welcher Begründung soll denn ein heutiger
DAX-Konzernmanager 100 oder gar 500 mal mehr verdienen als sein
"normaler" Angestellter, bzw. das 10- oder 50fache eines Bankiers
des vorletzten Jahrhunderts? Es handelt sich hierbei definitiv um
das Ergebnis einer falschen Entwicklung. Aber eben nur um ein
Ergebnis und nicht um einen Grund - und diese Unterscheidung ist
alles entscheidend! Denn exakt an dieser Weg-scheidung gehen
nahezu alle diesbezüglichen Diskussionen in die falsche Richtung
und verlieren sich daher in nichtsagendem oder gar sinnlosem
Geschwätz.
Gieriger als früher?
Warum bitteschön soll denn die Gier der heutigen Manager viel
größer als die der Firmenchefs vor 100 Jahren sein? Gibt es ein
für Gier zuständiges Gen, welches im Laufe der Zeit mutiert hat?
Natürlich nicht, die Gier ist also heute genauso groß wie früher.
Und sie ist übrigens auch genau gleichmäßig in der Bevölkerung
verteilt. Oder würden Sie das Angebot eines zweistelligen
Millionensalärs ausschlagen, wenn man es Ihnen denn anbieten
würde?
Das falsche Geldsystem
Was sich aber geändert hat im Laufe der letzten 100 Jahre, das ist
das Umfeld, in welchem sich die Gier austoben kann, namentlich
unser Geldsystem. Erst das Schein-Geld-System hat es möglich
gemacht, dass sich die Gier ungehemmt entfalten konnte. Die
Geldmenge wurde ins Uferlose ausgedehnt, so dass immer mehr Geld
auf eine deutlich langsamer wachsende Menge an Gütern trifft.
Dieses Geld sorgt somit für immer stärkere Verwerfungen und
Fehlanreize im Wirtschaftssystem und besonders an den
Kapitalmärkten. Vor allem aber ist es dank der Geldschöpfung aus
dem Nichts einigen Gruppen möglich geworden, für sich selbst die
uralte marktwirtschaftliche Verbindung von unternehmerischem
Risiko und unternehmerischem Gewinn zu sprengen. Hielt früher die
Sorge um das richtige Maß an Risiko die Gier nach höherem Gewinn
im Zaum, so kann sich heutzutage die Gier frei von jeder Angst um
das Risiko voll entfalten. Dank des staatlichen Zwangsgeldsystems
werden "systemrelevante" Großbanken und andere Konzerne gerettet,
falls sie sich verkalkuliert, verspekuliert oder einfach schlecht
gewirtschaftet haben. Für den normalen Mittelständler bzw.
einfachen Bürger gibt es ein solches Rettungssystem freilich nicht
- im Gegenteil: er hat die Lasten der Rettungsmaßnahmen zu tragen.
Insgesamt sei Ihnen zu diesem Thema die Titelstory der neuen
Ausgabe des Smart Investor Magazins ans Herz gelegt, deren zwei
erste Seiten Sie hier lesen können:
www.smartinvestor.de/kapitalismuskritik
Anzeige:
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Droht Deflation und Depression?
Die meisten Anleger erwarten, dass die globale Staatsschuldenkrise
durch eine höhere Inflation gelöst wird. Dabei sollten sie eher
das Gegenteil befürchten. StarCapital Fondsmanager Peter E. Huber
erläutert die Gründe und zeigt Chancen in seinem Vortrag "2012 -
Das Jahr der Entscheidung?", abrufbar unter
http://www.starcapital.de.
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Zu den Märkten
Mehr verschaukelt hatten wir uns eigentlich noch nie gefühlt.
Letze Woche zogen wir mental die Reißleine - zumindest zur Hälfte
- weil uns einige Chartbilder zu gefährlich aussahen. Heute, eine
Woche später, wissen wir, dass dies erst einmal genau der falsche
Zeitpunkt war. Sind wir in eine Bärenfalle getappt?
Das Beispiel mit dem Auto
Jeder Vergleich hinkt, das ist weitläufig bekannt. Dennoch wollen
wir einen Vergleich mit einem Automobil wagen, um zu
verdeutlichen, in welchem Zusammenhang aus unserer Sicht die drei
von uns verfolgten Analysemethoden stehen. Die
"Fundamentalanalyse" gibt Auskunft über den Treibstoff oder - im
übertragenen Sinne - über das Potenzial, welches für die
Fortbewegung eines Autos zur Verfügung steht. Dieses Potenzial
muss aber auch genutzt bzw. in eine Drehbewegung verwandelt
werden. Beim Auto geschieht dies mithilfe des Motors. Im
übertragenen Sinne entspräche dem Motor die Sentiment- oder
Markttechnik: diese versucht dasjenige Potenzial zu ermitteln,
welches sich aus der Positionierung der einzelnen Marktteilnehmer
ergibt. Um ein Auto zum Laufen zu bringen benötigt es beides:
Sprit und einen Motor. Um eine Bullenmarkt vorhersehen zu können,
benötigt es beides: attraktive fundamentale Bewertungen sowie ein
gesundes "Börsensentiment". Welche Rolle aber spielt die
Charttechnik in dieser Gegenüberstellung? Die Charttechnik stellt
im eigentlichen Sinne kein Potenzial, sondern nur die Anzeige
eines Potenzials dar. Im Auto-Beispiel entspräche der Charttechnik
ein Tachometer. Dieser gibt die Geschwindigkeit an, aber er trägt
selbst nichts zur Geschwindigkeit bei.
Dieser Auto-Vergleich soll helfen, unsere jüngste Aktion zu
verdeutlichen: bisher gingen wir davon aus, und tun es noch, dass
genügend Treibstoff für eine weiterführende Aufwärtsbewegung an
den Börsen (CuB) vorhanden ist. Allerdings kamen in den letzten
beiden Wochen Entwicklungen hinzu, die uns an eine kurze
Unterbrechung der Treibstoffzufuhr glauben ließen: erstens die
Finanzierungskrise des italienischen Staates und zweitens der
Budgetstreit in den USA (siehe Weekly von letzter Woche). Zudem
war schon seit einigen Wochen aus den Analysen des Hauses sentix (
www.sentix.de) herauszulesen, dass weder eine kurzfristige
Aufgabestimmung noch eine mittelfristige Zuversicht unter den
Anlegern auszumachen sei. Also dass der Motor nicht rund läuft.
Zudem zeigte der Tachometer in der letzten Wochen einen rapiden
Geschwindigkeitsabfall an.
Aus diesem Grunde haben wir uns dazu entschlossen, die
Geschwindigkeit weiter zu drosseln, um weiteren Schaden so gering
wie möglich zu halten. Die Frage, die wir uns nun stellen müssen:
War unsere Aktion richtig, oder sind wir nur einer "falschen
Tachometer-Anzeige" aufgesessen?
Das Potenzial für den von uns seit April 2009 ausgerufenen
Crack-up-Boom sehen wir nach wie vor gegeben - wenn nicht jetzt,
dann zu einem späteren Zeitpunkt. Allerdings müssen dafür die
monetären Schleusen vollends geöffnet werden, in den USA bedeutet
dies Quantitative Easing in noch größerer Anzahl und höheren
Potenzen und in Europa bedeutet dies Eurobonds. Beide Maßnahmen
führen aus unserer volkswirtschaftlichen Sicht (Österreichische
Schule) zwar mittelfristig in den inflationären Kollaps, aber
kurzfristig könnten Sie das Endstück des Crack-up-Booms (=
Bullenmarkt) einläuten.
Die charttechnischen Verkaufssignale, die sich letzte Woche
ergaben, werteten wir dergestalt, dass nun nochmals tiefere Kurse
drohen, bevor die Endphase des aktuellen Bullenmarktes ansteht.
Allerdings haben sich die Börsen seitdem teilweise wieder gut
erholt, so dass wir natürlich damit rechnen müssen, einem
Fehlsignal aufgesessen zu sein. Zudem erscheint uns das
Börsensentiment bei weitem mehr im Bereich von "Aufgabestimmung"
zu sein als dies die Analysen von sentix (im aktuellen Heft auf S.
53) wiedergeben. Unsere zahlreichen Gespräche auf dem
Eigenkapitalforum in Frankfurt letzte Woche (dies ist eine riesige
dreitägige Veranstaltung, auf der sich u.a. über 200
börsennotierte Gesellschaften aus dem Prime Standard vorstellen,
und auf der über 3.000 Vertreter der Mpaitalmarktszene vertreten
sind), vermittelten uns eher den Eindruck, dass kaum jemand mehr
mit einer Erholung auf absehbare Zeit rechnet. Letztendlich müssen
wir uns dabei auch an die eigene Nase fassen. In gewisser Weise
hatten auch wir letzte Woche "aufgegeben". Aus einer solchen
Positionierung heraus aber gibt es jede Menge positives
Überraschungspotenzial.
Also: Der Motor (Sentiment) scheint doch noch einwandfrei zu
arbeiten. Über den Treibstoffvorrat (fundamentaler Datenkranz)
müsste man noch sprechen. Spätestens aber wenn die Regierungen
"nachtanken" im Sinne von QE und Eurobonds, kann die Fahrt wieder
unvermittelt weitergehen. Ob uns die Tachometer-Anzeige einen
Streich gespielt hat, können wir per heute noch nicht sagen. Der
letzte Woche angezeigte Durchbruch durch die SKS-Nackenlinie beim
DAX wurde wieder korrigiert. Wie Abb. 1 zeigt, notiert das
deutsche Bluechip-Barometer wieder ziemlich exakt auf der
Nackenlinie. Einige andere Indizes verhielten sich ebenso und
drehten nach der Generierung von Verkaufssignalen wieder nach
oben. Man spricht in diesem Zusammenhang von "falschen
Verkaufssignalen".

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Ralf Flierl, Smart Investor |
Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor".
Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated,
non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003
eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit,
das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.
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