Machen Sie Ihre Hausaufgaben, aber nicht erst im Schulbus!



07:08 07.12.11

Vor einigen Tagen fuhr ich mit der U6 quer durch Wien, da ich zeitig in
der Früh einen Termin am anderen Ende der Stadt hatte. Da mir langweilig
war, beobachtete ich ein paar Jugendliche, die auf der Fahrt zur Schule
scheinbar noch rasch ihre Hausaufgaben machten und dementsprechend
hektisch wirkten. Das waren noch Zeiten, dache ich, als ich damals im
Bus auch noch schnell meine Hausaufgaben schrieb. Ich begann darüber zu
sinnieren, wie sehr sich meine Einstellung doch geändert hatte.
Wohlgemerkt als Trader.

Früher neigte ich dazu, die Dinge immer erst zwei Minuten vor 12 Uhr zu
erledigen. In der Schule die Hausaufgaben, daheim die Einkäufe und im
Job alles andere. Erst wenn ich kurz vor dem Abgrund stand und nicht
mehr aus konnte, wurde ich aktiv. Doch ohne es bewusst zu bemerken,
hatte sich die Lage geändert. Heute bin ich ein im Eigenhandel tätiger
Trader. Ich muss zum Glück keine Hausaufgaben mehr machen (oder
zumindest nur solche, die ich mir selbst auferlege), ich muss im Job
keine Gesprächsprotokolle mehr schreiben und ich muss auch sonst (fast)
gar nichts mehr. Aber ich will! Weil es mich interessiert. Und deswegen
bin ich vorbereitet so gut wie nie und das noch dazu freiwillig!

Die Märkte eröffnen um 9 Uhr. Da ich in den ersten 30 Minuten nicht
handle beginnt mein Arbeitstag eigentlich erst um 9.30 Uhr. Als Trader
habe ich keine Stechuhr und werde nicht nach Zeit sondern nach Leistung
bezahlt. Daher würde es genügen, wenn ich jeden Tag erst um 9.25 den PC
hochfahre. Da der Vittner Screener mir alle Signale ja am Silbertablett
präsentiert, ist sogar das vorbörsliche manuelle Marktscreening
hinfällig. Zumindest theoretisch ist das so. Aber was mache ich praktisch?

An den meisten Tagen sitze ich ab 7 Uhr vor dem Rechner. Nachdem ich
meinen Posteingang auf wichtige Nachrichten geprüft habe, ist das erste,
was ich täglich tue, meine Handelsplattform zu starten. Ich prüfe kurz
die Headlines, dann sehe ich mir die Kursverläufe der Futures an. In
weitere Folge gehe ich das Reporting meines Brokers durch und trage alle
geschlossenen oder neuen Trades des Vortages in mein Journal ein. Ich
will up to date sein, damit ich genau sagen kann, wo ich stehe und was
derzeit funktioniert oder nicht.

Als nächstes prüfe ich meine offenen Trades. Ist der Stopp korrekt
platziert? Stimmt die Stückzahl an gehandelten Einheiten? Gibt es Orders
von gestern, die nicht abgeholt wurden und die ich löschen muss? Wie
hoch waren die Finanzierungskosten? Hat der Broker richtig gerechnet?
(Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser).

Wie sieht meine Long/Short Gewichtung aus? Muss ich manuell eingreifen?


Mit welcher Eröffnung kann ich rechnen? Halten meine Stopps oder soll
ich sie temporär beim Open entfernen? Wie sieht meine aktuelle
Performance aus? Im Monat, im Jahr, in der Woche? Läuft der Markt in
normalen Bahnen oder braut sich etwas zusammen? Autopilot oder manuelle
Steuerung? Und dann ist es oft erst 8 Uhr morgenserst dann hole ich mir
meinen zweiten Kaffee (den ersten brauche ich gleich beim Aufstehen,
sonst geht gar nichts). Und dann nehme ich mir die Zeit, online die
Tageszeitung zu lesen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wie sich die
Dinge doch ändern, wenn man etwas wirklich will.

Spätestens um 8.55 Uhr habe ich mir alle deutschen Signale aus dem
Screener durchgesehen (die kommen täglich ab 8.45 Uhr). Sofort werden
die entsprechenden Watchlisten in meiner Handelsplattform erstellt. Ich
filtere alle Earnings und solche Werte, die unter einer bestimmten
Mindestnotierung stehen. Und dann ist noch immer Zeit, den Open zu
beobachten, wenn ich dazu Lust habe denn nötig ist es vielfach nicht.
Bis zum eigentlichen Trading Session um 9.30 bleibt also noch immer
etwas Restzeit.

Ich bin vorbereitet auf den Tag. So gut ich in einem chaotischen Umfeld
wie den Märkten mit den Möglichkeiten eines privaten Traders vorbereitet
sein kann. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht lange bevor die Märkte
eröffnen. Und dann warte ich auf den Gong! Wie steht es um Ihre
Vorbereitung? Machen Sie das auch alles rechzeitig? Ach, Sie sind
berufstätig und haben nicht die Zeit? Faule Ausrede: ich war jahrlang
als Nebenberufstrader tätig. Manche der oben beschriebenen Tätigkeiten
erledigte ich bereits am Vorabend. Manches in der Nacht. Ich wollte
vorbereitete sein, also war es keine Arbeit für mich sondern ein Vergnügen.

Wenn Sie sich täglich dazu zwingen müssen, sich auf die Märkte
vorzubereiten dann gehen Sie in sich und überlegen, ob Sie das Trading
wirklich interessiert oder ob Sie nur auf die rasche Kohle aus sind.
Haben Sie eigentlich kein Interesse an dem was Sie tun, merken Sie es in
erster Linie daran, wie gut Sie gerüstet sind. Von alleine und
freiwillig. Nicht weil Sie es müssen, sondern weil Sie es so wollen.

Seit fast drei Jahren bin ich mit meinem Trading selbständig. Seither
gilt für mich: ich arbeite nicht mehr. Ich habe nur noch Spaß an dem,
was ich tue. Deswegen bin ich vorbereitet weil es mir Freude macht.
Nicht das Geld verdienen bereitet diese Freude, das ist ein angenehmer
Nebeneffekt. Die Tätigkeit selbst füllt mich aus! Ist das bei Ihnen genauso?

Ich hoffe es. Sonst wird es mit Ihrem Trading nichts. Unter Garantie!

=> Diese Kolumne ins Forum einfügen und diskutieren <=




Hinweis: Stock-World veröffentlicht in dieser Rubrik Analysen, Kolumnen und Nachrichten aus verschiedenen Quellen. Verantwortlich für den Inhalt ist allein der jeweilige Autor.

Über den Autor
 
Autor: Thomas Vittner Thomas Vittner,
tradingredaktion.at

Thomas Vittner, geb. 1969 in Wien, hat den Beruf des Versicherungskaufmanns erlernt und war in diversen internationalen Konzernen in leitender Funktion als Underwriter und Produktmanager tätig. In mühevoller Kleinarbeit eignete sich Vittner sein Wissen über die Finanzmärkte als Autodidakt selbst an. Aus seinem Hobby wurde sein zweites Standbein und seine Erfolge zogen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich. Vittner agiert heute parallel und erfolgreich als Investor und Trader und schreibt regelmäßig Kolumnen in Fachzeitschriften und im Internet. Zudem veranstaltet er Seminare und Coachings über Trading.

Alle Artikel dieses Autors anzeigen

Kurssuche
Status: nicht eingeloggt

Registrieren | Passwort vergessen?
 
 
Im Bereich Experten:
Silber: Jetzt einsteigen?
Experte: Stefan Hofmann, Chefredakteur STOCK-WORLD WEE.
Kolumnen
Devin Sage TXA ...
Devin Sage, Technische-X-Analyse.de (26.05.12)
Experte: Devin Sage, Technische-X-Analyse.de
Erfolgreicher Börsengang !!!
Bernd Niquet, Autor (26.05.12)
Experte: Bernd Niquet, Autor
DAX & Facebook ...
Frank Sterzbach, Finanzen & Börse (26.05.12)
Experte: Frank Sterzbach, Finanzen & Börse
Dow Jones – alles auf ...
Jochen Steffens, Stockstreet GmbH (26.05.12)
Experte: Jochen Steffens, Stockstreet GmbH
GOLD: Baldiges Ende ...
Günther Artner, CFA - Erste Group B. (26.05.12)
Experte: Günther Artner, CFA - Erste Group Bank AG
Hüfners ...
Redaktion boerse-frank., Deutsche Börse AG (26.05.12)
Experte: Redaktion boerse-frankfurt.de, Deutsche Börse AG
Ungarn-Anleihe: Mögliche ...
Sven Krupp, (26.05.12)
Experte: Sven Krupp,
DAX: Weiterer ...
S. Böhm, DaxVestor (26.05.12)
Experte: S. Böhm, DaxVestor
US-Dollar: Vorläufiges ...
Herr Dr. Rettinger, Devisen-Trader (26.05.12)
Experte: Herr Dr. Rettinger, Devisen-Trader
Nullzins-Anleihe ...
Sabine Traub, Börse Stuttgart AG (26.05.12)
Experte: Sabine Traub, Börse Stuttgart AG
Bellhaven Copper & ...
Stefan Bender, silbernews (25.05.12)
Experte: Stefan Bender, silbernews
Euro-BTP-Futures: Forza ...
Dirk Friczewsky, Tradingstrategien (25.05.12)
Experte: Dirk Friczewsky, Tradingstrategien
Niquet's World
Neues vom Portal
 
Deutscher Schuldenschnitt - Neuer stoppt Real
Experte: Stefan Hofmann, Stock-World
Letzte Börsen-Meldung
 
Letzte Börsen-Analyse
 
Top-Klicks News
 
Top-Klicks Analysen