Druck und Angst - Was windige Verkäufer schon immer wussten



17:23 20.12.11

Smart Investor Weekly 51/2011
Druck und Angst - Was windige Verkäufer schon immer wussten.

Von vorweihnachtlicher Ruhe kann weiter keine Rede sein. Ereignisreiche Wochen liegen hinter uns und es spricht wenig dafür, dass wir in absehbarer Zeit in ruhigeres Fahrwasser kommen werden.

Herausragendes innenpolitisches Thema war aus unserer Sicht der von Frank Schäffler initiierte FDP-Mitgliederentscheid gegen den geplanten, sogenannten Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM, der über das konkrete Votum hinaus weiterreichende Implikationen hat: Es war das erste Mal, dass in einer bundedeutschen Partei "von unten" ein derartiges formelles Mitspracheverfahren angestrengt wurde. Eigentlich, so könnte man naiver Weise denken, ein Anlass zu Stolz und Freude der Parteiführung, einer derart lebendigen Organisation vorzustehen. Eigentlich, aber weit gefehlt. In der Praxis war dieser Mitgliederentscheid eine Bedrohung, die die Eitelkeit kränkte und Ämter gefährdete. Entsprechend waren die Argumente gegen den Antrag: Die Regierungsbeteiligung, die schöne Idee "Europa" (die bekanntlich durch die EU inzwischen vollkommen pervertiert wurde) und natürlich die Keule des totalen Zusammenbruchs. Der Parteiführung musste klar sein, wie dünn diese Argumente im Vergleich zu Schäfflers "besseren Ideen" eines Europas der Freiheit und Verantwortlichkeit waren. Liberalen Charme versprüht das Monstrum ESM jedenfalls nicht. In der Folge startete ein in vielerlei Hinsicht asymmetrisches Verfahren. Frank Schäffler ist freilich ein viel zu loyaler Charakter, solches öffentlich zu bemerken, allenfalls bemängelte er die "Schusseligkeit" der Parteiführung. Dennoch zog der "Underdog" nur knapp den Kürzeren - 54,4% für die Parteiführung und deren Gegenantrag. Wie wenig ergebnisoffen der Prozess war, sieht man auch daran, dass es wohl Planspiele gab, für den Fall eines Schäffler-Sieges dessen Unverbindlichkeit für die Abgeordneten herauszustellen - wegen deren Gewissensfreiheit. Erstaunlich, wie im Bedarfsfall sogar wieder das gute alte Grundgesetz bemüht wird. In der Praxis dringen die Abgeordneten ohnehin gar nicht mehr bis zu einer Gewissensentscheidung vor, weil es schon am Wissen fehlt. Oder können Sie mehrere hundert Seiten lange juristische Texte in einem halben Tag lesen?

Sieg der Trägheit
Das stärkste Signal sendeten allerdings die Parteimitglieder selbst aus: Wenn nicht einmal eine Schicksalsfrage wie der ESM sie in ausreichender Zahl motivieren kann, überhaupt abzustimmen, dann brauchen wir uns über einen Verlust von Gestaltungsrechten an den Brüsseler Apparat wahrlich nicht zu beschweren. Wie Thomas Jefferson formulierte: "Der Preis der Freiheit ist stetige Wachsamkeit". So gesehen muss sich keiner der heute Handelnden Sorgen über den Unwillen der Bevölkerung machen, deren satte Trägheit ist ihr größter Verbündeter und der eigentlich Feind der Freiheit.

Klima hellt sich auf
Während uns gerne vermittelt wird, dass auf den UN-Klimagipfeln, wie jüngst in Durban, besorgte Wissenschaftler um die Rettung der Welt kämpfen, ist es recht eigentlich ein ziemliches Geschacher, bei dem es weniger um Klima, als um Geld geht - im Zweifelsfall Ihres. Da werden neue Institutionen (mit entsprechenden Versorgungsposten), Transfermechanismen und Steuern ausgeheckt, deren wesentliche Stoßrichtung zu Lasten des Westens geht. Man schreckt nicht einmal davor zurück eine historische "Klimaschuld" zu konstruieren, die es nun abzutragen gelte. Tatsächlich ist das weniger Ausfluss von Wissenschaft, sondern von den Gruppen, die, wie jüngst in Durban, am stärksten vor Ort vertreten sind: Aktivisten und Lobbyisten des "ökologisch-industriellen Komplexes". Wer sich einmal einen Eindruck darüber verschaffen will, worüber auf dem Gipfel konkret gerungen wurde, der sollte sich den folgenden Beitrag von Lord Christopher Monckton ansehen:

http://www.eike-klima-energie.eu/news-cache/durban-was-die-medien-verschweigen/ (hier in deutscher Übersetzung) Die Seite www.eike-klima-energie.eu ist ohnehin eine der wenigen deutschsprachigen Seiten, die sich mit den Themen Klima und Energie abseits vom Mainstream regelmäßig und sehr engagiert auseinandersetzt. Zumindest eine zweite Meinung, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Dass Klimakompromisse immer nur an ganz wenigen Ländern scheitern, ist nicht weiter verwunderlich, das sind nicht etwa "Klimaschurken", sondern es sind meist diejenigen, die für die noble Aufgabe ausersehen sind, das Scheckbuch zu zücken. Vermeintliche Empfänger sind dagegen sichere Stimmen. Dass Kanada nun angekündigt hat, das Kyoto-Protokoll zu verlassen, wird im Mainstream zwar als "falsches Signal für den Klimaschutz" beweint, aber geschützt wird hier ohnehin nichts. Die Kanadier haben einfach den Braten gerochen, und das ist auch nicht sonderlich schwer, denn der stinkt mittlerweile zum Himmel.

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Subventioniert in die Pleite
Wie wenig in der höchstsubventionierten Branche der Erneuerbaren Energien tatsächlich rund läuft, davon legen die Aktienkurse der börsennotierten Solar- und Windaktien ohnehin ein sehr deutliches Zeugnis ab. Da ist es nur ein weiteres Schlaglicht, dass letzte Woche mit der Solon SE einer der renommierten deutschen Solarmodul-Hersteller Insolvenz anmeldete. Eine Episode, die wieder einmal auch zeigt, wie wenig sinnvoll es ist, mit der persönlichen Geldanlage Politik machen zu wollen, oder seiner Weltanschauung Ausdruck zu verleihen. Bis auf weiteres dürften Sie mit einer asiatischen Kohlegrube mehr Freude haben, als mit Sonne und heißer Luft aus Deutschland.

Zu diesem Thema findet sich ebenfalls im aktuellen Heft ein Artikel, welchen Sie hier lesen können: www.smartinvestor.de/klimakonferenz

Freiwillige Knechte
Während unser Geldsystem, nur durch ein Mehr an Interventionen überhaupt am Leben gehalten werden kann, was im Gefolge den von Hayek beschriebenen zwangsläufigen "Weg zur Knechtschaft" bedeutet, gibt es mit Hirngespinsten wie der "Klimaschuld" nun auch eine freiwillige Form der Knechtschaft - sozusagen zur Sicherheit. Überhaupt sind die Parallelen zwischen Euro- und Klima-"Rettung" augenfällig. Es werden unglaubliche Ängste geschürt und gleichzeitig ein enormer Zeitdruck aufgebaut, umgehend zu handeln. Das ist eine Vorgehensweise, die wir hauptsächlich von windigen Vertretern kennen und dort - einmal durchschaut - nicht als Aufforderung zur Unterschrift, sondern als Ausdruck mangelnder Seriosität werten.

Sloterdijk teilt aus
Eine Lektüre, die Sie sich über die Feiertage unbedingt gönnen sollten, ist das große Handelsblatt-Interview mit Peter Sloterdijk, dem vermutlich bekanntesten und gescheitesten philosophischen Kopf des Landes: Was Sloterdijk hier in langer historischer Perspektive, sowohl aus der Vergangenheit kommend als auch in die Zukunft weisend im Gespräch herausarbeitet, ist allemal lesens- und bedenkenswert, selbst wenn man nicht alle seine Ansichten teilt. Vor sogenannten Wirtschaftsweisen braucht sich der Philosoph jedenfalls nicht zu verstecken:

http://www.wiwo.de/politik/ausland/peter-sloterdijk-die-staaten-verpfaenden-die-luft-und-banken-atmen-tief-durch/5970638.html



Märkte
Die Aktienbörsen sind weiterhin sehr volatil. Was früher als Schwankung innerhalb von 3 oder 12 Monaten zu beobachten war, das geht heute in wenigen Wochen. Der DAX verlor z.B. in den letzten drei Wochen fast 8%. Ob das die Schuld der Rating-Agenturen ist, sei mal dahin gestellt. Fakt ist doch aber, dass das Euro-System nur noch unter größten Anstrengungen zusammengehalten werden kann. Hinzu kommt noch ein sich anbahnende wirtschaftliche Schwäche - zumindest auf mittlere Sicht. All dies erscheint uns nicht wirklich ein Umfeld, das zum Investieren einlädt. Entscheidend ist vielmehr, inwieweit sich die Politik zu monetärer Zügellosigkeit hinreißen lässt. Unsere Kanzlerin bleibt zwar noch standhaft, wenn es um die Einführung der sogenannten "Eurobonds" geht. Aber als Beobachter hat man das Gefühl, dass es sich dabei nur um Show handelt, d.h. über kurz oder lang wird man zu diesem letzten "Zaubermittel" greifen. Sobald dies der Fall ist, sind Sachwerte definitiv zu favorisieren. Bis dahin ist Vorsicht durchaus angebracht.

Solange also Europa mit diesem Problem zu kämpfen hat und Emerging Markets im Allgemeinen einen etwas angeschlagenen Eindruck machen, lohnt unserer Ansicht nach weiterhin ein Blick nach USA. Dort gibt es hervorragende Aktien mit anständigen Bewertungen. Zudem ist dieser Markt in den letzten Jahren von der internationalen Anlegerschaft eher gemieden worden, weshalb hier auch kaum "Überinvestiertheit" konstatiert werden kann.

Musterdepot
Wir haben uns daher entschlossen, zur morgigen Eröffnung (Mittwoch) 1.000 Aktien des US-Konzerns Intel* sowie 300 Aktien von Proctor Gamble bestens zu kaufen.

Intel* WKN: 855681 Stück: 1.000 Limit: bestens Volumen: ca. 7,5%
Procter WKN: 852062 Stück: 300 Limit: bestens Volumen: ca. 5,5%

Intel ist ausgezeichnet aufgestellt, verfügt über eine hohe Cashposition und hat in den letzten Jahren bewiesen, dass es sich auch auf umkämpften Märkt behaupten kann. Proctor ist ein Gigant aus dem Healthcare-Bereich und erwartet sowohl steigende Umsätze als auch steigende Gewinne. Näheres zu beiden Werten können Sie auch in der aktuellen Ausgabe Smart Investor 1/2012 auf Seite 10 nachlesen.

Zu den Griechenland-Anleihen
Bezüglich der Griechenland-Anleihen gibt es in Internetforen derzeit eine hitzige Diskussion. Es existieren nämlich zwei verschiedene Arten von Griechenland-Bonds: solche nach englischem Recht (= International Bonds) und solche nach griechischem Recht. Zu letzterer Sorte zählen 94% der ausstehenden Hellenen-Bonds. Auch diejenige Anleihe in unserem Musterdepot mit der Wertpapier-Kennnummer 830275 ist nach griechischem Recht konzipiert.

Diese beiden Arten unterscheiden sich u.a. hinsichtlich der sogenannten CAC-Klausel, welche in der englischen, nicht aber in der griechischen Variante gegeben ist. Diese Klausel besagt, dass bei einem von einer Gläubigermehrheit von mindestens 75% zugestimmten freiwilligen Schuldenschnitt auch für die restlichen Gläubiger dieser Schuldenschnitt verbindlich ist (obwohl sie nicht zugestimmt haben).

Somit ist bei einem freiwilligen Haircut, so wie er für Anfang des Jahres geplant ist, der Inhaber eines Bonds nach griechischem Recht nicht von diesem Schuldenschnitt betroffen. Oder anders ausgedrückt: Die Wahrscheinlichkeit, dass zu 100 zurückgezahlt wird, ist hier deutlich größer. Allerdings haben diese Bonds auch einen nicht zu unterschätzenden Nachteil. Sollte nämlich Griechenland bis zu Rückzahlung des Bonds Mitte Mai 2012 aus dem Euro aussteigen und zur Drachme zurückkehren, so würden diese Anleihen in Drachmen zurückzahlbar sein, was aus Sicht eines Euro-Anlegers einen dramatischen Verlust bedeuten würde.

Zusammengefasst bedeutet das: die sich in unserem Musterdepot befindliche Anleihe wäre von einem freiwilligen Schuldenschnitt von institutionellen Anlegern nicht betroffen (soweit man nicht zustimmt). Würde jedoch bis dahin eine Währungsumstellung erfolgen, so wären die Verluste daraus vermutlich deutlich größer (wie groß, das ist abhängig von dem dann herrschenden Wechselkurs der Drachme zum Euro; und dieser ist aus heutiger Sicht kaum kalkulierbar) als aus dem Schuldenschnitt bei den internationalen Bonds.

Wir müssen uns also darüber im Klaren sein, dass unsere Anleihe im Falle einer Währungsumstellung der Griechen (von Drachme zu Euro) einen enormen Verlust einfahren wird. Sollte es gar zu einem richtigen Bankrott (Default) kommen, so könnte der Verlust sogar bis zu 100% betragen. Aber wie schon früher erläutert: ein Default ist aus unserer Sicht nicht sehr wahrscheinlich.

Fazit
Alles spricht dafür, dass es im neuen Jahr ähnlich spannend und turbulent an den Märkten zugehen wird wie im alten. Für eine richtige Jahresendrally gibt es hingegen wenig Anzeichen. Gerade wegen den im neuen Jahr zu erwartenden Turbulenzen tut es dem einen oder anderen Börsianer sicherlich gut zwischen Jahren ein wenig zur Ruhe zu kommen und mit etwas Abstand über das Geschehene zu reflektieren. Die nächste Ausgabe des Weekly erscheint am 3.1.2012 (nur im Ausnahmefall werden wir auch zwischen den Feiertagen berichten). In diesem Sinne wünschen wir Ihnen fröhliche und friedliche Weihnachten sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr.

Ralph Malisch, Ralf Flierl


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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Dienstagnachmittag.

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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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