Wenn die Schuhe zu groß sind - wird Stolpern zur Gangart



20:32 03.01.12

Smart Investor Weekly 1/2012
Wenn die Schuhe zu groß sind - wird Stolpern zur Gangart

Unser Bundespräsident und der Eurobefinden sich am Scheideweg. Und die Märkte bejubeln dennoch 2012.

Für zwei war 2011 dann irgendwie doch noch ein gutes Jahr: Der Euro und der Bundespräsident konnten sich über den Jahreswechsel retten, wenn auch schwer angeschlagen. Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten Blick ist es jedoch genau jener Präsident Wulff, der demnächst das Gesetz zum sogenannten Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM auszufertigen hat. Nachdem Wulff sich vor einigen Monaten kritisch zu diesem Vehikel äußerte, konnte man sich vielleicht nicht mehr ganz so sicher sein, ob er derartige "Rettungsmaßnahmen" genauso eilfertig durchwinkt wie sein aus dem Amt geflohener Vorgänger. Es muss zu jener Zeit gewesen sein, als die Wühlarbeit in den Kreditakten des Präsidenten begann. Kritik an den Marschbefehlen der "alternativlosen" EU und selbsternannten "Euro-Retter"?! Nein, dazu war Wulff nicht so mühsam ins Amt gehievt worden. Die gegen Wulff entfesselte Kampagne - und die Spatzen lassen von den Dächern pfeifend durchblicken, dass weitere Munition bereitliegt - beruht überwiegend auf Altvorgängen, wie etwa seinen Urlaubsreisen und den erwähnten Kreditverträgen. Insidern sollte vieles davon bereits vor seiner Wahl bekannt gewesen sein. Möglicherweise machte ihn überhaupt erst diese latente Drohkulisse zum verlässlichen Wunschkandidaten?!

Darling der Meute
Gewiss, Wulff ist kein großer Präsident. Seine Anbiederung an den Zeitgeist wirkt genauso aufgesetzt wie der erhobene Zeigefinger, mit dem er den "lieben Mitbürgern" Wasser predigt. Zudem hat Wulff noch jedes Mal, wenn von ihm mehr als das Ablesen vorbereiteter Reden verlangt wurde, demonstriert, wie wenig er die Schuhe ausfüllen kann, in die er gestellt wurde. Stolpern wurde zur präsidialen Gangart und Ungeschicklichkeit das Markenzeichen Wulffschen Krisenmanagements. Schon bei seiner ersten Bewährungsprobe, dem "Fall Sarrazin" machte Wulff durch unbedachte Äußerungen eine denkbar unglückliche Figur. Dass er daraus nur mäßig beschädigt hervorging, ist dem Umstand zu danken, dass er seinerzeit noch der Darling der Meute war, während Sarrazin zum finsteren "Outlaw" stilisiert wurde. Schon damals wurde Wulffs schwieriges Verhältnis zur Presse deutlich, als er eine DIN-Norm für Journalisten forderte.

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Präsidenten-Mobbing
Seit gestern wird nun scharf geschossen. Mit einer gezielten Indiskretion aus dem Hause Springer erreicht die Affäre um Wulff ihren vorläufigen Höhepunkt: Natürlich zeigte man sich bei "Bild" nobel genug, die Entschuldigung des Staatsoberhaupts für dessen Wutanruf bei Bild-Chefredakteur Diekmann anzunehmen, aber eben nicht nobel genug, um die Sache nicht doch noch irgendwie nach außen dringen zu lassen. Medien, die bislang die Wulff-Affären klein zu schreiben suchten, treten nun beherzt nach. Das ist wahrer Sportsgeist. Wulff soll nun, so unser Eindruck schnellstmöglich ausgetauscht werden (fragt sich nur, gegen wen?), um den ESM-Prozess und ähnliche Ermächtigungsgesetze nicht weiter zu gefährden. Für den Fall jedoch, dass sich Wulff weiter an das Amt klammert, wird er wohl zahnlos in der Deckung bleiben. Zum Helden scheint er jedenfalls nicht geboren.

Am seidenen Faden
Dass das Überleben des Euro mittlerweile ebenfalls am seidenen Faden hängt, zeigen die Durchhalteparolen, der letzten Wochen und insbesondere Tage: Wenn Bundesfinanzminister Schäuble uns den Euro als "Erfolgsgeschichte" verkaufen will, fragt man sich zweierlei: Worin genau besteht der Erfolg dieser Geschichte aus deutscher Sicht und wenn Erfolg so aussieht, wie sähe dann eigentlich ein Misserfolg aus?! Auch Theo Waigel, "Vater des Euro", greift tief in die Mottenkiste und attestiert der Gemeinschaftswährung eine Lebensdauer von 400 Jahren, vergleichbar dem römischen Denar. Dagegen nahm sich Erich Honecker ungewohnt bescheiden aus, als er noch 1989(!) der Mauer einen Bestand von weiteren 100 Jahren vorhersagte.

Neu aber ist, dass es zu ersten Absetzbewegungen aus der Euro-Karawane innerhalb der aktiven Funktionsträger kommt. Offenbar will man sich schon für die Zeit nach dem Euro positionieren. Die Wirtschaftsweise Beatrice Weber di Mauro hält beispielsweise einen Euro-Zusammenbruch in 2012 für möglich und - Sensation, Sensation - traut sich, das auszusprechen. Sehr sehenswert ist ein Vortrag, den Prof. Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut unter dem Titel "Ist der Euro noch zu retten?" am 19.12.2011 in München hielt. Hier wird deutlich, dass die Verschärfung der Schuldenkrise in Europa, entgegen der allgemeinen Propaganda, sehr viel mit dem Zwangskorsett und der Mechanik der Währungsunion zu tun hat:

http://mediathek.cesifo-group.de/player/macros/_v_f_750_de_512_288/_s_ifo/_x_s-764870657/ifo/index.html

Zu den Märkten
Die Lage an den Aktienmärkten bleibt in dieser Gemengelage weiter unübersichtlich, geprägt von natürlichen Abtriebskräften und künstlichen Interventionen. Da scheint ein Blick auf den Chart hilfreich (DAX; oberer Chart), der zumindest zeigt, in welche Richtung sich die Anleger derzeit bewegen:
Dax Chart




Nach dem Absturz des Vorjahres bildete sich im DAX auf ermäßigtem Niveau eine Dreiecksformation aus, die gestern kraftvoll nach oben verlassen wurde. Im Gegensatz zum Ausbruchsversuch Anfang Dezember 2011 erfolgte die Bewegung dieses Mal mit einer langen weißen Kerze bei relativ guten Umsätzen (grüne Balken unten). Beides sind Indizien für eine tendenziell nachhaltigere Entwicklung. Im Vergleich zum MDAX gewann der DAX gestern ebenfalls an relativer Stärke (vgl. blaue Linie im unteren Bereich). Wir interpretieren dies als eine Bewegung, die Aktien nicht primär unter dem Gesichtspunkt der sich eintrübenden Konjunkturaussichten beurteilt, sondern als alternative Qualitätspapiere. Vor dem Hintergrund staatlicher Verschuldungsexzesse sind hinter Staatsanleihen vermehrt Fragezeichen zu setzen. Auch die Staatsanleihekäufe der EZB führen zu künstlich überhöhten Kursen in diesem Bereich und vertreiben entsprechend risikobewusste Anleger aus diesem Segment. Alternativen sind also gefragt und hier können Blue Chips mit bewährten und krisenerprobten Geschäftsmodellen allemal interessant sein. Zudem sind sie mit produktiver Unternehmenssubstanz und nicht mit bloßen Zahlungsversprechen schnell wechselnder Regierungen unterlegt.

Europa bleibt unübersichtlich
Die Lage in Europa ist auf Sicht der nächsten Monate unübersichtlich. Die zunehmend planwirtschaftlichen Lösungsversuche, die natürlich scheitern müssen, sind ebenso negativ, wie die durch das "Friedensprojekt Euro" aufbrechenden Gegensätze zwischen den einzelnen Nationen. Wir wollen daher das Musterdepot um zwei US-Blue-Chips ergänzen, welche bei einem schwächelnden Euro tendenziell steigende Notizen (in Euro) erfahren dürften:

Walt Disney (unterer Chart) zeigte sich auch im letzten Berichtsquartal (September 2011) von seiner ertragsstarken Seite. Nettoergebnis und Reingewinn konnten zweistellig gesteigert werden. Ein Dividendenriese ist die Aktie allerdings nicht, da weiter umfangreich investiert wird, etwa in das erste chinesische Disneyland in Shanghai. Dennoch ist das Unternehmen einer der wenigen Content-Provider von Weltrang, um den sich immer wieder auch Übernahmegerüchte ranken. Die Kriegskassen potenzieller Erwerber - hier taucht in der Gerüchteküche des Öfteren der Name Apple auf - sind jedenfalls prall gefüllt. Mehr zu Walt Disney auf S. 10 im aktuellen Heft 1/2012 (dort finden Sie auch unseren Jahresausblick).

Ebenfalls ein interessanter Dow-30-Wert ist der Pharma-Konzern Pfizer*, der bis vor zwei Monaten noch in unserem Musterdepot war und damals einem Stop-Loss-Mechanismus zum Opfer fiel. Das Unternehmen wird derzeit mit einem KGV von rund 10 recht preiswert gehandelt und ist dennoch gerade auf ein Mehr-Jahres-Hoch ausgebrochen. Werthaltigkeit + Momentum sind eine attraktive Konstellation für Anleger. Dass bei Pfizer über die nächsten Jahre Patente auslaufen und wenig Potenzial in der Pipeline steckt ist dagegen mittlerweile hinlänglich bekannt und sollte im Kurs bereits berücksichtigt sein.

Musterdepot
Wir erwerben zur morgigen Eröffnung 400 Walt Disney Aktien (WKN: 855 686; akt.: ca. 29 EUR bzw. ca. 38 USD), was etwa 5% unseres Depots ausmacht. Zudem erwerben wir 750 Pfizer Aktien (WKN: 852009; akt.: ca. 16,80 EUR) was ebenfalls rund 5% unseres Depots entspricht.

Fazit
Nichts ist gewiss! Die Wahrscheinlichkeiten sprechen aber dafür, dass erstens - mit oder ohne Wulff - Berlin weiter entmachtet und Brüssel gestärkt wird, dass zweitens der Euro weiter schwach bleibt, und dass drittens die Aktienbörsen vermutlich vor weiter deutlichen Kursgewinnen stehen.

Ralph Malisch, Ralf Flierl

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Die Charts wurden erstellt mit TradeSignal von www.tradesignal.de und Tai-Pan von Lenz+Partner. Diese Rubrik erscheint jeden Dienstagnachmittag.

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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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