Smart Investor Weekly 1/2012
Wenn die Schuhe zu groß sind - wird Stolpern zur Gangart
Unser Bundespräsident und der Eurobefinden sich am Scheideweg. Und
die Märkte bejubeln dennoch 2012.
Für zwei war 2011 dann irgendwie doch noch ein gutes Jahr: Der
Euro und der Bundespräsident konnten sich über den Jahreswechsel
retten, wenn auch schwer angeschlagen. Was das eine mit dem
anderen zu tun hat? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den
zweiten Blick ist es jedoch genau jener Präsident Wulff, der
demnächst das Gesetz zum sogenannten Europäischen
Stabilitätsmechanismus ESM auszufertigen hat. Nachdem Wulff sich
vor einigen Monaten kritisch zu diesem Vehikel äußerte, konnte man
sich vielleicht nicht mehr ganz so sicher sein, ob er derartige
"Rettungsmaßnahmen" genauso eilfertig durchwinkt wie sein aus dem
Amt geflohener Vorgänger. Es muss zu jener Zeit gewesen sein, als
die Wühlarbeit in den Kreditakten des Präsidenten begann. Kritik
an den Marschbefehlen der "alternativlosen" EU und selbsternannten
"Euro-Retter"?! Nein, dazu war Wulff nicht so mühsam ins Amt
gehievt worden. Die gegen Wulff entfesselte Kampagne - und die
Spatzen lassen von den Dächern pfeifend durchblicken, dass weitere
Munition bereitliegt - beruht überwiegend auf Altvorgängen, wie
etwa seinen Urlaubsreisen und den erwähnten Kreditverträgen.
Insidern sollte vieles davon bereits vor seiner Wahl bekannt
gewesen sein. Möglicherweise machte ihn überhaupt erst diese
latente Drohkulisse zum verlässlichen Wunschkandidaten?!
Darling der Meute
Gewiss, Wulff ist kein großer Präsident. Seine Anbiederung an den
Zeitgeist wirkt genauso aufgesetzt wie der erhobene Zeigefinger,
mit dem er den "lieben Mitbürgern" Wasser predigt. Zudem hat Wulff
noch jedes Mal, wenn von ihm mehr als das Ablesen vorbereiteter
Reden verlangt wurde, demonstriert, wie wenig er die Schuhe
ausfüllen kann, in die er gestellt wurde. Stolpern wurde zur
präsidialen Gangart und Ungeschicklichkeit das Markenzeichen
Wulffschen Krisenmanagements. Schon bei seiner ersten
Bewährungsprobe, dem "Fall Sarrazin" machte Wulff durch unbedachte
Äußerungen eine denkbar unglückliche Figur. Dass er daraus nur
mäßig beschädigt hervorging, ist dem Umstand zu danken, dass er
seinerzeit noch der Darling der Meute war, während Sarrazin zum
finsteren "Outlaw" stilisiert wurde. Schon damals wurde Wulffs
schwieriges Verhältnis zur Presse deutlich, als er eine DIN-Norm
für Journalisten forderte.
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Präsidenten-Mobbing
Seit gestern wird nun scharf geschossen. Mit einer gezielten
Indiskretion aus dem Hause Springer erreicht die Affäre um Wulff
ihren vorläufigen Höhepunkt: Natürlich zeigte man sich bei "Bild"
nobel genug, die Entschuldigung des Staatsoberhaupts für dessen
Wutanruf bei Bild-Chefredakteur Diekmann anzunehmen, aber eben
nicht nobel genug, um die Sache nicht doch noch irgendwie nach
außen dringen zu lassen. Medien, die bislang die Wulff-Affären
klein zu schreiben suchten, treten nun beherzt nach. Das ist
wahrer Sportsgeist. Wulff soll nun, so unser Eindruck
schnellstmöglich ausgetauscht werden (fragt sich nur, gegen wen?),
um den ESM-Prozess und ähnliche Ermächtigungsgesetze nicht weiter
zu gefährden. Für den Fall jedoch, dass sich Wulff weiter an das
Amt klammert, wird er wohl zahnlos in der Deckung bleiben. Zum
Helden scheint er jedenfalls nicht geboren.
Am seidenen Faden
Dass das Überleben des Euro mittlerweile ebenfalls am seidenen
Faden hängt, zeigen die Durchhalteparolen, der letzten Wochen und
insbesondere Tage: Wenn Bundesfinanzminister Schäuble uns den Euro
als "Erfolgsgeschichte" verkaufen will, fragt man sich zweierlei:
Worin genau besteht der Erfolg dieser Geschichte aus deutscher
Sicht und wenn Erfolg so aussieht, wie sähe dann eigentlich ein
Misserfolg aus?! Auch Theo Waigel, "Vater des Euro", greift tief
in die Mottenkiste und attestiert der Gemeinschaftswährung eine
Lebensdauer von 400 Jahren, vergleichbar dem römischen Denar.
Dagegen nahm sich Erich Honecker ungewohnt bescheiden aus, als er
noch 1989(!) der Mauer einen Bestand von weiteren 100 Jahren
vorhersagte.
Neu aber ist, dass es zu ersten Absetzbewegungen aus der
Euro-Karawane innerhalb der aktiven Funktionsträger kommt.
Offenbar will man sich schon für die Zeit nach dem Euro
positionieren. Die Wirtschaftsweise Beatrice Weber di Mauro hält
beispielsweise einen Euro-Zusammenbruch in 2012 für möglich und -
Sensation, Sensation - traut sich, das auszusprechen. Sehr
sehenswert ist ein Vortrag, den Prof. Hans-Werner Sinn vom
Ifo-Institut unter dem Titel "Ist der Euro noch zu retten?" am
19.12.2011 in München hielt. Hier wird deutlich, dass die
Verschärfung der Schuldenkrise in Europa, entgegen der allgemeinen
Propaganda, sehr viel mit dem Zwangskorsett und der Mechanik der
Währungsunion zu tun hat:
http://mediathek.cesifo-group.de/player/macros/_v_f_750_de_512_288/_s_ifo/_x_s-764870657/ifo/index.html
Zu den Märkten
Die Lage an den Aktienmärkten bleibt in dieser Gemengelage weiter
unübersichtlich, geprägt von natürlichen Abtriebskräften und
künstlichen Interventionen. Da scheint ein Blick auf den Chart
hilfreich (DAX; oberer Chart), der zumindest zeigt, in welche
Richtung sich die Anleger derzeit bewegen:

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Ralf Flierl, Smart Investor |
Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor".
Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated,
non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003
eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit,
das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.
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