Vom Sitzfleisch - im europäischen Kontext



23:42 10.01.12

Smart Investor Weekly 2/2012
Vom Sitzfleisch - im europäischen Kontext


Die Affären des Bundespräsidenten köcheln vor sich hin, aber die "Bild"-Zeitung mag sich mit dem Verbleib des Ungeliebten im Amt nicht recht abfinden.

Nun arbeitet man subtiler gegen Wulff, etwa in dem man prominent das Buch "Schulfrust" bespricht, in dem Viviane Cismak aus dem Kreuzberger Schulalltag von Schikanen muslimischer Machos gegen die christliche Minderheit zu berichten weiß. Unausgesprochen wirft das die Frage nach Wulffs Lebensferne auf, der postulierte, dass der Islam zu Deutschland gehöre. Zwar stammt das Buch bereits aus dem September 2011, aber Boulevard-Journalismus ist eben die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Wulff indessen kommuniziert mit dem Volk nun vorzugsweise über Anwälte. Das ist konsequent, denn durch unbedachte eigene Äußerungen hat er sich schon mehrfach fast um Kopf und Kragen geredet. Ansonsten ist für die Herstellung der Transparenz in der "Causa Wulff" nunmehr die Kombination aus präsidialem Sitzfleisch und schwachem Kollektivgedächtnis zuständig

Wunschkandidat auf Abwegen

Dass der Spaßfaktor im Amt für Wulff momentan eher gering ist, ist nachvollziehbar. Warum sich Wulff dennoch so daran klammert, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Alles steht und fällt mit der Zuspitzung der Euro-Krise - eigentlich eine durch untaugliche Maßnahmen seit zwei Jahren aktiv zugespitzte Krise. In jedem Fall benötigt die Regierung angesichts der Dynamik der Entwicklung einen funktionsfähigen Bundespräsidenten, also einen, der die vorgelegten Gesetze zügig und geräuschlos ausfertigt. Dazu gehört demnächst das ESM-Gesetz, zu dem sich Wulff bereits kritisch äußerte. Die Kampagne gegen ihn ist daher möglicherweise nur ein Warnschuss. Ziel war demnach nicht, ihn aus dem Amt zu drängen, sondern ihn daran zu erinnern, weshalb er überhaupt so mühsam in diese Position gehievt wurde: Als loyaler Vollstrecker der Regierungspolitik. Zwischen Merkel und die Hauptbetreiberin der Kampagne, die Bild-Zeitung, passt bekanntlich kaum ein Blatt Papier - derzeit. Ein zumindest äußerlich respektabler, dennoch willfähriger Nachfolger ließe sich in der Kürze der Zeit ohnehin nicht aus dem Hut zaubern. Was schließlich aus Sicht der Regierung gar nicht gefragt ist, ist ein autonomer und kantiger "Elder Statesman" vom Schlage eines Joachim Gauck. Lesen Sie mehr dazu in der kommenden Smart Investor Ausgabe 2/2012.

"Zocker-Steuer" zur Euro-Rettung
Wir beobachten aktuell eine martialische Sprache, die sich nicht nur bei diversen Kriegsdrohungen des Bundespräsidenten eingeschlichen hat. Folgt man der Bild-Zeitung, dann torpediere die FDP die "Merkel-Pläne" (auf Deutsch: Steuererhöhung). Tatsächlich hat der Juniorpartner Einwände gegen das untaugliche Instrument einer Finanztransaktionssteuer, zumal wenn sie nur einige Länder beträfe. Bild-offiziell heißt diese Steuer übrigens "Zocker-Steuer" - da kann man sich des Gejohles all jener sicher sein, die ohnehin keine direkten Steuern bezahlen. Dass uns eine neue Steuer, die letztlich die Bürger selbst trifft, unter der Überschrift "Euro-Rettung" verkauft wird, also zur Rettung der "Erfolgsgeschichte Euro" (O-Ton Waigel), zeugt von der tiefen Verachtung gegenüber dem Bürger und Steuerzahler, die sich im europäischen Politikbetrieb breitgemacht hat. Der eigentliche Skandal jedoch ist etwas, das sich in den Meldungen gleichlautend aber unverdächtig so liest: "Sie [die EU-Kommission!] verspricht sich davon Einnahmen von rund 57 Mrd. Euro pro Jahr in der EU, die sie zum Teil auf der Kommissionsebene halten will." Nach bewährter Salami-Taktik und durch die ebenso bewährte Hintertür will sich also die durch und durch undemokratische EU-Nomenklatura Teile einer eigens eingeführten Steuer einverleiben. Ein Riesenschritt in Richtung eigene Steuerhoheit für den Nicht-Staat EU. Wir halten es da weiter mit der originalen, der Bostoner Tea Party: "No Taxation without representation!" ("Keine Steuern ohne Mitspracherechte"). Wenn die Staatskasse wirklich nachhaltig gefüllt werden soll, empfehlen wir die Besteuerung von Politikern, insbesondere Euro-Erfindern und -Rettern nach dem Wert, den sie sich selbst beimessen, während man deren Gagen im Gegenzug an ihren tatsächlichen Wert anpassen sollte

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In die Falle "gerettet"

Dass die meisten sogenannten wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Regierungen ökonomisch(!) nicht nur vollkommen sinnlos, sondern sogar kontraproduktiv sind, mag der Umstand illustrieren, dass Griechenland, nach der x-ten Rettung durch "Merkozy", dem Traumpaar aller Bankrotteure, schon wieder vor der Staatspleite steht bzw. damit droht. Wir stimmen der Analyse von Prof. Hans-Werner Sinn vom Münchner ifo-Institut zu, der die Situation damit umschrieb, dass wir, also Deutschland, inzwischen "so oder so in der Falle" sitzen. Eine Falle, so dürfen wir ergänzen, in die uns die Regierung Merkel/Schäuble entweder aus ökonomischem Unvermögen oder in ihrer EU-Trunkenheit planvoll hineingeführt hat bzw. sich hineinführen ließ. Die Hälfte des deutschen Netto-Auslandsvermögens besteht mittlerweile aus Forderungen gegen das EZB-System - Papiere, die bereits heute von fragwürdiger Qualität sind und die nach einem Bruch der Euro-Zone wohl weitgehend wertlos wären. Dies ist das Ergebnis einer mehrjährigen "Rettungspolitik", die niemanden gerettet hat (siehe Griechenland). Dennoch wird auf diesem Irrweg weiter vorangeschritten (werden müssen), in der Hoffnung den unvermeidlichen Kollaps zumindest solange hinauszuzögern, bis man ihn den Nachfolgern in die Schuhe schieben kann. Politiker nennen das wohl Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit. Da das Euro-Pyramidenspiel "alternativlos" am Leben erhalten wird, sind Haftungs- und Transferunion unausweichlich. Das Geschwätz von der "Stabilitätsunion", das nun allenthalben zu hören ist, ist genau das: Geschwätz. Schon die Maastricht-Verträge wurden fröhlich gebrochen und das wird bei einem verschärften "Stabilitätspakt" eher noch schneller passieren. Die Notenbank, die auf europäischem Boden eine Stabilitätskultur wie keine zweite gelebt hatte, war die Deutsche Bundesbank. Sie wurde im EZB-System "erfolgreich" majorisiert. Da passt es, dass wir heute lesen, dass Finanzminister Schäuble die Schuldenbremse aushebeln will, "wenn Schulden unvermeidlich sind". Wann, so fragen wir, waren sie das aus Sicht von Politikern, die regelmäßig ihre Klientel bestechen müssen, um sich an der Macht zu halten, eigentlich nicht?!

Vom privaten Segen des Amtes


Eine Randbemerkung zum grassierenden Interventionismus lesen wir aus der Schweiz. Der Präsident der dortigen Notenbank Philipp Hildebrand ist zurückgetreten. Hildebrand "machte sich einen Namen" durch die einseitige Anbindung des noch halbwegs soliden Schweizer Franken an den todkranken Euro. Neben ihrer ökonomischen Sinnlosigkeit beleuchtet diese Episode einen weiteren Aspekt, der gerne vergessen wird: Die Nähe zu Insiderwissen mag dem einen oder anderen Amtsinhaber so verlockend erscheinen, dass er sie zum persönlichen Vorteil ausnutzt. Wenigstens zog Hildebrand die Konsequenzen und trat zurück. Glücklicherweise sind Politiker hierzulande so charakterfest, dass für Rücktritte auch weiter kein Anlass besteht.

Märkte/Musterdepot
Die letzte Woche georderten 400 Walt Disney Aktien (WKN: 855686) wurden zu 29,62 EUR eingebucht, die 750 Pfizer Aktien (WKN: 852009) zu 16,82 EUR. Damit beträgt die Investitionsquote derzeit etwa 94%. Dabei wurde in den letzten Wochen ein klarer Schwerpunkt auf die USA, und dort auf große Titel, gelegt. Wie in unserem Kapitalmarktausblick (Hefte 1/2012) ausgeführt, gehen wir davon aus, dass die USA der Spitzenreiter unter den Weltbörsen während des letzten Stücks des Bullenmarktes sein wird (CuB). Sehr positiv und bestärkend in diesem Sinne werten wir dabei den Ausbruch aus einer charttechnischen Dreiecksformation beim S nach oben.

CHART SP
 
Roland Baader ist tot
Vergangenen Sonntag verstarb der große Freiheitsdenker Roland Baader in seinem Geburtsort Waghäusel-Kirrlach nach langer und schwerer Krankheit. Mit ihm verliert die Österreichische Schule der Ökonomik einen ihrer sprachgewaltigsten und scharfsinnigsten Vertreter. Auch für Smart Investor war Roland Baader mehr als nur ein exzellenter Gastautor und druckreifsprechender Interviewpartner - lesen Sie hierein Interview mit ihm, welches wir im Jahre 2010 geführt haben und welches bis heute nichts von seinem Sinn eingebüßt hat. Von Baader's Wirken bleiben unzählige Aufsätze und weit mehr als ein Dutzend Bücher, die alle seinen scharfen Geist und seine klare Sprache atmen sowie seine Liebe zu den Menschen widerspiegeln. Wir verneigen uns vor einem großen "Österreicher" und sind, bei aller Trauer über seinen Verlust, froh und dankbar für sein Lebenswerk.

Fazit
Wir bleiben bullish, zumindest bis sich die Märkte an die alten Hochs des Jahres 2007 herantasten (vgl. Kapitalmarktausblick Smart Investor 1/2012). Im Übrigen dürfte der Irrsinn rund um den Euro um weitere Rettungskapitel erweitert werden.

Ralf Flierl, Fabian Grummes, Ralph Malisch



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Über den Autor
 
Autor: Ralf Flierl Ralf Flierl,
Smart Investor

Ralf Flierl ist Chefredakteur der Anlegerpublikation "Smart Investor". Kritisch, unvoreingenommen, unabhängig, antizyklisch, sophisticated, non-Mainstream.... kurz: smart - das sind die Attribute des im Mai 2003 eingeführten "Smart Investor" . Weitere Informationen sowie die Möglichkeit, das Magazin kostenlos zu testen, finden Sie unter www.smartinvestor.de.

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