Anfang einer Revolution



10:38 18.01.12

Mal Hand auf’s Herz. Wann haben Sie ihrem Chef bzw. Vorgesetzten zum letzten Mal gesagt, dass das was er da gerade macht, völliger Unsinn ist? Wann sind sie dem richtigen Weg gefolgt, obwohl die vorgegebene Generallinie eine ganz andere war?

Wenn Sie jetzt etwas beschämt zu Boden blicken, dann kann ich Sie beruhigen. Sie stehen da nicht allein und liegen damit auch gar nicht so falsch. Die meisten Menschen verhalten sich nämlich genauso. Von einem persönlichen Standpunkt aus gesehen, ist das auch gar nicht so verkehrt. Selbst, wenn damit möglicherweise alles in die falsche Richtung läuft. Zumindest behält man seinen Job, fällt nicht besonders auf und hat damit beste Voraussetzung auch die nächste Beförderungsstufe zu erreichen. Denn wie viele Chefs gibt es wohl in Deutschland, denen sie direkt ins Gesicht sagen können, dass seine Vorschläge Mist sind. Wie das z.B. bei Steve Jobs und Apple der Fall war.

Das dieses individuell verständliche, rationale und karrierezuträgliche Verhalten für eine Gemeinschaft katastrophale Folgen haben kann, zeigt die Finanzkrise so deutlich wie nie. Wobei ein solches Verhalten immer auf die Unternehmenspraxis bezogen wird. Jetzt aber hat sich einer zu Wort gemeldet, der diese Praxis auch in der Wissenschaft beobachtet und vor den Folgen warnt.

Der Leiter des hiesigen renommierten und von mir persönlich sehr geschätzten Kieler Instituts für Weltwirtschaft hat in einem Interview mit der Financial Times Deutschland beklagt, dass viele ökonomische Modelle veraltet seien. Was die Finanzkrise offenbart habe. So gehen z. B. viele Modelle von einem rational handelnden Menschen aus. Was nun wirklich nicht der Fall ist. Das kann jeder von uns nun wirklich auf leidliche Art tagtäglich beobachten. Wobei es oft Kleinigkeiten sind, an denen sich der persönliche Ärger ob eines irrationalen und wenig zuträglichen Verhaltens entzündet.

Interessant ist aber die Begründung von Prof. Dr. Snower, warum das so ist. „Um Karriere machen zu wollen, müssen Volkswirte ihre Forschungsergebnisse in den renommierten Zeitschriften veröffentlichen“, stellt er fest. Das funktioniert seiner Meinung nach aber mit existierenden und leicht modifizierten Theorien und Ansätzen besser, als wenn man exotische Ideen vorträgt. Und so schmeichelt man auch hier im Wissenschaftsbereich den wenig widerspruchserprobten Granden, was den Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn zu der etwas sarkastischen Bemerkung veranlasste, dass „Wissenschaft Fortschritte macht, weil Wissenschaftler (aus)sterben.“

Das Problem ist dabei nur, dass diese fein gescheitelten und auf Linie gebrachten Pseudo-Wissenschaftler dann später u.a. in der Politikberatung auftauchen und da ja schlecht was anderes von sich geben, können als zuvor veröffentlicht. Und so führt das individuell rationale Handeln, das in normalen Zeiten möglicherweise keine allzu großen Wellen schlägt, in Krisenzeiten mitunter zu einem kollektiven Desaster.

Das Eingeständnis der OECD, dass man „die Griechenlandkrise falsch behandelt“ hätte und nun „teuer dafür bezahlen müsse“ ist möglicherweise ein Beleg bzw. Beispiel dafür. Wobei man zur Ehrenrettung vieler vieler guter Volkswirte sagen muss, dass die sich in diesem speziellen Fall sogar in einem Aufruf eindrucksvoll zu Wort gemeldet haben und leider von unserer alternativlosen Regierung mit ihrer alternativlosen Regierungschefin schlicht ignoriert wurden. Wie später die Warner vor einem zu schnellen und damit zu teuren Atomausstieg, die ja nicht automatisch Atomfreunde sind, sondern manchmal schlicht nur kühle Rechner und Kaufleute oder diejenigen, die gegen den unseligen Bad Notenbank EZB Kurs Sturm liefen und weiter laufen. Oder den jetzt zwar vorgezogenen, aber sofort herabgestuften ESFS/ESM.

Und so ist es geradezu ein Treppenwitz, wenn nun von jenen, die Alternativen scheuen, wie der Teufel das Weihwasser, Innovation in den Vordergrund geschoben und als Parole für die Zukunft ausgegeben wird. Neue Ideen darf man nämlich nicht nur haben wollen müssen, man muss auch ein Umfeld vorfinden, in dem man sie umsetzen kann. Ich habe fast das Gefühl, dass diejenigen, die das Wort Innovation in den Mund nehmen, sich der Bedeutung und vor allem der Auswirkungen in der Alltagspraxis nicht recht bewusst sind. Sonst würden sie es meiden.

Innovation heißt zu allererst Widerspruch. Oder Revolution. Sich nicht mit dem zufriedengeben, was man vorfindet. Denn Innovatoren wie z. B. auch wir von Globalyze machen nichts anderes, als dass wir uns mit dem Althergebrachten nicht zufriedengeben, das Bisherige auf den Kopf stellen, um dann plötzlich mit lange als scheinbar richtig Erkanntem und Etablierten gnadenlos und radikal aufzuräumen bzw. zu brechen. Um dann anschließend etwas Neues zu präsentieren, was dann auch besser ist, wenngleich es am Anfang noch meist kritisch beäugt wird. Das gipfelt dann, historisch gesehen, im Extremfall in so gotteslästerlichen Behauptungen wie die von Galileo Galilei oder Martin Luther, um nur einige wenige zu nennen. Die mitunter ganze Weltsichten verändern.

Dass man bei Entdeckung der Eisenbahn gedacht hat, dass die Tiere und Menschen entlang der Eisenbahnstrecken schwindsüchtig werden und man den Entdecker des Magnetismus, der von Kräften und Teilchen sprach, die man nicht sehen konnte, von seinen Wissenschaftskollegen zunächst als Scharlatan abgetan wurde, ist dabei Legende.

Eines zeigt aber das Interview von Snower und auch die Geschichte der Innovation recht deutlich. Am Anfang steht das infrage stellen des Ist-Zustands und der Wunsch diesen zu verbessern. Dass man damit den Etablierten auf die Füße tritt und Aufschreie und Gegenreaktionen auslöst, muss da nicht verwundern. Schließlich werden by the way alte Erbhöfe schlachtreif geschossen. Und dann geht es natürlich um viel Geld und Macht.

Insofern ist eine alternativlose Gesellschaft der Glattgebügelten alles andere als wünschenswert. Gleichzeitig aber ist sie für einen gewissen Zeitraum aber auch so etwas von bequem und hilfreich. Wobei jeder wissen muss, dass wir für alles im Leben – früher oder später – die Rechnung präsentiert bekommen.

Die Globalisierung nimmt auf diese Nischen, in denen es sich bei uns viele zu recht gemacht haben, keine Rücksicht. Im Gegenteil.

Dass Bessere ist der Feind des Guten gilt um so mehr. Und Besseres als das, was wir derzeit machen, gibt es allzu mal. Nicht nur in der Politik und im Finanzsektor.



Insofern ist es an der Zeit für Wandel, und zwar angefangen bei uns selbst. „Du musst Dein Leben ändern“ meint dazu der Philosoph Peter Sloterdijk, der nach diesem Imperativ sein Buch benannt hat. Lassen wir uns nicht mehr mit Zweitklassigkeit abspeisen. Lassen wir uns alternativlosen Stillstand nicht mehr als aktive Politik verkaufen. Und lassen wir uns auf Beratungsresistenz basierendes offensichtliches und bewusstes Versagen nicht mehr bieten.

Und schätzen wir wieder die Andersartigkeit. Und zwar nicht nur in Feldern wie Immigration, wo man political correct punkten kann, sondern auch und besonders in den Tabubereichen und dort wo es weh tut.

Nur so schreiten wir weiter fort. Alles andere ist klein, kleiner und niveauloser Rückschritt. Und so ist mit Prof. Dr. Snower zu hoffen, dass wir nicht nur in der (volkswirtschaftlichen) Wissenschaft am „Anfang einer Revolution“ stehen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und stets hohe Renditen.

Ihr Norbert Lohrke

Globalyze
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Über den Autor
 
Autor: Norbert Lohrke Norbert Lohrke,
Globalyze Invest AG

Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“

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