Mal Hand auf’s Herz. Wann haben Sie ihrem Chef bzw. Vorgesetzten zum
letzten Mal gesagt, dass das was er da gerade macht, völliger Unsinn
ist? Wann sind sie dem richtigen Weg gefolgt, obwohl die vorgegebene
Generallinie eine ganz andere war?
Wenn Sie jetzt etwas beschämt zu Boden blicken, dann kann ich Sie
beruhigen. Sie stehen da nicht allein und liegen damit auch gar
nicht so falsch. Die meisten Menschen verhalten sich nämlich
genauso. Von einem persönlichen Standpunkt aus gesehen, ist das auch
gar nicht so verkehrt. Selbst, wenn damit möglicherweise alles in
die falsche Richtung läuft. Zumindest behält man seinen Job, fällt
nicht besonders auf und hat damit beste Voraussetzung auch die
nächste Beförderungsstufe zu erreichen. Denn wie viele Chefs gibt es
wohl in Deutschland, denen sie direkt ins Gesicht sagen können, dass
seine Vorschläge Mist sind. Wie das z.B. bei Steve Jobs und Apple
der Fall war.
Das dieses individuell verständliche, rationale und
karrierezuträgliche Verhalten für eine Gemeinschaft katastrophale
Folgen haben kann, zeigt die Finanzkrise so deutlich wie nie. Wobei
ein solches Verhalten immer auf die Unternehmenspraxis bezogen wird.
Jetzt aber hat sich einer zu Wort gemeldet, der diese Praxis auch in
der Wissenschaft beobachtet und vor den Folgen warnt.
Der Leiter des hiesigen renommierten und von mir persönlich sehr
geschätzten Kieler Instituts für Weltwirtschaft hat in einem
Interview mit der Financial Times Deutschland beklagt, dass viele
ökonomische Modelle veraltet seien. Was die Finanzkrise offenbart
habe. So gehen z. B. viele Modelle von einem rational handelnden
Menschen aus. Was nun wirklich nicht der Fall ist. Das kann jeder
von uns nun wirklich auf leidliche Art tagtäglich beobachten. Wobei
es oft Kleinigkeiten sind, an denen sich der persönliche Ärger ob
eines irrationalen und wenig zuträglichen Verhaltens entzündet.
Interessant ist aber die Begründung von Prof. Dr. Snower, warum das
so ist. „Um Karriere machen zu wollen, müssen Volkswirte ihre
Forschungsergebnisse in den renommierten Zeitschriften
veröffentlichen“, stellt er fest. Das funktioniert seiner Meinung
nach aber mit existierenden und leicht modifizierten Theorien und
Ansätzen besser, als wenn man exotische Ideen vorträgt. Und so
schmeichelt man auch hier im Wissenschaftsbereich den wenig
widerspruchserprobten Granden, was den Wissenschaftstheoretiker
Thomas Kuhn zu der etwas sarkastischen Bemerkung veranlasste, dass
„Wissenschaft Fortschritte macht, weil Wissenschaftler
(aus)sterben.“
Das Problem ist dabei nur, dass diese fein gescheitelten und auf
Linie gebrachten Pseudo-Wissenschaftler dann später u.a. in der
Politikberatung auftauchen und da ja schlecht was anderes von sich
geben, können als zuvor veröffentlicht. Und so führt das individuell
rationale Handeln, das in normalen Zeiten möglicherweise keine allzu
großen Wellen schlägt, in Krisenzeiten mitunter zu einem kollektiven
Desaster.
Das Eingeständnis der OECD, dass man „die Griechenlandkrise falsch
behandelt“ hätte und nun „teuer dafür bezahlen müsse“ ist
möglicherweise ein Beleg bzw. Beispiel dafür. Wobei man zur
Ehrenrettung vieler vieler guter Volkswirte sagen muss, dass die
sich in diesem speziellen Fall sogar in einem Aufruf eindrucksvoll
zu Wort gemeldet haben und leider von unserer alternativlosen
Regierung mit ihrer alternativlosen Regierungschefin schlicht
ignoriert wurden. Wie später die Warner vor einem zu schnellen und
damit zu teuren Atomausstieg, die ja nicht automatisch Atomfreunde
sind, sondern manchmal schlicht nur kühle Rechner und Kaufleute oder
diejenigen, die gegen den unseligen Bad Notenbank EZB Kurs Sturm
liefen und weiter laufen. Oder den jetzt zwar vorgezogenen, aber
sofort herabgestuften ESFS/ESM.
Und so ist es geradezu ein Treppenwitz, wenn nun von jenen, die
Alternativen scheuen, wie der Teufel das Weihwasser, Innovation in
den Vordergrund geschoben und als Parole für die Zukunft ausgegeben
wird. Neue Ideen darf man nämlich nicht nur haben wollen müssen, man
muss auch ein Umfeld vorfinden, in dem man sie umsetzen kann. Ich
habe fast das Gefühl, dass diejenigen, die das Wort Innovation in
den Mund nehmen, sich der Bedeutung und vor allem der Auswirkungen
in der Alltagspraxis nicht recht bewusst sind. Sonst würden sie es
meiden.
Innovation heißt zu allererst Widerspruch. Oder Revolution. Sich
nicht mit dem zufriedengeben, was man vorfindet. Denn Innovatoren
wie z. B. auch wir von Globalyze machen nichts anderes, als dass wir
uns mit dem Althergebrachten nicht zufriedengeben, das Bisherige auf
den Kopf stellen, um dann plötzlich mit lange als scheinbar richtig
Erkanntem und Etablierten gnadenlos und radikal aufzuräumen bzw. zu
brechen. Um dann anschließend etwas Neues zu präsentieren, was dann
auch besser ist, wenngleich es am Anfang noch meist kritisch beäugt
wird. Das gipfelt dann, historisch gesehen, im Extremfall in so
gotteslästerlichen Behauptungen wie die von Galileo Galilei oder
Martin Luther, um nur einige wenige zu nennen. Die mitunter ganze
Weltsichten verändern.
Dass man bei Entdeckung der Eisenbahn gedacht hat, dass die Tiere
und Menschen entlang der Eisenbahnstrecken schwindsüchtig werden und
man den Entdecker des Magnetismus, der von Kräften und Teilchen
sprach, die man nicht sehen konnte, von seinen Wissenschaftskollegen
zunächst als Scharlatan abgetan wurde, ist dabei Legende.
Eines zeigt aber das Interview von Snower und auch die Geschichte
der Innovation recht deutlich. Am Anfang steht das infrage stellen
des Ist-Zustands und der Wunsch diesen zu verbessern. Dass man damit
den Etablierten auf die Füße tritt und Aufschreie und
Gegenreaktionen auslöst, muss da nicht verwundern. Schließlich
werden by the way alte Erbhöfe schlachtreif geschossen. Und dann
geht es natürlich um viel Geld und Macht.
Insofern ist eine alternativlose Gesellschaft der Glattgebügelten
alles andere als wünschenswert. Gleichzeitig aber ist sie für einen
gewissen Zeitraum aber auch so etwas von bequem und hilfreich. Wobei
jeder wissen muss, dass wir für alles im Leben – früher oder später
– die Rechnung präsentiert bekommen.
Die Globalisierung nimmt auf diese Nischen, in denen es sich bei uns
viele zu recht gemacht haben, keine Rücksicht. Im Gegenteil.
Dass Bessere ist der Feind des Guten gilt um so mehr. Und Besseres
als das, was wir derzeit machen, gibt es allzu mal. Nicht nur in der
Politik und im Finanzsektor.

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Norbert Lohrke, Globalyze Invest AG |
Diplom-Volkswirt Norbert Lohrke betreibt seit 2004 www.globalyze.de mit seiner einzigartigen voll-automatisierten fundamentalen Aktienauswahl. Daraus resultieren renditeträchtige Produkte wie Top10 Plus, Top Flop, Value Börsenbrief und der Aktienfonds Globalyze QuantValue (A1JL1H). Nicht zuletzt aufgrund seiner Erfahrungen aus Wirtschaftsprüfung und Bewertung sowie seiner kritischen Betrachtungsweise ist der Investmentprofi einer der meistgelesenen Wirtschaftsautoren im deutschsprachigen Raum. Sein Slogan? „Rendite ist kein Zufall“
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