Einäugiger unter Blinden



09:07 19.01.12

Am vergangenen Freitag hat die Ratingagentur Standard & Poors (S&P) neun
EU-Länder in ihrer Kreditwürdigkeit abgestuft - unter anderem Frankreich
und Österreich. Damit war auch die Grundlage für das Triple A-Rating für
den Rettungsschirm EFRS entzogen, so dass inzwischen auch hier die
Top-Bewertung fiel. Ein Aufschrei ging durch die (europäische)
Finanzwelt, der aber bei genauer Betrachtung nur teilweise
gerechtfertigt ist. An den Abstufungen selbst ist nichts auszusetzen.
Vielmehr muss man sich wundern, dass Deutschland seine Topnote behalten
hat und der Ausblick sogar von negativ auf stabil erhöht wurde.

Spitze des Eisbergs

Ein Triple-A-Rating legt nahe, dass das Ausfallrisiko für eine Anleihe
faktisch Null beträgt. Zuletzt lag die Verschuldung der Bundesrepublik
aber bei rund 80 Prozent des BIPs. Trotz XXL-Boom wird Deutschland auch
2011 wieder einen zweistelligen Milliardenbetrag an neuen
Verbindlichkeiten aufhäufen. Die etwa zwei Billionen Euro Schulden sind
aber nur die Spitze des Eisbergs. Der Staat hat noch eine Vielzahl an
Versprechen ausstehen, die in den kommenden Jahrzehnten fällig werden
(vor allem in Form von Pensionen und Sozialleistungen). Da diese
nirgends verbucht sind, gibt es über die Höhe nur Schätzungen. Der
Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen kalkuliert den
Betrag auf zusätzliche 4,8 Billionen Euro. Damit käme Deutschland auf


eine Gesamtschuldenlast von fast sieben Billionen Euro oder 260 Prozent
des BIPs. Der US-Ökonom Kenneth Rogoff hat in Langzeitstudien
festgestellt, dass staatliche Verschuldungsquoten ab 90 Prozent massive
Probleme mit sich bringen. Die Bundesrepublik mag besser dastehen als
die anderen Länder der Eurozone. Es kann aber allenfalls die Rede von
einem Einäugigen unter Blinden sein. Auf lange Sicht wird auch
Deutschland seine Schulden nicht zurückzahlen.

Ärgerliche Bevorzugung

Auffallend und ärgerlich ist dagegen die Asymmetrie durch S&P bei der
Bewertung anderer Industrieländer wie den USA, Großbritannien oder
Japan. Obwohl diese sowohl bei der Neu- als auch bei der
Gesamtverschuldung deutlich schlechter dastehen und bislang keinerlei
Anstrengungen unternehmen, mit Reformen die Situation zu verbessern,
liegen die Ratings genauso gut oder besser als für die EU-Länder. Diese
Bevorzugung ist nicht gerechtfertigt und untergräbt die laufenden
Reformbemühungen der Euro-Zone.

In diesem Sinne

Wolfgang Braun

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Über den Autor
 
Autor: Wolfgang Braun Wolfgang Braun,
Aktien-Strategie

Wolfgang Braun ist Chefredakteur der Aktien-Strategie (früher Global Performance). Der seit 1999 erscheinende Börsenbrief hat sich auf deutsche Wachstums-Aktien spezialisiert. Dank einer ausgefeilten und bewährten Anlagestrategie schlägt das Musterdepot die Vergleichsindizes deutlich. So schaffte das Wachstumswerte-Depot seit seiner Auflegung im März 1999 eine durchschnittliche jährliche Performance von rund 15 Prozent - obwohl in diesen Zeitraum der dramatische Niedergang des Neuen Marktes sowie die Finanzkrise 2008 fällt. Weitere Informationen unter www.aktien-strategie.de

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